Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Warum Ölheizungen zum Problem werden
Marburg Warum Ölheizungen zum Problem werden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:00 24.09.2019
Ab 2026 sollen keine neuen Ölheizungen mehr eingebaut werden dürfen. Das hält die Industrie für einen Fehler. Quelle: Dittrich
Marburg

Ab 2026 sollen nach dem Willen der Bundesregierung keine neuen Ölheizungen mehr eingebaut werden dürfen – und zwar „in Gebäuden, in denen eine klimafreundlichere Wärmeerzeugung möglich ist“. Der Plan ist, eine „Austauschprämie“ aufzulegen und so bis zu 40 Prozent der Austauschkosten zu fördern. Das erinnert an die „Abwrackprämie“, die seinerzeit den Autohandel in Schwung brachte. Freuen sich die heimischen Handwerksbetriebe also über das Quasi-Konjunkturprogramm?

Für Harry Heckeroth, den stellvertretenden Obermeister der Marburger Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik-Innung, ist der Schritt der Bundesregierung „ein falsches Signal. Die Ölheizung ist heutzutage so effektiv geworden, wenn alles fachgerecht installiert ist, wozu auch der hydraulische Abgleich gehört.“ In seinen Augen sind „Verbote der verkehrte Weg. Die Zuschüsse sind zwar ein guter Anreiz – aber dennoch muss der Kunde tief in die Tasche greifen.“

Denn: Mit dem Austausch der Heizung sei es in älteren Bestandsbauten nicht getan, wenn man wirklich Energie sparen wolle. „Dann brauche ich eventuell andere Fenster, eine Außendämmung, ich muss die Heizkörper aus den Fensternischen holen und diese zumauern – wer soll das denn alles bezahlen?“, fragt er.

„Brauchen Lösung für Normalverdiener“

Für Heckeroth bräuchte es eine „Lösung für den Normalverdiener. Der kann sich eine komfortable neue Gas- oder Ölheizung leisten, dann werden die Heizkörper mit neuen Ventilen saniert, das ganze System wird ordentlich abgestimmt und es gibt ein paar Zuschüsse – dann liegt er vielleicht bei 13 000 Euro, ist fertig und hat eine hochmoderne Anlage.“ In seinen Augen sei es sinnvoller, „bestehende alte Anlagen zu modernisieren – das ist günstiger für die Kunden und spart jede Menge CO2 ein“.

Der Bedarf ist vorhanden: Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft werden in Deutschland noch 5,8 Millionen Gebäude durch eine Ölheizung versorgt. Würde man sie alle durch moderne Heiztechnologien ersetzen, ließen sich bis zu 30 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr einsparen.

Im Neubau würde Harry Heckeroth zu Wärmepumpen raten, „gerne auch in Kombination mit einer Solarthermie-Anlage und Photovoltaik“.

Und was sagt die Industrie zum geplanten Ölheizungs-Aus? Für Roth Industries mit Sitz in Buchenau steht fest: „Gerade in älteren Gebäuden ist die Erneuerung einer Ölheizung mit moderner Brennwert-Technologie häufig die ökonomische Alternative, die, insbesondere in einer Kombination mit erneuerbaren Energiequellen, auch eine erhebliche Senkung von CO2-Emissionen bringt und damit zu einer schnellen Realisierung von Klimazielen beiträgt.“

Der reduzierte Ölverbrauch ermögliche auch die Verkleinerung von Lagervolumen. „Ein bis zwei doppelwandige Tanks in direkter Anbindung an den Brenner genügen, und die bisher genutzten Lagerräume werden frei für andere Verwendungen“, erläutert CEO Matthias Donges gegenüber der OP. Im Neubau habe sich der Markt ohne Verbote bereits von selbst in Richtung Erneuerbarer Energien geregelt „und der Anteil von Ölheizungen ist nahe null“, sagt er. Verbotsankündigungen würden sich indes verunsichernd auf Verbraucher und die Industrie auswirken – das beweise die Dieseldiskussion.

Kategorische Ablehnung „ist schlichtweg falsch“

„Insoweit bitten wir die Politik, den erfolgreichen Weg einer technologieoffenen Förderung im Wärmesektor beizubehalten. Auch mit Ölheizungen im Gebäudebestand sind die Klimaziele effektiv und bezahlbar erreichbar“, so Donges.

Maximilian Viessmann, Co-CEO des Heiztechnik-Herstellers Viessmann aus Allendorf (Eder), sagt: „Veraltete Öl- oder Gasheizungen auszutauschen ist vor allem eines: ein guter Anfang mit sofortiger Wirkung. Es ist eine erste Maßnahme, die sich umgehend positiv auswirkt – für das Klima und die eigenen Energiekosten.“ Doch müsse mehr folgen – wichtig sei die richtige Kombination „aus Erneuerbaren Energien und maximaler Effizienz bei fossilen Energien, die für alle praktikabel sind. Deshalb ist die kategorische Ablehnung einzelner Energieträger schlichtweg falsch.“ Bei der Gebäudesanierung gebe es innovative, CO2-sparsame Lösungen, „darunter Brennstoffzellen, Wärmepumpen und Effizienz-Heizungen mit moderner Brennwerttechnik und Wirkungsgraden von über 100 Prozent“.

Technologieoffenheit ist auch für Stefan Thiel, Vertriebsleiter von Buderus Deutschland, wichtig. Für ihn ist es positiv, „dass die Politik nach Jahren überhaupt wieder die Bedeutung des Gebäudesektors für die Klimaziele erkennt. Denn es wird keine Energiewende ohne Wärmewende geben.“

Thiel plädiert für „die Etablierung steuerlicher Abschreibungsmöglichkeiten der energetischen Gebäudesanierung auch für private Haushalte“. Dabei brauche es „eine Wartungspflicht für veraltete Heizgeräte. Dabei ist es wichtig für die Bürger, dass sie stets auf die für sie beste Technologie zurückgreifen können.“ Für Thiel steht fest: „Die Potenziale sind groß: 60 Prozent der deutschen Heizungen sind ineffizient. Um die Klimaziele der Bundesregierung zu erfüllen, müssen wir pro Jahr
1,1 Millionen Heizsysteme modernisieren statt nur 700 000. Wir brauchen also mehr Tempo bei der Wärmewende in Deutschland.“

von Andreas Schmidt