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Marburg Was bringt die Maskenpflicht?
Marburg Was bringt die Maskenpflicht?
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08:57 13.07.2020
Eine Apothekenhelferin hält einen medizinischen Mundschutz. In Deutschland sind Mund-Nasen-Schutzmasken in Geschäften, Bussen und Bahnen Pflicht. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
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Marburg

Zoff um ein Stück Stoff: Der Mund-Nasen-Schutz sorgt in der Corona-Pandemie für heftige Debatten. Beliebte europäische Urlaubsregionen wie Katalonien und die Balearen führen wegen steigender Infektionszahlen eine strenge Maskenpflicht ein. In Deutschland hingegen werden Stimmen lauter, die eine Lockerung der derzeit noch in allen Bundesländern geltenden Regelungen fordern. So hatte Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) eine Aufhebung der Pflicht im Handel angeregt – in dem nordöstlichen Bundesland sind die Corona-Infektionszahlen besonders niedrig. Kritiker zweifeln sogar grundsätzlich am Nutzen der Maskenpflicht im Nahverkehr und Geschäften. „Kinder, ältere Menschen, Einzelhandel, Gastronomie und vieles mehr – im Grunde die ganze Gesellschaft – leiden seit Monaten unter dieser wissenschaftlich unhaltbaren Maßnahme“, schreibt eine Leserin der OP. Sie bezieht sich auf ein Papier des Kompetenznetzes Public Health Covid-19 mit dem Titel „Studien zeigen keine belastbaren Hinweise für den Nutzen von Gesichtsmasken“. „Dass gegen die Empfehlungen von über 25 wissenschaftlichen Fachgesellschaften regiert wird in der aktuellen Situation, erfüllt mit großer Sorge“, schreibt die Leserin.

Ist also die Maskenpflicht aus medizinischer Sicht unsinnig? Professor Dr. Harald Renz vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) widerspricht. „Jeder hat es in der Hand, sich und die Umgebung zu schützen“, sagt der Ärztliche Geschäftsführer am Standort Marburg und Direktor des Marburger Instituts für Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie, Molekulare Diagnostik. „Und zwar durch drei wesentliche Maßnahmen: Maskenpflicht, Abstandswahrung und Händewaschen oder Hände-Desinfektion.“

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Die Frage „Wie gut schützen Masken?“, beantwortet Renz allerdings differenziert. Erstens ist Maske nicht gleich Maske. „Der klassische Mund-Nasen-Schutz ist das Beste, was wir machen können“, sagt Renz. „Er ist hervorragend auf Aerosole ausgelegt.“ Die so genannten OP-Schutze halten also kleinste Partikel ab, in denen Coronaviren enthalten sein können, wenn der Träger zum Beispiel ausatmet. Bei den modischen selbstgenähten Masken sei das nicht sicher, sagt Renz: „Sie sind medizinisch nicht getestet. Wir wissen nichts über die Durchlässigkeit von Aerosolen, ob es wirklich etwas bringt.“ Zu Beginn der Pandemie, als Mundschutze so knapp waren, dass auch das Uniklinikum improvisieren musste, habe die Krankenhaushygiene die Schutzwirkung solcher selbstgenähten Mundschutze getestet. „Es gibt welche, die haben überhaupt keinen Effekt – und andere waren wie ein medizinischer Mund-Nasen-Schutz“, berichtet Renz. Im Moment gibt es aber keine Engpässe mehr. Teure FFP2- und FFP3-Masken sind laut Renz in den meisten Situationen nicht nötig. „Im Klinikum tragen sie nur Mitarbeiter, die an den Atemwegen von potenziell mit dem Coronavirus infizierten Patienten arbeiten“, sagt er. „Das heißt, im normalen Leben beim Einkaufen oder im Kino brauchen wir sie nicht.“ Lediglich in ganz besonderen Risiko-Situationen könne man über den Gebrauch solcher Masken nachdenken, etwa beim Besuch in einem Altenheim.

Mund-Nasen-Schutz ist eine Einbahnstraße

Der zweite Punkt, warum man die Frage nach der Schutzwirkung von Masken nicht pauschal beantworten kann: Es kommt darauf an, welche Situation man betrachtet. Wer trägt eine Maske, wer soll geschützt werden? Der klassische Mund-Nasen-Schutz, für den Renz plädiert, ist „eine Einbahnstraße“, erklärt der Mediziner. „Er hält nicht so sehr das Einatmen von Aerosolen ab.“ Diese Wirkung haben nur die teuren FFP2- und FFP3-Masken. Schließlich, sagt Renz, könne man durch den normalen Mundschutz auch relativ leicht einatmen. „Wir schützen damit unsere Umwelt“, betont er. „Deshalb ist es wichtig, dass alle ihn tragen.“ Denn viele Infizierte haben (noch) keine Symptome, wenn sie bereits Viren verbreiten und so andere anstecken können. Wenn dank Mundschutz niemand Aerosole mit Coronaviren ausatmet, kann sie auch kein anderer einatmen. „Mundschutz tragen ist eine solidarische Maßnahme, als solche muss man es auch der Öffentlichkeit erklären“, betont Renz.

Der Unterschied zwischen Selbst- und Fremdschutz erklärt auch, warum die Autoren des Kompetenznetzwerks zu ihrer kritischen Stellungnahme hinsichtlich der Maskenpflicht kommen. Die Wissenschaftler Matthias Perleth, Uwe Siebert und Gaby Sroczynski haben nämlich in dem Papier hauptsächlich zwei Fragen untersucht: Erstens, ob Gesunde in der Öffentlichkeit einen Mundschutz tragen sollen, um sich selbst vor dem Einatmen von Aerosolen zu schützen. Dazu haben sie Studien zur Übertragung von grippeähnlichen Krankheiten herangezogen. „Fasst man nur die Ergebnisse der randomisierten kontrollierten Studien für die erste Fragestellung zusammen, dann zeigt sich ein sehr geringer Nutzen des Tragens von Masken durch Gesunde in der Öffentlichkeit im Hinblick auf den Selbstschutz.“ Zweitens sind sie die Frage nachgegangen, ob es insbesondere im häuslichen Umfeld etwas bringt, wenn der Infizierte oder seine Mitbewohner Gesichtsmasken tragen. In beiden Fällen ist laut den herangezogenen Studien der Effekt „sehr gering ausgeprägt“. Wenn sowohl Infizierte als auch Gesunde Mundschutz tragen, ist der Effekt demnach größer, aus Sicht der Wissenschaftler ist die Aussagekraft der Ergebnisse aber „sehr unsicher“.

„Dreiklang“ aus Mundschutz, Hygiene- und Abstandsregeln

Das Papier, mit dem die Wissenschaftler sich an politische Entscheidungsträger wenden, wurde bereits am 3. Mai veröffentlicht – wenige Tage, nachdem in Hessen und anderen Bundesländern die Maskenpflicht in Kraft trat. Im Fazit schreiben sie: „Die Beleglage für oder gegen Empfehlungen bzw. eine allgemeine Pflicht zum Tragen von Gesichtsmasken ist derzeit unzureichend, vor allem wenn keine weiteren Maßnahmen mit dem Tragen von Gesichtsmasken kombiniert werden.“ Eine klare Empfehlung gegen die Maskenpflicht, die Kritiker dem Papier entnehmen, findet sich dort nicht. Die Wissenschaftler warnen aber vor möglichen Problemen: „Der Gebrauch von Gesichtsmasken stellt eine Herausforderung dar, da die Masken korrekt getragen und bei Wiederverwendung gut gewaschen und getrocknet werden müssen, um eine Kontamination zu vermeiden.“ Zudem sehen sie die Gefahr, dass andere Hygieneregeln vernachlässigt werden: „Es ist weiterhin strengstens auf das Einhalten der Abstandsregeln und der Händehygiene zu achten“, schreiben sie. „Die Maskenpflicht darf weder als Anlass noch als Begründung für weitere Lockerungen anderer Maßnahmen dienen.“

Inzwischen sind viele Mediziner überzeugt, dass die Maskenpflicht die Zahl der Infektionen in Deutschland und anderen Ländern reduziert hat. So auch Renz – der allerdings auch darauf hinweist, dass es nicht allein auf die Masken ankommt, sondern dass der „Dreiklang“ aus Mundschutz, Hygiene- und Abstandsregeln zusammengehört. „Im Moment fahren wir gut mit diesen Maßnahmen. Wir müssen sie aber auch konsequent in unserem Alltag umsetzen.“

Allerdings, gibt Renz zu bedenken, könnten Maßnahmen wie die Maskenpflicht und das Abstandsgebot auch negative Auswirkungen auf anderer Ebene haben, zum Beispiel Ängste auslösen und wirtschaftliche Folgen haben. „Wir müssen eine Balance halten, das ist Aufgabe der Politik. Wir Mediziner können nur sagen, was wir aus wissenschaftlicher Sicht für richtig halten.“

Und als Mediziner warnt Renz vor Nachlässigkeit. Derzeit sei die Zahl der Corona-Fälle in der Region erfreulicherweise gering. „Aber durch die Reisezeit steigt das Risiko. Wir werden sehen, wie es sich entwickelt, wenn die Menschen aus dem Sommerurlaub zurückkommen.“

Übertragung durch die Luft?

Wie genau sich das Coronavirus verbreitet, ist noch nicht abschließend geklärt. Zu Beginn der Pandemie gingen die meisten Experten davon aus, dass es sich vor allem durch Tröpfchen- und Schmierinfektion verbreitet. Inzwischen sehen viele Wissenschaftler Hinweise darauf, dass sich das Virus auch über Aerosole in der Atemluft verbreitet – wie dies zum Beispiel bei Windpocken der Fall ist.

Ein Aerosol ist ein Gemisch aus feinsten Schwebeteilchen eines Gases – in diesem Fall der Luft, die Menschen ausatmen. Vergangene Woche erschien im Fachjournal Clinical Infectious Diseases ein Offener Brief, in dem knapp 240 Forscher aus 32 Ländern die Weltgesundheitsorganisation auffordern, Aerosole als Übertragungsweg anzuerkennen.

Das hätte auch Folgen für die Empfehlungen, wie man sich vor einer Infektion schützen kann. Denn im Unterschied zu größeren Tröpfchen können Aerosole zum Beispiel länger in der Raumluft bleiben. Es könnten sich also Menschen anstecken, ohne einem Infizierten nahe gekommen zu sein. Dementsprechend wären einige Vorkehrungen noch wichtiger als bisher angenommen – zum Beispiel solche Masken, die Aerosole abhalten, und konsequentes Lüften.

Ob das Coronavirus wirklich durch Aerosole übertragen wird, ist aber noch heftig umstritten. Der Bonner Infektiologe Peter Walger, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, sagte der „Süddeutschen Zeitung“, wenn das Virus durch die Luft übertragen würde, wären zum Beispiel in Heinsberg oder in den betroffenen Schlachthöfen nicht nur viele Menschen, sondern „restlos alle krank geworden“.

Von Stefan Dietrich

12.07.2020
12.07.2020