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Marburg Was bleibt, ist das Prinzip Hoffnung
Marburg Was bleibt, ist das Prinzip Hoffnung
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07:59 29.10.2020
In einem geschlossenen Restaurant stehen Stühle umgedreht auf den Tischen. Quelle: Symbolfoto: Christophe Gateau/dpa
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Landkreis

Die Hoffnung stirbt zuletzt, lautet ein geflügelter Satz, an den sich auch Marion Closmann klammert. „Ich hoffe, dass die nun beschlossenen Maßnahmen kurzfristig greifen, sodass wir zu Weihnachten den Menschen des Landkreises wieder Freizeitangebote unterbreiten können“, sagt die Kinobetreiberin.

Hoffnung äußerte sie auch in weiteren Punkten: Dass die Restriktionen diesmal nicht so lange anhalten, wie beim ersten Mal und dass es diesmal differenziertere Regelungen gibt. Zumindest die letzte Hoffnung ist schon vom Winde verweht. Dabei, so Closmann, seien die Kinosäle bei den derzeitigen Besucherzahlen sichere Orte: Im großen Saal des Cineplex finden sich etwa 30 Zuschauer ein, in den kleineren Kinos „höchstens zehn“. Die Abstände einzuhalten sei also kein Problem, zudem gebe es „sehr gute Lüftungsanlagen“. Auch deshalb zermürbe sie die relativ undifferenzierten Gegenmaßnahmen. Aber: „Es ist wichtig, die Infektionszahlen in den Griff zu bekommen.“

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Angepackt wird deshalb im Gebäude. Getränke und Snacks sind einzulagern, Überlegungen anzustellen, wie das Angebot für externe Filmabende aufrecht erhalten werden kann. Was der neuerliche Lockdown für die Belegschaft bedeutet, vermag Closmann noch nicht zu sagen. Das Team sei schon sehr stark reduziert und die Restriktionen hielten hoffentlich nur so kurzfristig an, dass an Kündigungen nicht gedacht werden müsse.

„Man darf die Hoffnung nicht sinken lassen“

Im Hessischen Landestheater rechneten die beiden Intendantinnen Carola Unser und Eva Lange gestern auch schon nach, was dem Publikum durch einen neuerlichen Lockdown entgeht: „Bis Ende November würden 28 Vorstellungen entfallen.“ Davon betroffen sind die Premiere „Der nackte Wahnsinn“, die Uraufführung „Hannah! Das Erwachen eines politischen Bewusstseins“ sowie die Premiere des Weihnachtsmärchens „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Darüber hinaus, so Unser und Lange, sollte „Am Hafen mit Vogel“ am 25. und 26. November bei den Mülheimer Theatertagen zur Aufführung kommen, die bereits im Frühjahr schon einmal stattfinden sollten. Auch weitere Gastspiele sowie Schul- und Kindergartenvorstellungen sind betroffen, unter anderem „Cabaret“ in Hameln.

Doch im Theater wird nicht nur gespielt, sondern auch geprobt – wenn geprobt werden darf. „Sollte der Probenbetrieb weiter aufrechterhalten werden können, arbeiten wir – wie in den letzten Monaten auch – in enger Abstimmung mit unserer Betriebsärztin und dem Gesundheitsamt an möglichen zukünftigen Premieren“, so die Intendantinnen im Gespräch mit der OP: „Aber konkret lässt sich das natürlich gerade nicht sagen.“

Im Raum stehen, so Carola Unser und Eva Lange, erneut Überlegungen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder in Kurzarbeit zu schicken. Trotz allem sagen die beiden Theater-Chefinnen: „Man darf die Hoffnung nicht sinken lassen.“

Matze Schmidt von der Waggonhalle sagte gestern in einer ersten Reaktion: „Wenn die Ansage zur Schließung kommt, müssen wir uns daran halten.“ Schmidt und das Team des soziokulturellen Veranstaltungszentrums am Ortenberg wollen heute Vormittag über die in Berlin und Wiesbaden getroffenen Entscheidungen und die Auswirkungen auf den Betrieb der Einrichtung beraten. Auch Jörg Schlimmermann vom „Q“ am Pilgrimstein reagiert sogar schon im Vorgriff auf den zum 2. November in Kraft tretenden Lockdown: „Wir hätten am Freitag und Samstag zwar noch Konzerte mit dem Duo „Saitenblick“ sowie Cynthia Nikschas im Programm, sagen die aber auch schon ab – das ist eine moralische Entscheidung“, so Schlimmermann, der neben dem „Q“ auch die Alte Mensa betreibt: „Da müssen wir sehen, ob sich die dort arbeitenden Gruppen für die nächsten Wochen abmelden oder uns durch ihre Beiträge weiter unterstützen.“

Einnahmeverlust:

100 Prozent

Kritisch bis fatalistisch sieht man auch in der Hotelbranche den kommenden Zwängen entgegen. „Undifferenziert“ bewertet auch Felix Heizmann die Beschlüsse, weil es heiße, dass die steigenden Infektionszahlen nicht auf die Gastronomie zurückzuführen seien. Die Befürchtung, dass die Folgen der Restriktionen schlimmer als beim ersten Mal sein werden, umschreibt er mit „existenzielle Bedrohung“. Deshalb werde versucht, „das was geht maximal zu betreiben“, zum Beispiel Liefer- oder Abholdienste für Speisen. Für die Nutzung der 51 Zimmer des Hauses sieht Heinzmann schon trüben Zeiten entgegen. Seit 14 Tagen habe es keine privaten Buchungen mehr gegeben und der Aufenthalt von Geschäftsreisenden lasse auch nach.

Auch Horst Hertel-Becker blickt der Situation realistisch entgegen: „Wenn wir schließen müssen, betragen die Einnahmeverluste 100 Prozent“, sagt der Geschäftsführer der Dammühle. „Aber wenn es hilft, muss es so sein.“

Man werde versuchen, das Beste daraus zu machen, um „unsere Leute durchzubekommen“. Das sind rund 50 Festangestellte, die vermutlich mit Kurzarbeitergeld aufgefangen werden. Das halte die finanziellen Verluste in Grenzen, aber einige werde es hart treffen. Das gilt besonders für die etwa 25 Aushilfen, zumeist Studenten. „Wir werden versuchen zu helfen, damit wir es gemeinsam packen.“

„Wenn es gar keine Nachfrage mehr gibt, werden wir wohl komplett schließen“ befürchtete Michaela Richter. Schon seitdem der Landkreis zum Risikogebiet erklärt ist, gingen die Belegungszahlen des 94-Zimmer-Hauses in den Keller. Man kenne die Regelung noch nicht zu 100 Prozent, aber wenn es nur noch Geschäftsreisende gebe, würde Kurzarbeit eingeführt, die Servicezeiten und die Mitarbeiterzahl reduziert. Erbost ist Michaela Richter, weil man sich an die Auflagen gehalten habe, aber jetzt erneut schließen müsse. Dabei sei nicht nachgewiesen, dass das Infektionsgeschehen auf die Hotelbranche zurückzuführen sei.

„Bei uns können sich Gäste und Mitarbeiter immer sehr sicher fühlen, wir setzen schon seit Monaten vielschichtige Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen um“, hieß es gestern vonseiten der VILA VITA Marburg. Auch dort wird die Schließung der Restaurants bedauert, doch in einer Pressemitteilung hieß es: „Gern liefern wir – wie bereits während des letzten Lockdowns – mit unserem Service VILA VITA@Home das persönliche Lieblingsgericht bis nach Hause.“

Für Andrea Thomas vom Parkhotel Stadtallendorf steht fest: „Der Lockdown trifft alle Hoteliers und Gastronomen schlimm.“ Da das Parkhotel zur Eisengießerei Winter gehöre und hauptsächlich Unternehmenskunden beherberge, hofft sie jedoch, dass diese Reisen auch weiterhin erlaubt bleiben, wie es schon im ersten Lockdown der Fall war. „Damals haben wir ein grundsolides Hygienekonzept erarbeitet, von dem unsere Gäste profitieren“, sagt sie.

Von Gianfranco Fain, Carsten Beckmann und Andreas Schmidt

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