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Marburg Was wird aus den Corona-Heldinnen?
Marburg Was wird aus den Corona-Heldinnen?
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12:13 07.04.2020
(Symbolfoto) Zwei Pflegerinnen auf dem Weg zur Intensivstation. Quelle: Felix Kästle
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OP: 93 Prozent in Kindergärten und Vorschulen, 76 Prozent in Krankenhäusern, 73 Prozent im Lebensmittel-Einzelhandel: Das ist der Anteil der Frauen an der Beschäftigtenzahl in diesen von Politik und Behörden in der Corona-Krise als „systemrelevanten Berufe“ bezeichneten Bereiche. Vor allem Frauen halten den Laden Deutschland also gerade am Laufen – und was geschieht mit Frauen, Frauenbildern dann ab Sommer, wenn das Virus Geschichte ist?

Professorin Annette Henninger: Mit Corona erhalten die Pflegefachkräfte, die Erzieherinnen und Verkäuferinnen große Aufmerksamkeit, da derzeit jeder spürt, wie stark die Gesellschaft, jeder einzelne von uns von ihrer Arbeit, von diesen Tätigkeiten abhängt. Wenn VW die Produktion für drei Wochen einstellt, führt das zwar zu wirtschaftlichen Einbußen, aber die Welt geht dadurch nicht unter.

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Ganz anders ist es, wenn Versorgung, Fürsorge, der Dienst direkt am und für den Menschen nicht mehr existieren würde. Im Gegensatz zur Produktion von Gütern ist die Produktion des Lebens unverzichtbar. Es wird Zeit, dass der Vorrang bestimmter Formen von Männlichkeit ein Ende hat, beziehungsweise die sowohl was Ansehen als auch Einkommen betreffende Bevorzugung bestimmter männlich konnotierter Berufe.

Investmentbanker oder Krankenschwester, uns wird der Nutzen und Stellenwert in der Krise gerade sehr plastisch vor Augen geführt. Es braucht daher eine Neubewertung von Berufs- und auch Rollenbildern.

Zur Person

Annette Henninger ist Politik- und Geschlechterrollen-Professorin in Marburg.

OP: Dank, Anerkennung, Respekt – das ist schnell gezollt, doch davon kann eine Krankenschwester ihre Miete auch nicht leichter bezahlen. Ist Corona die Chance, die Wertschätzung in „Equal pay" – also gleiche Bezahlung für gleiche Tätigkeit – umzusetzen?

Henninger: Klatschen im Bundestag ist schön und gut – aber entscheidend ist, dass sich die Corona-Erkenntnis im Lohn von Frauen, beziehungsweise geschlechter-unabhängig im Status der „Care-Berufen“ insgesamt widerspiegelt. Die Unterschiede betreffen ja nicht nur Geschlechter, sondern Strukturen: Es macht in Bezug auf Gehalt und Arbeitsbedingungen einen Unterschied, ob jemand in einem öffentlichen oder privaten Pflegeheim beziehungsweise Krankenhaus arbeitet.

So oder so sollen Jobs im Sozialbereich nach wie vor vor allem eines sein: billig. Unternehmen, aber auch der Staat sparen auf Kosten derjenigen, die für andere Menschen lebenswichtige Aufgaben übernehmen. Über das Gesundheitssystem hinaus müsste der Care-Bereich finanziell in ganz anderen Dimensionen ausgestattet sein als bisher. Und es geht auch nicht nur um Gehälter, sondern auch um Arbeitsbedingungen. Schon im Normalfall arbeiten viele etwa in Krankenhäusern am Rande ihrer Kräfte. Und aus Solidarität mit den erkrankten Menschen arbeiten sie eben immer weiter – auch das schon vor Corona, jetzt droht das nochmal verschärft zu werden.

Frauen am Uniklinikum

Am UKGM ist der Frauenanteil speziell in der Pflege höher als im Bundesdurchschnitt. Für die OP hat das UKGM seine internen Beschäftigen-Statistiken ausgewertet. Das Ergebnis: Auf den Lahnbergen sind 79 Prozent der Pflegekräfte und 47 Prozent der Ärzte weiblich – der Gesamtfrauenanteil liegt bei 71 Prozent. In Gießen ist die Quote der weiblichen Pflegekräfte mit 83 Prozent nochmal höher als in Marburg, allerdings liegt sie bei der Ärzteschaft mit 45 Prozent niedriger. Der Gesamt-Frauenanteil ist nahezu identisch.

OP: Von den Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur aktuellen Corona-Krise: Zwar sind es immer wieder die Frauen, die in Notzeiten, nach Zäsuren der Geschichte den Dienst an der Gesellschaft verrichten – nur um dann wieder bei Rolle, Ansehen und Lohn untergebuttert zu werden. Was muss passieren, damit das nicht wieder geschieht?

Henninger: Es geht ein Gelegenheitsfenster auf, sodass sich nicht nur Experten mit Gleichstellungsfragen befassen, sondern es eine breite gesellschaftliche Debatte darüber geben kann, wie es weitergehen soll. Die Systemrelevanz gibt etwa Gewerkschaften ein starkes Argument an die Hand, tatsächlich Verbesserungen zu erreichen. Denn klar ist jetzt: Ohne diese Berufe läuft nichts. Es sind Erzieherinnen, die eine Autoproduktion erst möglich machen, die für die Wirtschaftsstärke Deutschlands die Grundlage legen. Menschen im Kranken- und Altenpflegebereich halten der Industrie den Rücken frei, um Gewinne erwirtschaften zu können.

Damit sich tatsächlich etwas verändert wird es hohen gesellschaftlichen Druck brauchen – einen, der über Gewerkschaftsarbeit hinausgeht. Wichtig ist auch, da sind wir wieder beim Geld und den Arbeitsbedingungen, dass vermeintliche Frauenberufe für Männer so attraktiv werden, dass es für sie eine realistische Option ist, diese Berufe zu ergreifen. Aber: Es sind ja nicht nur diese und es geht nicht nur um Frauen.

Es geht um eine grundlegende Änderung dessen, wie auf Berufe und damit Menschen geblickt wird. Wie ist deren Beitrag zum Gelingen unserer Gesellschaft? Da gehört der Lkw-Fahrer, der jetzt Klopapier durch das Land fährt genauso dazu wie Pflegekräfte. Meine Hoffnung für die Nach-Corona-Zeit ist, dass Frauen und Männer ihre Tätigkeiten frei wählen können und nicht – von höhnischen Kommentaren im Alltag bis zu faktischen Benachteiligungen am Arbeitsplatz – für ihre Berufswahl diskriminiert werden. Da reden wir bei Frauen etwa von Gehalt und Aufstiegschancen, bei Männern etwa von mehr Zeit für Vaterrolle und Kinderbetreuung.

OP: In den Sozialberufen arbeiten immer schon mehr Frauen als Männer – wieso braucht es erst eine Systemkrise, um das zu erkennen, anzuerkennen und eventuell tatsächlich gesellschafts-politische Verbesserungen umzusetzen?

Henninger: Schon vor Corona war wohl jeder schon mal auf das Gesundheitssystem angewiesen, hat Erfahrungen gemacht oder Bekannte, die in dem Bereich arbeiten. Deswegen gibt es stets viel Unterstützung für Forderungen nach mehr Personal im Krankenhaus, mehr Zeit für individuelle Betreuung im Kindergarten.

Aber das wird in Politik und Wirtschaft kaum aufgegriffen, es bleibt das oberste Ziel, Kosten zu senken. Ob Erzieherinnen-Streiks, Proteste von Krankenhauspersonal oder Ausstände anderer der systemrelevanten Berufsgruppen für die jeweilige Arbeitgeberseite weiterhin so moderat ausgehen können wie zuletzt, wird zeigen, wie ehrlich die aktuellen Danksagungen gemeint waren.

von Björn Wisker

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