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Marburg Walter Kloft ist seit 50 Jahren unterwegs
Marburg Walter Kloft ist seit 50 Jahren unterwegs
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20:58 16.05.2021
Das rollende Kaufhaus ist zu Gast: Walter Kloft hat etwas für jede Generation dabei.
Das rollende Kaufhaus ist zu Gast: Walter Kloft hat etwas für jede Generation dabei. Quelle: Foto: Heike Pöllmitz
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Aßlar

„Das Kaufmannsblut liegt mir von beiden Elternteilen her im Blut“, sagt er und weiß genau, was seine treuen Kunden brauchen. In Rennerod betreibt er außerdem einen 753 Quadratmeter großen SB-Markt mit dem gleichen Sortiment, aber mit mehr Auswahl, den sein Sohn leitet. Er selbst rollt nach Plan auf der Landstraße.

Vom Siegener und Wittgensteiner Land über Marburg und Biedenkopf, Limburg und Weilburg bis in den Lahn-Dill-Kreis kennt er die kleinsten Orte und ihre Menschen, mit denen er in seiner ruhigen Art mal ein Schwätzchen hält.

Auch in Klein-Altenstädten ist er jeden Monat ein gern gesehener Gast, wo es noch ein mittlerweile seltenes Phänomen gibt: Alle Generationen sind dabei, wenn er hupend seinen gewohnten Platz anfährt und seine Plane öffnet. Der sechsjährige Jannes begrüßt ihn schon gespannt und findet bei den Spielsachen immer etwas Brauchbares. Auch seine Mutter, Tante, Oma und Großtante gehören zum treuen Kundenstamm, und auch deren Mutter kaufte hier schon ihre Gummiringe in der Einkochzeit.

Ob Töpfe, Messer, Besen, Paketschnur, Frühstücksbrett, Fliegenklatsche, Schaumbad, Mausefalle oder Strumpfwolle – Qualität und faire Preise ziehen noch heute magisch an. „Früher haben wir eher langlebige Waren wie Besteck oder Glas und Porzellan verkauft“, erinnert sich Kloft, der mit 21 Jahren seinerzeit der Jüngste war, der mit einem fahrenden Kaufhaus unterwegs war. 1970 war er erstmals in Aßlar.

Heute sind es eher die kurzlebigen Sachen, wie Blumen und Pflanzen, die man in jeder Saison neu kauft. „Mit Kleinigkeiten, die man jeden Tag braucht, wird Geld verdient“, weiß der 71-Jährige.

Den Beruf des Einzelhandelskaufmanns erlernte er in Limburg im Kaufring-Kaufhaus Theile. „Da hatte ich meine erste Lehre im elterlichen Betrieb schon hinter mir.“ Damals noch mit Reisegewerbeschein und Steuerheft unterwegs hat er heute 150 Lieferanten, von denen er mit 35 immerhin 85 Prozent seines Umsatzes macht.

Mit dem mittlerweile siebten Auto auf Tour

Supermärkte sieht er nicht als seine größte Konkurrenz. „Es ist der Internethandel, bei dem die jungen Leute abends von der Couch aus kaufen.“ Die ältere Generation stirbt weg, die ihre Ware noch gerne vor dem Kauf angefasst hat. So manches Phänomen ist ihm dabei auch schon begegnet. „In diesem Jahr hätte ich Stiefmütterchen auch für 1,50 Euro statt 49 Cent verkaufen können, die Leute waren wie verrückt.“

So ist er mit seinem mittlerweile siebten Auto auf Tour und erinnert sich noch gerne an die alten Zeiten, als die Familie noch ihr Geschäft in Lahr hatte und die Kunden vor Weihnachten mit dem Reisebus dorthin geholt und lebende Gänse verlost wurden.

Der persönliche Kontakt geht leider – auch ohne Corona-Pandemie – immer mehr verloren, alles wird hektischer und die Freiheit der Dorfkinder wird zur Nostalgie. Aber Jannes strebt am Samstag auf jeden Fall wie schon viele Generationen vor ihm mit seinen neu erworbenen Schätzen – ein Modell-Düsenjet und eine kleine Schiefertafel – nach Hause und freut sich schon aufs nächste Mal.

Und „Oma Erna“ Müller aus der Nachbarschaft wurde indessen noch mit Plätzchen, Cappuccino und Sockenwolle versorgt: „Ich komme ja nirgendwo mehr hin und freue mich immer, wenn der Walter kommt.“

Von Heike Pöllmitz

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