Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Die Crux mit dem immateriellen Welterbe
Marburg Die Crux mit dem immateriellen Welterbe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:59 04.08.2021
Marburg ist stark von seiner Universität geprägt – hier die Alte Universität.
Marburg ist stark von seiner Universität geprägt – hier die Alte Universität. Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Marburg

Die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe, der Donaulimes und der niedergermanische Limes, jüdische Stätten in Speyer, Worms und Mainz sowie die Kurstädte Bad Ems, Baden-Baden und Bad Kissingen: Sie alle können sich seit einigen Tagen Unesco-Weltkulturerbe nennen. Ein Titel, der viele Marburgerinnen und Marburger schmerzlich an die letztlich erfolglose Unesco-Bewerbung der Stadt Marburg erinnert. Derzeit plant die Stadt keine weitere Bewerbung (die OP berichtete). Doch warum konnte Marburg vor sieben Jahren eigentlich nicht punkten? Als Reaktion auf den Artikel über die aktuelle Haltung der Stadt-Spitze zum Thema meldete sich der damalige Koordinator der Arbeitsgruppe für die Bewerbung von Stadt und Philipps-Universität, Ulrich Klein vom Freien Institut für Bauforschung und Dokumentation e.V. (IBD), bei der OP-Redaktion.

Wie Klein schildert, kam es während des Bewerbungsprozesses zu einem Paradigmenwechsel im Welterbekomitee der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (Unesco). „Als wir begannen, die Bewerbung vorzubereiten, war davon die Rede, dass die Unesco in Zukunft vor allem Stätten mit einem starken immateriellen Anteil berücksichtigen werde, nachdem der übliche Kanon von Burg, Kirche und Altstadt et cetera weitgehend abgearbeitet war“, erläutert der damalige Koordinator. „Darauf – und nicht auf die baulichen Besonderheiten Marburgs – baute unser Konzept auf, das den Typus der ,Universitätsstadt’ in den Vordergrund rückte.“

Klassische Bauwerke versus immaterielle Kulturgüter

Dies habe auch dem damals vorliegenden „Lückenreport“ der Unesco entsprochen, der auf noch fehlende Objektkategorien abzielte. Darauf sei das Gutachten des niederländischen Universitätshistorikers Professor Willem Frijhoff ausgerichtet gewesen. „Es ging um den Gedanken der Universitätsstadt“, erklärt Klein, „der materielle Anknüpfungspunkte hat, aber irgendwie darübersteht.“ Marburg bewarb sich gemeinsam mit Tübingen, weil die württembergische Stadt ähnlich von ihrer Universität geprägt ist.

„Im Zuge des weiteren Bewerbungsprozesses kam es aber dann bei der Unesco-Welterbekommission zu einer entscheidenden Neuausrichtung, bei der die ,klassischen’ Stätten, auf die jeweils herausragenden Baulichkeiten reduziert, weiter geführt wurden, daneben aber die neue Kategorie des ,immateriellen’ Weltkulturerbes eingeführt wurde“, erklärt Klein. Bei der Unesco hätten sich also die Anhänger der klassischen Bauwerke durchgesetzt, zugleich sei aber für das „immaterielle Kulturerbe“ ein ganz neues Programm mit eigenen Bewertungskriterien aufgelegt worden. „Das ist ein ganz neuer Ansatz, der aber noch nicht bis ins Letzte durchdacht ist“, sagt Klein. Denn das Bild sei „disparat“, meint der Bauforscher: Als „immaterielles Erbe“ gelten einerseits Traditionen wie Volkstänze oder der Rheinische Karneval, die tatsächlich nicht mit Händen zu greifen sind – andererseits aber auch der „hessische Kratzputz“, der zwar eine Handwerkstechnik ist, aber zugleich materiell an bestimmten Fachwerkhäusern zu finden ist.

Als es allerdings vor sieben Jahren um die Auswahl der deutschen Kandidaten für die Unesco-Liste ging, habe die Kommission auf Bundesebene offenbar die Diskussion über das immaterielle Welterbe noch nicht richtig mitbekommen, meint Klein. „Es wurden wieder nur Bauwerke ausgewählt“ – wie eben die Darmstädter Mathildenhöhe, die nun in die Welterbeliste aufgenommen wurde. Durch die Neuausrichtung bei der Unesco „fehlte unserer Bewerbung im ,klassischen’ Bereich nun der erforderliche Hintergrund, während die Umsetzung für das immaterielle Kulturerbe noch auf sich warten ließ“, erklärt Klein.

Welterbe-Titel kann auch negative Folgen haben

Inzwischen hat allein das deutsche „Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes“ 126 Einträge. Mit einem leicht überarbeiteten Konzept wäre aus Kleins Sicht „ein erfolgreicher Anlauf denkbar“. Er fügt aber hinzu: „Die Frage ist allerdings, ob man das heute noch so will und machen sollte. Die Erfahrungen von zum Beispiel Regensburg und Bamberg, aber auch Amsterdam und Salzburg mit dem nach der erfolgreichen Bewerbung einsetzenden ,Overtourism’ mit allen seinen negativen Folgen waren so ernüchternd, dass man sich wirklich fragen muss, ob dies erstrebenswert sein kann.“

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) hat bereits deutlich gemacht, dass für ihn eine erneute Welterbe-Bewerbung derzeit nicht auf der Agenda steht. Die Stadt werde sich zunächst auf die 800-Jahr-Feier konzentrieren und dann in den nächsten Jahren „die Tradition von Behring bis Biontech“ für ihre Vermarktung nutzen. „Eine erneute Bewerbung als Weltkulturerbe sollte frühestens dann geprüft werden, wenn diese Marburg-spezifischen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden“, hatte Spies der OP auf Anfrage gesagt.

Von Stefan Dietrich