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Marburg Warum die Boosterimpfung wichtig ist
Marburg Warum die Boosterimpfung wichtig ist
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20:00 21.12.2021
Eine Frau zieht eine Dosis des Impfstoffes von Biontech auf.
Eine Frau zieht eine Dosis des Impfstoffes von Biontech auf. Quelle: Marijan Murat/
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Marburg

Professor Harald Renz, Direktor des Instituts für Labormedizin am Universitätsklinikum Marburg, beantwortet wieder Fragen unserer Leserinnen und Leser zur Corona-Pandemie.

Wie schlimm ist die Omikron-Variante?

Mittlerweile unbestritten ist die hohe Infektiosität der Omikron-Variante. Es braucht deutlich weniger Virus (im Vergleich zu Delta), um sich zu infizieren. Und überall da, wo die Omikron-Variante aufschlägt, setzt sie sich durch. Und das gilt für alle Altersgruppen, die Jungen wie die Älteren.

Und erste Daten aus dem „Reagenzglas“ zeigen, dass der normale Impfschutz (nach regulärer vollständiger Impfung) aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ausreicht, um Omikron genauso gut abzuwehren wie Delta. Hier liegen Daten zu den Antikörpern vor. Von den vielen Antikörpern, die nach einer regulären Impfung produziert werden, ist nur ein Teil wirklich in der Lage, das Virus vor dem Eindringen in die Zellen zu blockieren. Dies sind die sogenannten blockierenden Antikörper. Ist schon der Anteil solch blockierender Antikörper gegenüber der Delta-Variante relativ gering, so ist deren Anteil gegenüber der Omikron-Variante noch einmal um ein vielfaches geringer.

Insbesondere aufgrund dieser Daten wird gegenwärtig die Booster-Impfung massiv nach vorne getrieben, denn nach einer Booster-Impfung steigt der Anteil blockierender Antikörper besonders stark an. Damit erhoffen wir uns einen einigermaßen guten Schutz auch gegenüber Omikron. Das muss alles natürlich jetzt sehr schnell geschehen, weil die Ausbreitung der Omikron-Variante so rasch auf dem Vormarsch ist.

Allerdings muss betont werden, dass blockierende Antikörper in der Immunantwort nicht alles sind, sondern dass es auch auf die sogenannte T-Zellen-Antwort ankommt. Hierzu liegen allerdings noch keine schlüssigen Daten vor, was den T-Zellen-Schutz nach normaler Impfung gegen Omikron anbelangt. Hier werden dringend Daten erwartet.

Führt Omikron auch zu schwereren Verläufen?

Zum klinischen Verlauf von Omikron-Infektionen gibt es vor allem Daten aus Südafrika, weil dort Omikron sich schon so weit verbreitet und durchgesetzt hat. Die Erwachsenen- und Kinderärzte in Südafrika berichten übereinstimmend davon, dass sie keine schwereren Verläufe nach Omikron-Infektionen sehen als nach Delta. Es wird allerdings über besondere klinische Auffälligkeiten berichtet. Kinder leiden unter extremer Müdigkeit und auch an Appetitlosigkeit. Auch das typische Zeichen des Verlusts des Geruchs- und Geschmackssinns scheint bei Omikron zu fehlen oder zumindest nicht so stark ausgeprägt zu sein.

Warum die Omikron-Verläufe nicht schwerer sind als bei Delta, ist bisher nicht klar, es kann am Virus liegen, es kann aber auch an der Bevölkerung liegen, die in Südafrika deutlich jünger ist als bei uns, und auch an der Grundimmunisierung in Südafrika, wo ja sehr viel mehr Menschen bisher Coronavirus-Infektionen hatten als bei uns.

Somit müssen wir warten, bis belastbare Daten aus der Nordhalbkugel vorliegen zu Omikron-Verläufen. Bis dahin gilt auf jeden Fall absolute Vorsicht.

Können sich geimpfte Menschen infizieren?

Diese wichtige Frage muss man mit einem „Ja“ beantworten. Man kann es gar nicht oft genug wiederholen, die Impfung schützt vor schweren klinischen Verläufen, vor der Intensivstation, aber nicht unbedingt vor einer Infektion.

In den ersten Tagen nach Infektionen von Geimpften finden sich sogar gleich hohe Viruskonzentrationen wie bei den Nicht-Geimpften, allerdings fallen dann die Viruskonzentrationen bei den Geimpften aufgrund des Impfschutzes und der Immunantwort rasch und deutlich ab. Viele dieser Infektionen bei Geimpften verlaufen sehr milde und asymptomatisch. Das macht es aber so heimtückisch, denn so kann dann auch der Geimpfte unbemerkt im sicheren Glauben, er wäre nicht virusinfiziert, das Virus weitergeben in seinem Umfeld.

Aus diesem Grunde gilt eben auch für Geimpfte, dass man sich regelmäßig testen sollte, auch und gerade wenn man nur leichte Erkältungssymptome hat, und denkt, dies wäre das normale „Schnupfen-Virus“.

Sprechen auch die Tests auf Omikron an?

Die gängigen verfügbaren Antigen-Schnelltests und auch die PCR-Tests sprechen auf Omikron an. Bisher ist es zum Glück nicht so, dass wir hier „Testversager“ haben, also die Tests aufgrund der Virusmutation nicht mehr das Virus erfassen. Allerdings ist auch schon vereinzelt von „Ausreißern“ berichtet worden, so gilt es also, dieses Thema in den kommenden Monaten ganz eng im Auge zu behalten.

Was ist eine Sweetspot-Variante?

Dies ist der neue Begriff in der Pandemie! Vereinfacht gesagt versteht man unter einer Sweetspot-Variante eine Virusvariante, die einerseits infektiöser ist, andererseits aber mit milden Verläufen einhergeht. Das könnte zum Beispiel bei Omikron der Fall sein, basierend auf den Daten aus Südafrika. Wir wissen es aber noch nicht genau, denn hier fehlen noch entsprechend solide und gut fundierte Untersuchungen aus der Nordhalbkugel. Auch diesen Begriff werden wir in unser Corona-Vokabular aufnehmen müssen.

Welche Auswirkungen hat Corona bei Kindern?

Dieses Thema ist jüngst durch Unicef wieder einmal in das Zentrum gerückt worden. Wir haben darüber auch schon mehrfach berichtet, die Auswirkung der Corona-Pandemie auf die gerade Jüngsten in der Gesellschaft. Unicef hat dies noch einmal in einer weltweiten Betrachtung zusammengestellt. Hier einige vielleicht erschreckende Zahlen: 13 Prozent aller Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren leiden an psychischen Erkrankungen; 1,6 Milliarden Kinder konnten im Höhepunkt des Lockdowns weltweit nicht zur Schule gehen; weltweit fielen im ersten Jahr der Pandemie fast 80 Prozent des Präsenzunterrichts aus; über 20 Millionen Kinder konnten 2020 keine Regel-Impfungen gegen die gefährlichen Infektionserkrankungen erhalten. Dies illustriert die dramatischen Effekte und Auswirkungen dieser Pandemie. Ein Gegensteuern, nicht nur national, sondern global, ist hier dringend erforderlich.

Von Professor Dr.Harald Renz