Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg UKGM: Das Gespenst Arbeitsplatzabbau geht um
Marburg UKGM: Das Gespenst Arbeitsplatzabbau geht um
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:53 29.09.2020
Teilnehmer des Warnstreiks applaudieren nach einem Redebeitrag. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

„Plötzlich geht es wieder um alles“, sagt eine Teilnehmerin des Warnstreiks gestern Morgen vor dem Haupteingang des UKGM. „Um alles – nicht nur um mehr Geld“, sagt die Physiotherapeutin, die ihren Namen nicht nennen will. Ihr Entsetzen ist groß – nicht nur, dass sie wesentlich weniger verdiene als ihre Pendants in Kliniken der öffentlichen Hand. Nein – entsetzt ist sie auch, weil der Krankenhaus-Konzern Asklepios, zu dem seit Kurzem die beiden mittelhessischen Uni-Kliniken gehören, einen „Personalüberhang“ festgestellt hat. Plötzlich geht das Gespenst Arbeitsplatzabbau wieder um am UKGM. Und das, obwohl es „täglich Überlastungsanzeigen, täglich mehr Überstunden in allen Bereichen gibt – wenn nicht alle so wahnsinnig engagiert wären, würde der Laden gar nicht mehr laufen“, sagt Stefan Röhrhoff, Verhandlungsführer von der Gewerkschaft Verdi.

Stefan Röhrhoff hat zuvor zusammengefasst, „wo heute überall nicht gearbeitet wird: Die ambulante Patientenaufnahme ist zu und das hat den Arbeitgeber gestern ziemlich ins Schwitzen gebracht, weil er dann doch gemerkt hat, wie wichtig dieser Bereich ist“, sagt Röhrhoff unter dem Jubel der Streikenden. Auch die Physiotherapie befinde sich im Ausstand, „es gibt nur eine kleine Notbesetzung von Kollegen, die gesagt haben, dass sie in der Probezeit sind oder befristete Verträge haben“. 60 Prozent der OP-Säle seien stillgelegt, „das bedeutet für den Arbeitgeber einen immensen wirtschaftlichen Schaden alleine am heutigen Tag – und morgen geht es ja weiter“, so Röhrhoff. Die Sterilisation werde ebenfalls bestreikt wie Technik, Elektro-Bereich und insgesamt ein Teil der Service GmbH.

Anzeige

Vordringlich gehe es beim Warnstreik darum, „dass alle am UKGM genauso bezahlt werden, wie ihre Kollegen im öffentlichen Dienst an kommunalen Kliniken“, erläutert Röhrhoff. Die Lohndifferenz könne bei den therapeutischen Berufen oder im MTA-Bereich 200 bis 400 Euro ausmachen. Doch seien die Verhandlungen nun quasi zum Erliegen gekommen – unter anderem wegen der Übernahme von Rhön durch Asklepios. Und: Dass der neue Eigentümer einen Personalüberhang ausgemacht habe, „das ist schon zynisch. Aber so kennen wir Asklepios“, sagt Röhrhoff.

Er konkretisiert: „Überall, wo Asklepios ist, gibt es Stellenabbau und Personalverschiebungen in andere Betriebe ohne Tarifbindung“ – vor diesem Hintergrund sei die Androhung des Personalabbaus nichts Neues. „Was uns aber überrascht, ist die Geschwindigkeit, mit der dies geschieht – daher ist jetzt der richtige Zeitpunkt hier zu stehen.“ Es gehe nicht mehr nur um die Eingruppierung, „sondern auch um die Arbeitsplatzsicherheit“.

Der Warnstreik habe bereits „ein bisschen Wirkung gezeigt“, so Röhrhoff. Denn: Das Land Hessen habe für Dienstag zu einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung in Wiesbaden geladen – „dem Land kann es nicht gefallen, dass in Zeiten von Corona jemand kommt und sagt, man müsse am UKGM jetzt Stellen abbauen“. Rund 50 UKGM-Beschäftigte seien nach Wiesbaden gefahren, um auf die Belange aufmerksam zu machen.

Frank Eggers aus dem UKGM-Betriebsrat verdeutlicht: „Alle Berufsgruppen aus dem Krankenhaus verdienen es, gerecht eingruppiert zu werden.“ Denn alle Mitarbeiter am Klinikum erbrächten täglich hohe Arbeitsleistungen und ihre Erfahrung ein – „ohne Ausnahme“. Im Krankenhaus seien alle aufeinander angewiesen, „sonst funktioniert der Laden nicht“. Doch könne „niemand von uns verlangen, dass wir uns aufopfern und uns krank machen, nur, weil wir unsere Arbeit ernst nehmen“, so Eggers. Öffentliche Arbeitgeber hätten das erkannt „und zeigen das durch das Zahlen fairer Löhne und das Schaffen guter Rahmenbedingungen“ – doch nicht so im privaten Sektor. Wenn das auch Asklepios verstanden hätte, „würden sich die Verhandlungen nicht so lange hinziehen“. Jetzt komme es „mehr denn je darauf an, dass Gewerkschaft und Betriebsrat mit einer Stimme sprechen – für die Belegschaft“, so Eggers. Das Land müsse hingegen seine Kontrollverpflichtung wahrnehmen.

Jan Schalauske, Marburger Landtagsabgeordnete für „Die Linke“, fragte: „Wie kann es sein, dass Berufsgruppen am UKGM teilweise mehrere hundert Euro weniger verdienen, als an anderen Häusern – leistet ihr hier am Uni-Klinikum weniger Arbeit?“ Wohl kaum, so Schalauske – daher sollte gleicher Lohn selbstverständlich sein. Die Diskussionen führten immer wieder vor Augen: „Die europaweit einzigartige Privatisierung eines Uni-Klinikums durch eine CDU-geführte Landesregierung, die war, ist und bleibt ein Fehler – und wenn es nach uns geht, muss sie rückgängig gemacht werden.“ Die vergangenen 15 Jahre hätten gezeigt, dass Krankenhäuser nicht in die Hände von Aktiengesellschaften gehörten. „Was muss eigentlich noch passieren, dass sich die Landesregierung für das Klinikum interessiert?“, fragte er – für das Land habe bisher immer gegolten: „Fünf Prozent Anteil, aber null Prozent Verantwortung. Wenn sich daran jetzt durch die Bedrohung durch Asklepios etwas verändert, dann ist das gut und richtig.“

Auch die SPD stehe hinter den Forderungen der Beschäftigten, wie Anna-Lena Stenzel, stellvertretende Vorsitzende des Stadtverbands Marburg, betonte. „Ihr habt eine gerechte Bezahlung verdient, ihr habt verdient, dass nicht mit euren Arbeitsplätzen spekuliert wird und ihr habt verdient, dass ihr nicht davon krank werdet, dass ihr andere Menschen gesund pflegt.“ Die SPD wolle sich auf allen Ebenen dafür einsetzen, dass die Privatisierung rückgängig gemacht werde.

Von Andreas Schmidt

29.09.2020
29.09.2020