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Marburg „Nur klatschen hilft uns nicht weiter“
Marburg „Nur klatschen hilft uns nicht weiter“
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08:18 21.10.2020
Mit einer Raddemo und einem Autokorso durch Marburg demonstrierten Beschäftigte des öffentlichen Dienstes für eine bessere Bezahlung und mehr Anerkennung. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Marburg

Die Wut und Enttäuschung stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre Stimme bebt und das liegt nicht an der eisigen Kälte an diesem Dienstagmorgen im Herbst. Cordula Tschirschnitz ist erbost. „Wenn ich diese Sonntagsreden aus der Politik höre, dass Erzieher besser bezahlt werden und der Beruf längst aufgewertet werden sollte, aber dann Tarifverhandlungen sind und es passiert nichts, das macht mich echt sauer“, ruft sie und erntet Jubel.

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Weit mehr als 100 Menschen haben sich am Dienstagmorgen auf dem Parkplatz des Georg-Gassmann-Stadions versammelt, um ihrem Unmut Luft zu machen. Nicht nur Erzieherinnen wie Cordula Tschirschnitz sind darunter, sondern auch Mitarbeiter aus Altenheimen, Krankenhäusern und öffentlichen Verwaltungen. Sie alle sind dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt, um sichtbar Druck zu machen in den laufenden Tarifverhandlungen für Beschäftigte des öffentlichen Dienstes.

Verdi fordert für die bundesweit 2,3 Millionen Tarifbeschäftigten im öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen bei einer einjährigen Laufzeit 4,8 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 150 Euro mehr im Monat. Die Arbeitgeber hatten zuletzt schrittweise Lohnerhöhungen von insgesamt 3,5 Prozent bei einer Laufzeit von drei Jahren angeboten. „Erst ab März soll es eine Erhöhung um einen Prozent geben, so lange gibt es nichts. Und dieses Angebot der Arbeitgeber geht ja gar nicht“, findet Verdi-Sekretär Julian Drusenbaum.

Noch deutlicher wird Cordula Tschirschnitz: „Dieses Angebot ist eine Unverschämtheit.“ Schließlich seien ihre Erzieher-Kollegen und Kolleginnen systemrelevant und nun möchten sie auch ordentlich bezahlt werden. Nicht nur Tschirschnitz, sondern die meisten Menschen an diesem Oktobermorgen auf dem Parkplatz des Gassmann-Stadions gehören den Berufsgruppen an, die während des Corona bedingten Lockdowns den „Laden am Laufen“ gehalten hatten. So wie Günter Payerl von den Dienstleistungsbetrieben Marburg (DBM), dem viel Empörung in seiner orangefarbenen Montur steckt: „Seit Corona im Februar anfing, halten meine Kollegen und ich die Stellung. Halb Marburg sieht aus wie ein Schweinestall und wir fahren den Dreck weg“, poltert er und fordert, dass die 150 Euro mehr im Monat unbedingt durchgesetzt werden müssten. „Gebt nicht klein bei, sonst werden wir wieder über den Tisch gezogen, wie bei den letzten zwei Tarifverhandlungen. Das war nur Verarscherei“, schimpft der DBMler und erntet dafür lautstark Unterstützung von den Mitstreikenden.

Auch Krankenhausmitarbeiter, die in den Anfängen der Corona-Pandemie noch lautstark von den Balkonen beklatscht wurden, machen deutlich, dass Klatschen nicht reicht. Sie fordern, dass sich Anerkennung auch im Portemonnaie wiederfinden müsse. „Ihr wurdet gebraucht und Ihr wurdet benutzt. Ohne Euch steht das Leben still, das muss Euch bewusst sein“, ruft Martina Lindmaier ihren Mitstreitern zu. Die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Vitos Klinik Gießen-Marburg ist auch Mitglied der Bundestarifkommission und vor Ort dabei, wenn Ende ab Donnerstag die Tarifverhandlungen mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) in Berlin weitergehen. Sie warnt ihre Mitstreiter eindringlich: „Der VKA ist ein zerstrittener Haufen, viele von denen sind neu gewählt und die wollen zeigen, wie stark und mächtig sie sind“, kritisiert sie und fordert dazu auf „mächtig Rabatz zu machen“, damit die Tarifverhandlungen nicht in einer „Schlichtung enden“.

Ebenfalls sehr zornig zeigt sich Lissy Schuchmann, Personalratsvorsitzende der Sparkasse Marburg-Biedenkopf. Denn den Mitarbeitern der Sparkasse sollen vom Weihnachtsgeld bis zu 25 Prozent abgezogen werden. „Auch wir sind systemrelevant, haben in der Krise mit für den sozialen Frieden gesorgt, waren und sind Ansprechpartner für den Bürger und den Mittelstand zum Beispiel in Sachen Kreditvergabe“, betont Schuchmann.

Den Treffpunkt auf dem Parkplatz des Georg-Gassmann-Stadions hatte Verdi nicht nur gewählt, weil dort die Corona-Hygienevorschriften mit Mund-Nasen-Schutz und Abstand eingehalten werden konnten und es von dort zu einer Raddemo und einem Autokorso durch Marburg ging.

In der nahen Sporthalle tagte auch der Haupt-und Finanzausschuss der Stadt Marburg – und dessen Mitgliedern wollten die Streikenden eine klare Botschaft mit auf den Weg geben: Verdi-Sekretär Julian Drusenbaum formuliert es so: „Wir brauchen nicht Euren Zuspruch und Eure warmen Worte, das könnt Ihr Euch sparen. Wir wollen, dass Ihr dem VKA sagt, dass wir ein gutes Angebot im Tarifkonflikt brauchen.“

Von Nadine Weigel

21.10.2020
20.10.2020
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