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Marburg „Warum muss mein Opa so sehr leiden?“
Marburg „Warum muss mein Opa so sehr leiden?“
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13:59 03.08.2022
Am Dienstag begann der zweitägige Warnstreik am UKGM.
Am Dienstag begann der zweitägige Warnstreik am UKGM. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Es waren tief bewegende Worte, die Heike Weitzel aus dem Intensiv-Springerpool des UKGM während der Kundgebung am ersten der beiden Warnstreiktage am UKGM zur Arbeitssituation am Klinikum fand – und die sie speziell an die Angehörigen und die Patienten richtete: „Ich habe diesen Beruf tatsächlich einmal gewählt, weil ich die Würde des Menschen unantastbar finde – und weil ich finde, dass jeder Mensch ein Recht auf körperliche Unversehrtheit hat. Und das ist Ihr Recht im Krankenhaus“, so die Intensivpflegerin, die seit 38 Jahren im Berufsleben steht.

Die Zeiten seien in all den Jahren immer schlechter geworden – und die Angehörigen würden viele Dinge nicht verstehen, seien emotional stark aufgewühlt. „Sie fragen, warum wir keine Zeit haben. Sie fragen: ,Warum muss mein Opa so sehr leiden?’“, so die Pflegerin. „Liebe Bevölkerung, ich kann Sie nur wachrütteln: Wir stehen hier für Sie! Und wir stehen hier auch dafür, dass wir selbst Angst haben, krank zu werden“, sagte Weitzel. Die Politik ermögliche diese Bedingungen, „der Arbeitgeber macht all das, was er rechtlich darf. Die Politik muss die Weichen stellen, damit es für alle wieder besser wird“. Zuvor hatte bereits Volker Peil aus der ausgegliederten Services GmbH berichtet: Die Mitarbeitenden müssten absolut flexibel auf alles Mögliche reagieren. „Obwohl wir im Vergleich zu anderen Berufsgruppen sehr wenige Kosten verursachen, spart man auch an uns – auch wir gehen am Limit, können bald nicht mehr. Die Arbeit macht uns krank, wir brauchen dringend mehr Personal.“

Warnstreik am UKGM

Die Gewerkschaft Verdi fordert einen „Tarifvertrag Beschäftigungssicherung“, will mit dem zweiten Ausstand binnen weniger Wochen Druck auf den Arbeitgeber aufbauen. Hintergrund ist, dass die Verhandlungen zwischen Land und Rhön-Klinikum AG über ein neues Investitionspaket derzeit stocken – und der Konzern die noch gültige Vereinbarung zum Jahresende gekündigt hat. Zwar hat Rhön-Chef Dr. Christian Höftberger immer wieder betont, dass auch im Falle, dass es keinen neuen „Zukunftsvertrag“ geben werde, keine Entlassungen und auch kein Outsourcing geplant seien.

Doch Verdi schenkt diesen Worten keinen Glauben: „Asklepios stellt aktuell die Zukunft der Universitätsmedizin in Mittelhessen infrage. Einsparungen am Personal führen zu einer schlechteren Versorgung sowie zu sinkender Qualität in Forschung und Lehre“, sagt Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm.

Auch am Mittwoch, 3. August, wird das UKGM bestreikt: Die Beschäftigten beider Standorte treffen sich um 9 Uhr am Marburger Hauptbahnhof. Um 11 Uhr beginnt die Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz

Bärbel Gärtner brach eine Lanze für die Kollegen in der Verwaltung, „die häufig vergessen werden“. Ohne sie könnten keine Daten erfasst oder Leistungen abgerechnet werden und vieles mehr – zudem gäbe es kein Gehalt. Und sie führte weiter aus: „Ohne die Technik, den Steri, die Küche, das Lager, den Einkauf oder die IT würde hier nicht viel passieren – es wäre kein reibungsloser Ablauf möglich.“ Daher fordere man einen Tarifvertrag Beschäftigungssicherung „und eine Übernahme der Auszubildenden“.

DGB-Organisationssekretär Ulf Immelt, der wieder nach Mittelhessen zurückgekehrt ist, reduzierte die von manchen Parteien vorgebrachte Maxime „privat geht vor Staat“ auf „vier Buchstaben: UKGM. Die Privatisierung ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Grundrecht ad absurdum geführt wird, weil Gesundheit zur Ware geworden ist“. Auch sei die Situation absurd, dass es auf der einen Seite keinen Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung gebe – „und auf der anderen Seite die Kollegen trotz Corona arbeiten müssen“, so Immelt. Das folge lediglich der Logik des Profits – „die müssen wir durchbrechen und dafür sorgen, dass der Mensch wieder im Mittelpunkt steht“.

Für die ehemalige Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher steht indes fest: „Unsere Proteste werden seit Wochen ignoriert – und dennoch redet man vom respektvollen Miteinander.“ Dabei würden sich Konzern und Land seit Monaten „auf dem Rücken der Beschäftigten“ streiten.

Der Konzern habe mit der Kündigung der bestehenden Vereinbarung bewusst die damit vertraglich verbundene Beschäftigungssicherung beendet. „Man will mehr Millionen und weniger Mitsprache“, so Böttcher. Doch hätten die Beschäftigten genug von den „Pokerspielen und Kapitalinteressen“ der Konzerne und „der sogenannten Ratlosigkeit der Landesregierung“. Die Beschäftigten müssten dafür „Tag für Tag die Zeche“ zahlen. Das Verhalten des Arbeitgebers sei indiskutabel. Doch Böttcher kündigte an: „Wir leisten Widerstand!“

Von Andreas Schmidt

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