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Marburg Was Corona mit der Jugend macht
Marburg Was Corona mit der Jugend macht
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20:00 23.12.2021
Private Kontakte unter jungen Menschen sind durch die Coronapandemie stark eingeschränkt.
Private Kontakte unter jungen Menschen sind durch die Coronapandemie stark eingeschränkt. Quelle: Sebastian Gollnow
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Marburg

Mit der Ausbreitung der Pandemie hat sich das ganze Leben in allen gesellschaftlichen Bereichen und in allen Bevölkerungsgruppen verändert, so auch für die junge Generation in Kitas, Schule, Jugendarbeit und Hochschule. Dabei gilt generell, dass die junge Generation in ihrer Entwicklung, ihrem pubertären und adoleszenten Leben vorübergehend „irritiert“, „ausgebremst“ und „blockiert“ wurde und wird. Das bisher als „normal“ bezeichnete Jugendleben konnte und kann phasenweise nicht mehr in seinem Alltag, seinen Gewohnheiten und Rhythmen – immer auch spontan, prä-reflexiv und experimentell – gelebt werden, unterliegt neuen Regeln und wird begrenzt.

Dieser pandemische Alltag ist mit Erfahrungen und Mikroprozessen verbunden, die in ihren Folgen und Auswirkungen bisher kaum untersucht und reflektiert worden sind. Sie berühren ihre Lebensthemen und Gefühlswelten, die unter den einschränkenden Bedingungen nicht oder nur sehr eingeschränkt ausagiert werden können. Eine solche Wirklichkeit auszuhalten und neu auszubalancieren, ist eine große Herausforderung für die junge Generation; und auf vier erzwungene Herausforderungen will ich hinweisen.

Kommunikativer Stau

Die alltäglichen, immer auch intimisierten Kontakte, Mitteilungen von gemeinsamen Erlebnissen und verbrachter Zeit können nicht gelebt und besprochen werden. Diese werden zwar auch digital und in medialen Kontakten, aber vor allem auf dem Schulweg, in der Pause, bei Treffen und Feiern, an eigenen Orten mit eigenen Zeiten direkt und face to face kommuniziert. Solche mehr oder wenigen affektiv aufgeladenen Kommunikationen und Austauschprozesse folgen vielfach einem „sprudelnden Redefluss“ und dem Muster, „das muss ich unbedingt erzählen und loswerden“. Dies entlastet die Psyche, lässt andere am eigenen – inneren und äußeren – Leben teilnehmen und zielt immer auf Kommentierung und Resonanz. Wenn diese Austauschprozesse im Sinne des sich Vergewisserns der eigenen Identität nicht möglich sind, entsteht ein emotionaler und kommunikativer „Stau“, der einen auf sich selbst, auf mehr innere Monologe zurückverweist. Das gilt auch für die Kommunikation und Resonanz mit vertrauten und vertrauensvollen pädagogischen Kontakten, mit für einen bedeutsamen und interessanten Erwachsenen in der Kita, Schule, Jugendarbeit und Hochschule, mit denen man über seine Themen und Gefühlswelten reden kann.

Professor Dr. Benno Hafeneger. Quelle: Thorsten Richter

Sport und Umarmungen

Die möglichen Sinnlichkeits- und Körpererfahrungen waren und sind mit den jeweils vorgegebenen Regeln verbunden und wurden in den Pandemiephasen unterschiedlich eingeschränkt. Das gilt für alle Bereiche des körperlich-sinnlichen Agierens und Wahrnehmens und reicht von intimen Liebesbeziehungen über die Möglichkeiten der gemeinsamen Bewegung im Sport und Tanz bis hin zum gemeinsamen Spiel. Im gewohnten Alltag sind es Erfahrungen körperlicher Resonanz wie das Küssen, Händchen halten, dann das Händeschütteln, Umarmen oder der freundschaftliche Klaps auf den Rücken. Die sinnlich-körperlichen Eindrücke und die Wahrnehmung finden jetzt im Medium von Hygieneregeln, des Abstandes und des Mundschutzes statt und sind damit mit verdeckter Mimik und verändertem Sprachklang verbunden. Man sieht sich zwar im medialen Kontakt, kann sich aber nicht anschauen, die Augen haben keinen direkten Kontakt. Auch das Hören – man hört sich zwar – ist vielfach mit Störungen und technischen Problemen verbunden. Pausen und Schweigen sind nicht ausgefüllt mit gemeinsamer Bewegung, Gestik und Mimik, mit einem gemeinsamen körperlichen Agieren und Blickkontakt.

Äußere und innere Welten

Die pädagogischen Welten stellen immer auch eine spezifische Balance von äußeren und inneren Welten her. Die innere Realität bekommt in Zeiten von Einschränkungen einen bisher nicht gekannten Bedeutungszuwachs. Die äußere Pandemiewelt schränkt die eigenen äußeren Erfahrungen – mehr oder weniger drastisch – ein und gibt mehr Zeit für beziehungsweise erzwingt mehr Selbstbezug. Es gibt weniger gelebte äußere Realität und die Beschäftigung mit der eigenen inneren Realität und die mit ihr verbundenen Eigenzeit und Phantasieproduktion /-welt bekommen jetzt mehr seelischen und kognitiven Raum. Gleichzeitig hat das Pandemiethema eine gesellschaftliche und mediale, kommunikative und affektive Dominanz bekommen und als Dauerthema und -beschäftigung auch die junge Generation erreicht. Es ist ein Realitätsdruck, der quer liegt zu ihren eigentlichen Bedürfnissen und Interessen, Entwicklungsthemen und -herausforderungen.

Privatsphäre wird öffentlich

Die staatlichen Vorgaben haben zeitweise die pädagogischen Settings verändert, die pädagogische Kommunikation und die Kontakte mussten in der Schule, Hochschule und Jugendarbeit digital organisiert werden; sie dominierten vorübergehend und vermittelten sich über räumliche Entfernungen. Dazu gehörte in Phasen von Lockdown und (des notwendigen und gut begründeten) Homeschooling auch, dass die private Welt von Jugendlichen jetzt über die Medien öffentlich wird und Bilder aus privaten Räumen – wie man lebt, ob man ein eigenes Zimmer hat und wie das Zimmer ausgestattet ist – und über die eigene jugendkulturelle Lebensweise den Anderen ohne eigene Zustimmung zugänglich und mitgeteilt werden. Damit wird in der Jugend- und Schulgeschichte erstmals die Privatsphäre medienvermittelt in die pädagogische Welt hineingenommen, wird die Trennung von öffentlich und privat aufgehoben. Wie die Pandemiezeit insgesamt und die hier skizzierten Erfahrungen die Herausbildung von Subjektivität und Identität, Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Aufmerksamkeit, Verbundenheit und Anerkennung beeinflussen und prägen wird, bleibt abzuwarten. In den analogen pädagogischen Welten wird es zunächst darauf ankommen, dass sie in ihrem Alltag den Jugendlichen kreative Möglichkeiten, Zeit und Raum geben, sich mit den vielschichtigen Pandemieerfahrungen auseinanderzusetzen.

Von Dr. Benno Hafeneger

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