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Marburg Was bleibt nach Corona von der neuen Arbeitswelt?
Marburg Was bleibt nach Corona von der neuen Arbeitswelt?
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12:00 10.06.2021
Ein Mann arbeitet zuhause an einem Laptop im Homeoffice, während seine Frau ihm gegenüber sitzt.
Ein Mann arbeitet zuhause an einem Laptop im Homeoffice, während seine Frau ihm gegenüber sitzt. Quelle: Felix Kästle
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Marburg

Die Pandemie hat die Arbeitswelt mit Homeoffice, flexiblen Arbeitszeiten und digitalen Formaten umgekrempelt. Als einer der großen Arbeitgeber der Region hat beispielsweise die Volksbank Mittelhessen jüngst angekündigt, das mobile Arbeiten zum Standard zu machen (die OP berichtete). „Es ist falsch zu glauben, alles wird so, wie es früher war“, betont Joachim Schreiner, Deutschlandchef des US-Technologiekonzerns Salesforce.

Herr Schreiner, wie hat sich die Arbeitswelt in der Pandemie verändert?

Die Art, wie wir arbeiten, hat sich verändert. Die Wirtschaft hat einen enormen Digitalisierungsschub und flexible Arbeitsformen erfahren. 20 Prozent unserer Mitarbeiter haben vor Corona zu 100 Prozent im Homeoffice gearbeitet und 80 Prozent waren im Büro. Jetzt arbeiten fast alle von daheim aus.

Wird das so bleiben?

Wenn wir heute fragen, wer in Zukunft ganz im Homeoffice bleiben will, liegt der Anteil fast unverändert bei 22 Prozent. Aber die Zahl derjenigen, die komplett im Büro bleiben wollen, ist drastisch von 80 auf 15 Prozent zurückgegangen. Zwei Drittel der Beschäftigten wollen künftig flexibler arbeiten.

Was heißt das für den Betrieb?

Wir gehen davon aus, dass zwei Drittel der Beschäftigten nicht mehr fest an einem Schreibtisch sein werden. Sie werden sich je nach Aufgabe flexibel einen Arbeitsplatz suchen. Ob der unterwegs, im Homeoffice oder im Büro ist, werden die Mitarbeiter selbst entscheiden. Teilweise werden Kollegen auch nur für zwei Stunden in den Betrieb kommen. Derzeit fehlt der Kontakt zu anderen Menschen, sich abzustimmen, auch mal einen Plausch zu führen. Das strukturierte Arbeiten geht für die Meisten dagegen besser von zuhause.

Wie reagieren Unternehmen?

Wir brauchen Konzepte, dass der Mitarbeiter unabhängig vom Ort erfolgreich sein kann. Mitarbeiter werden das Büro mehr für Teamarbeit und Informationsaustausch nutzen.

Wie hat sich Kommunikation verändert?

Es haben sich neue Kommunikationsformen entwickelt. So gibt es morgens Treffen zum virtuellen Kaffeetrinken oder abends gemeinsames Kochen am Bildschirm.

Was bedeutet das für die Arbeitszeiten?

In der Produktion ist weniger Spielraum. Aber in anderen Bereichen wird es egal sein, ob jemand morgens um acht Uhr arbeitet oder eher abends. Wichtig ist, dass die Arbeit erledigt wird.

Wie groß ist in einer hybriden Arbeitswelt die Identifikation mit dem Unternehmen?

Es gilt aufzupassen, dass „social distancing“ nicht wörtlich genommen wird. Wir müssen physisch Abstand halten, aber nicht den sozialen Kontakt abbrechen. Je weniger wir uns direkt treffen können, umso mehr müssen wir sozial zusammenrücken. Unternehmen müssen sicher gehen, dass niemand zurückgelassen wird, unter Umständen in einer Ein-Zimmer-Wohnung ohne Balkon. Ansonsten verlieren sie die Mitarbeiter. Oder sie bekommen nicht mit, dass Beschäftigte wegen Homeschooling oder der Krankheit von Angehörigen überfordert sind. Es ist wichtig, dass Unternehmen nicht nur kapitalistisch an die Umsatzoptimierung denken. Es gilt vielmehr eine Umgebung zu schaffen, in der jeder Mitarbeiter erfolgreich sein kann.

Wie schafft man Nähe?

Bei Salesforce gibt es beispielsweise einmal wöchentlich digitale Treffen, bei denen die Beschäftigten mit dem Top-Management neue Entwicklungen diskutieren. Es gibt auch noch physische Nähe. Ich treffe beispielsweise Mitarbeiter beim Spazieren gehen im Park. Es gibt den bösen Spruch, wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Aber so kommen wir in einer Pandemie nicht weiter. Wir haben den Mitarbeitern vier „Wellbeing“-Tage gegeben, damit sie mehr Zeit für sich und die Familie haben. Keine Anrufe, keine E-Mails, kümmere dich darum, dass es dir gut geht.

Wie muss sich Führung anpassen?

Das Thema verändert sich. Es heißt nicht mehr „Ich sage dir, wie es geht“, sondern „ich höre zu und wir entwickeln gemeinsam Lösungen“. Führung verändert sich insofern, dass eine Richtung vorgegeben wird, statt täglich Über-die-Schulter zu gucken. Wir haben sehr detaillierte Messungen, wie erfolgreich Mitarbeiter sind und wie wir sie weiter entwickeln können. Dafür wurden Mentoring-Programme entwickelt. Zudem wurde eine Gruppe von Trainern ausgebildet, die gezielt helfen können.

Was bedeutet das für das Büro?

Wir sehen, dass weniger Einzel-Arbeitsplätze benötigt werden und mehr Bereiche, wo sich Menschen treffen können. Große Räume, Besprechungstische, digitale Medien, Tafeln, um Zusammenarbeit zu fördern.

Bedeutet das den Abschied vom Einzelbüro?

Ja. Ich habe schon vor Jahren meinen Schlüssel zum Einzelbüro abgegeben. Denn ein Einzelbüro ist gefährlich, da ich getrennt von Kollegen und Kunden arbeite. Es wird aber auch kleine Räume geben, wo man zu zweit oder dritt vertrauliche Gespräche führen kann.

Werden Reisen abnehmen?

Das Pendel wird sich wieder zu mehr persönlichen Treffen zurückbewegen. Aber man wird sich mehr Gedanken machen, wie sinnvoll und effizient ein Treffen vor Ort ist. Niemand wird mehr für einen einzigen Termin nach Berlin fliegen.

Wird es Messen und große Kundenveranstaltungen geben?

Die Formate werden sich mehr auf Qualität konzentrieren und virtuell verbunden vielleicht über verschiedene Standorte hinweg stattfinden. Kundenpräsentationen können auch komplett virtuell organisiert werden. Auch hybride Formate sind denkbar, die eine breite Beteiligung über verschiedene Regionen hinweg ermöglichen.

Welche Fehler dürfen Unternehmen nicht machen?

Der größte Fehler wäre es, seinen Mitarbeitern nicht zu vertrauen. Auch die Mitarbeiter müssen mit auf die Reise genommen werden, die sich in der Digitalisierung auf der Strecke zurückgelassen fühlen. Ebenso falsch ist es, zu glauben, alles wird so, wie es früher war. Organisation und Menschen werden flexibler werden. Klarer Kundenfokus ist wichtiger als sich egozentrisch mit den eigenen Prozessen auseinanderzusetzen. Plattformen und Ökosysteme sind erfolgreicher als individuelle Unternehmen. Wenn wir jetzt aus der Pandemie rauskommen, wird das Thema Nachhaltigkeit gravierend wichtig sein. Dazu gehören auch eine intensive Ausbildung und die Bildung diverser Teams, wo sich viel Erfahrung mit Energie sowie verschiedenen Kulturen verbinden.

Von Karl Schlieker

10.06.2021
09.06.2021
09.06.2021