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Marburg Ausbesserung von Wasserschäden in Alter Aula
Marburg Ausbesserung von Wasserschäden in Alter Aula
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11:56 12.08.2020
Restaurator Alexander Klassen steht auf einem Baugerüst in der Alten Aula. Foto: Tobias Hirsch
Restaurator Alexander Klassen steht auf einem Baugerüst in der Alten Aula. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Die Alte Aula wird in diesen Tagen und wohl noch die kommenden Monate zu einer Art Restaurationswerkstatt auf Zeit. Das Bild vom Weg der Reformatoren Luther, Melanchthon und Zwingli zur Begrüßung durch Landgraf Philipp vor dem Reformationsgespräch auf dem Marburger Schloss ist derzeit mit einer meterhohen durchsichtigen Plastikplane verdeckt.

Die Bestuhlung im Innenraum ist zwischenzeitlich an den Rand geräumt worden. Und zwei Spezialgerüste, die bis unter den Rand der acht Meter hohen Decke der „guten Stube“ der Marburger Universität reichen, sind aufgebaut worden.

Sie verdecken die beiden Gemälde fast komplett, die die Begrüßung des Philosophen Christian Wolff durch Marburger Studenten im Jahr 1723 sowie den Auszug der Dominikaner aus dem ehemaligen Dominikanerkloster und ihre Überlassung des Gebäudes an die neu gegründete Universität im Jahr 1527 zeigen.

Der Grund für die derzeitige Sanierung liegt schon fast 15 Jahre zurück. „Es gab damals eine Zeit lang eine schwierige Witterungsphase“, erläutert Diplom-Ingenieur Jörn Eigmüller, der im Gebäude-Dezernat der Marburger Hochschule die Verantwortung für die Alte Universität trägt, in der der prunkvolle Saal das Herzstück ist.

Gutachten sah 2015 keinen Sanierungsbedarf

Der winterliche Wechsel aus Schnee, Kälte, und Tauwasser verstopfte die Dachentwässerung des historischen Uni-Gebäudes und es gab einen Wasserrückstau. In der Folge gab es Feuchtigkeitsschäden an den Außenwänden der Alten Aula. Zum Glück folgten in den Jahren danach nicht mehr solche extremen Wetter-Kapriolen. „Um weiteren Schäden vorzubeugen, haben wir das Dach in diesem Bereich saniert und so zunächst einmal die Ursache behoben“, ergänzt Maja Turba, Leiterin der Uni-Bauabteilung und der Sicherheitstechnik.

Unter anderem hatten die Experten aus der Uni-Bauabteilung aber beobachtet, dass über die Jahre hinweg regelmäßig an einigen Stellen Putz abbröckelte. Das Ergebnis eines von der Uni-Leitung 2015 in Auftrag gegebenen Gutachtens war, dass zunächst kein akuter Bedarf für eine Sanierung vorlag.

Die Alte Aula in Marburg ist derzeit geschlossen,weil sie restauriert wird.

„Glücklicherweise sind die sieben Historienbilder kaum betroffen“, resümiert Jörn Eigmüller. Vor allem betroffen sind aber die gemalten Verzierungen oberhalb der überdimensionalem Wandgemälde von Peter Janssen aus dem Jahr 1903, die historische Szenen aus der Marburger Universitäts- und Stadtgeschichte darstellen. Diese Wandstellen sind verziert mit regelmäßig wiederkehrenden Ornamenten, in denen man einerseits Drachen und andererseits Pflanzen mit Blättern und Zweigen erkennt. Experten bezeichnen sie als Bordüren.

Zusammengefasst war klar: Eine Restaurierung war zwar nicht zwingend notwendig, aber vor allem aus ästhetischen Gründen ein Desiderat. Denn vor allem den Besuchern der zahlreichen Uni-Veranstaltungen in der Alten Aula in den vordersten Reihen fielen die Verfärbungen und abgebröckelten Stellen schon auf, wenn sie nach oben blickten.

Private Spende kam gelegen

Deswegen waren die Uni-Verantwortlichen sehr froh, als eine Marburger Familie im Jahr 2019 eine private Spende von 30.000 Euro extra für die Restaurierungsarbeiten zur Verfügung stellte. Nach Rückkoppelung mit der Denkmalpflege stand dann der Restaurierung nichts mehr im Wege, erzählt Jörn Eigmüller. Den Zuschlag aus sieben Bewerbern erhielt nach einer Ausschreibung die fränkische Werkstatt Georg Hille, die sich auf Gemälderestaurierungen spezialisiert hat. Insgesamt kostet das Ganze nun rund 50.000 Euro.

Schnell war klar, dass im Deckenbereich die Schäden rundum ausgebessert werden sollen. Um die Restaurierung fachgerecht auszuführen, wurden unter anderem die Böden abgedeckt und aufwendige Baugerüste, die bis unter die Decke reichen, schon an einer Wandseite aufgestellt. Zudem wurden auch die Orgel und der „Steinway“-Flügel mit Plastikplanen abgedeckt.

Arbeiten dauern vier bis fünf Monate

Der Rest ist jetzt Filigranarbeit, wie Restaurator Alexander Klassen, Mitarbeiter des beauftragten Spezialbüros, der OP zeigte. So hat er zunächst alle Flächen fotografiert, um den Zustand vor der Restaurierung zu dokumentieren. Anschließend wurden Schablonen angefertigt, in denen die groben Konturen der Ornamente abgepaust und nachgezeichnet wurden. Einzelne Stellen, in denen nicht mehr alles zu sehen war, können später anhand des Vorbildes von nicht beschädigten Abschnitten ergänzt werden.

Ist alles dokumentiert, dann wird der Putz an den betreffenden Stellen abgetragen. Dann werden für eine Zeitdauer von drei bis vier Wochen Kompressen aufgetragen, die vorwiegend destilliertes Wasser enthalten sowie Stoffe, die das durch die Wand eingedrungene Wasser absaugen sowie zur Entsalzung beitragen. Schließlich werden die Flächen anhand der Fotos und Schablonen wieder aufgetragen, wobei die Restauratoren Originalfarben mit Farbvarianten verwendet werden.

Nach Schätzungen der Restauratoren werden die jetzt anstehenden Arbeiten im Deckenbereich ungefähr vier bis fünf Monate dauern. Um einen gewissen Zeitpuffer zu haben, ist die Alte Aula zunächst bis Ende des Jahres für öffentliche Veranstaltungen gesperrt.

Alte Aula

Die Alte Universität wurde in zwei Bauphasen zwischen 1873 und 1891 im neugotischen Stil errichtet. Sie ist eines der Hauptwerke des bedeutenden Architekten und damaligen Marburger Universitätsbaumeisters Carl Schäfer. Das Gebäude entstand auf den Grundfesten des mittelalterlichen, säkularisierten Dominikanerklosters.

Ursprünglich sollte das 1527 in den Besitz der Universität übergegangene Gebäude im 19. Jahrhundert lediglich ausgebaut werden. Aufgrund eines Beschlusses der preußischen Regierung wurde das gotische Klostergebäude dann aber abgerissen und durch den Neubau ersetzt. Ausgestattet mit einem Süd- und Westflügel sowie einem Kreuzgang folgt dieser der Form des früheren Klosters.

Das Gebäude war zunächst Sitz des Rektorats und aller Fakultäten der Universität. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Haus unterschiedlich genutzt, bis es schließlich von 1964 bis 1967 für die Theologische Fakultät umgebaut wurde. Auch heute noch hat der Fachbereich Evangelische Theologie hier seine Räume.

Die Aula ist das Herzstück der Alten Universität, in ihr finden viele hochrangige Veranstaltungen der Universität statt. Bei einer Höhe von 8,50 Metern misst die Aula zirka 27 mal 14 Meter. Ein Großteil der ursprünglichen Innenausstattung des Frankfurter Architekten Alexander Linnemann aus den Jahren zwischen 1893 und 1902 ist bis heute erhalten geblieben. Hier sind insbesondere die Holzdecke als freitragende Konstruktion, die drei sechsteiligen Fenster, die Wandtäfelung sowie Teile des Professorengestühls und zwei prächtige Kronleuchter zu nennen. Vor allem aber wird die Aula von den sieben nun bald wieder intakten Wandgemälden geprägt.

Von Manfred Hitzeroth

12.08.2020
12.08.2020