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Marburg Knochenjob Feuerwehrarbeit
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13:55 27.07.2022
400 Einsatzkräfte bekämpften mit Landwirten einen rund 25 Hektar großen Waldbrand.
400 Einsatzkräfte bekämpften mit Landwirten einen rund 25 Hektar großen Waldbrand. Quelle: Nadine Weigel
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Schönstadt

Großbrand auf knapp 28 Hektar Wald, rund 500 Kubikmeter Löschwasser, 700 ehrenamtliche Einsatzkräfte, neun verletzte Feuerwehrleute. Der Waldbrand bei Schönstadt am 19. und 20. Juli ist der mit Abstand größte Brand, den der Landkreis seit Jahren erlebt hat, und auch der größte in Hessen dieses Jahr.

Eine riesige Herausforderung für alle Einsatzkräfte, für das ganze System des Katastrophenschutzes. Was passiert bei einer Alarmierung eigentlich hinter den Kulissen und wie arbeitet die Feuerwehr, gerade bei einer solchen Großeinsatzlage? Kreisbrandmeister Stephan Schienbein gibt einen Überblick.

Alles startet mit der Alarmierung über die Notrufnummer 112, die bei der Rettungsleitstelle des Landkreises eingeht: Dort sammeln die Mitarbeiter so viele erste Informationen wie möglich über den Notfall, ob Unfall oder eben Brand. Darin sind die Kräfte geschult, müssen eine erste Einschätzung der Lage vornehmen und entscheiden, wie viele Feuerwehrkräfte mobilisiert werden.

Das ist im Einsatzstichwortkatalog des Landes festgelegt: Beim Waldbrand wären das die Stichworte Feuer und Wald. Unterschieden wird dann nach den Eskalationsstufen eins und zwei – die Stufe bestimmt, wie viele Kräfte und wie viel Löschwasser im ersten sogenannten „Angriff“ zum Einsatzort gebracht werden.

Vorgeschrieben ist bei Kategorie eins mindestens eine Löschgruppe – neun Feuerwehrleute – und 1.600 Liter Wasser. Bei Kategorie zwei wären es 8.000 Liter Wasser und drei Löschgruppen. „Das ist schonmal die erste Schwierigkeit“, sagt Schienbein. Die Leitstelle müsse aus der Ferne entscheiden, wie groß die Lage vor Ort ist.

Aus Feldbrand wird Rekord-Waldbrand

Die ändert sich bei Schönstadt stetig, der spätere Waldbrand beginnt als Feldbrand, wahrscheinlich ausgelöst durch eine Erntemaschine. Das erste Stichwort ist also: Brand einer landwirtschaftlichen Maschine. In diesem Fall sind zwei Löschgruppen und 5.000 Liter Wasser vorgesehen.

Die ersten eintreffenden Einsatzkräfte stellen aber bei der der sogenannten Lageerkundung schnell fest, dass das Feuer durch Wind und Trockenheit extrem schnell auf den Wald übergreift. „Das ist sehr wichtig, ich muss mir einen schnellen Überblick über die Lage verschaffen – zur Not muss ich nachalarmieren, bei dem Waldbrand bei Schönstadt ist das mehrmals passiert“, so Schienbein. Die neue Lage wird der Leitstelle gemeldet, der Einsatzleiter vor Ort – in diesem Fall ist das der stellvertretende Kreisbrandinspektor Maik Klein – entscheidet, dass das Einsatzstichwort geändert, die Eskalationsstufe auf zwei erhöht wird.

Vor Ort wird ein Bereitstellungsplatz aufgebaut, mit Einsatzleitwagen, Versorgungsbereich und Bereitstellungsraum, wo neue Kräfte ankommen und verteilt werden. Die Führungskräfte beurteilen permanent die Einsatzlage. Beim Waldbrand hat sich die „zu Anfang fast im Fünf-Minuten-Rhythmus geändert“. Immer weitere Feuerwehren, alle 22 Katastrophenschutzlöschzüge aus allen Kommunen des Landkreises, später auch aus Gießen und dem Vogelsberg, werden alarmiert.

700 Brandschützer im Einsatz

Zu Spitzenzeiten befinden sich mehr als 400 Kräfte zur selben Zeit am und im Waldgebiet – insgesamt waren es mehr als 700 ehrenamtliche Einsatzkräfte. Und die müssen koordiniert werden, „das ist eine Mammutaufgabe und die ist uns auch gelungen – da zahlt sich aus, dass wir regelmäßig Übungen in dieser Größenordnung durchführen“, so Schienbein.

Der Einsatzleiter kann eine Einsatzstelle dieser Größe nicht alleine überblicken, diese wird daher in Abschnitte unterteilt, mit Abschnittsleitern besetzt, die eigenständig agieren und jede neue Entwicklung melden. Die Leitung hat die Lage immer wieder neu zu beurteilen und plant voraus: Reserven werden aufgebaut, neue Kräfte frühzeitig angefordert, damit jene vor Ort regelmäßig ausgetauscht werden können, „der Einsatz war körperlich extrem anstrengend“.

Auch die generelle Taktik der Feuerwehr muss fest gelegt werden: Entweder man versucht, das Feuer direkt zu löschen oder es einzugrenzen, oder es werden Gebiete aufgegeben und an einem günstigen Ort eine sogenannte Riegelstellung aufbaut, an der das Feuer aufgehalten wird. Die Feuerwehr wendet in Schönstadt die zweite Version an. Denn die Trupps können nicht direkt in den Wald vordringen, die Topografie lässt das nicht zu, die Fläche ist zu dicht bewachsen.

Die Einsatzkräfte umstellen daher das betroffene Gebiet, verlegen kilometerlange Schlauchleitungen und wässern die Ränder, damit sich der Brand nicht weiter ausbreitet. Das Feuer wird dann „von außen nach innen“ bekämpft.

Luftunterstützung mit Drohne und Helikopter

Der Katastrophenschutz setzt eine Drohne mit Wärmebildkamera ein, entscheidet außerdem, dass Luftunterstützung gebraucht wird. Diese wird beim Lagezentrum des Innenministeriums in Wiesbaden angefordert. Die Polizei kann wegen der einsetzenden Dunkelheit erst Mittwochmorgen einen Helikopter samt 2.000-Liter-Tank zum Löschen schicken.

Zur Unterstützung des Brandschutzes rückt das Technische Hilfswerk aus, das die Einsatzstelle ausleuchtet. Auch das Deutsche Rote Kreuz ist vor Ort und versorgt zwei Tage lang hunderte Einsatzkräfte mit Getränken und Essen. Landwirte aus der Region machen sich auf eigene Faust auf und liefern in Güllefässern Unmengen zusätzliches Löschwasser.

Am Mittwochmorgen ist die Lage unter Kontrolle, es werden dennoch weitere Kräfte nachbeordert, „wenn ein Feuer unter Kontrolle ist, heißt das ja nicht, dass es nicht mehr brennt“, so Schienbein. Die Leitung entschiedet erst nach „pflichtgemäßem Ermessen“, wann ein Einsatz beendet werden kann.

Das zieht sich bis Mittwochnachmittag, danach folgt die Übergabe der Einsatzstelle an Hessenforst. Die Forstmitarbeiter werden angewiesen, das Gebiet weiter engmaschig zu kontrollieren. Die Bestandsaufnahme des Landesbetriebs wie der Feuerwehr zu dem Großeinsatz ist noch nicht abgeschlossen.

Fest steht, dass sich der Brand am Ende auf eine Fläche von 500 auf 550 Meter ausgebreitet hat, insgesamt 27,5 Hektar Wald. Den neun verletzten Feuerwehrleuten gehe es indes wieder gut, sie konnten alle wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Fachjargon Feuerwehr

Prioritätenliste der Feuerwehr: Menschen, Tiere, Umwelt, Sachwerte – in dieser Reihenfolge werden Einsätze/Maßnahmen priorisiert.

Löschtrupp: 3 Einsatzkräfte.

Staffel: 6 Kräfte.

Löschgruppe: 9 Kräfte.

Löschzug: 22 Kräfte.

Hilfsfrist in Hessen: Die ersten Kräfte müssen innerhalb von zehn Minuten nach der Alarmierung am Einsatzort ankommen, das gilt für jeden an einer Straße gelegenen Notfallort.

Von Ina Tannert

Die stillen Helden

Standpunkt von Ina Tannert

Bei diesem außergewöhnlichen Großeinsatz im Burgwald wird mal wieder deutlich, was den Brandschutz ausmacht, wie sehr der auf ehrenamtlichen Schultern ruht. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sich nicht irgendwann einmal hunderte Menschen bewusst dafür entschieden hätten, sofort zu springen, wenn der Melder piept. Alles stehen und liegen zu lassen, um anderen zu helfen. Ob nun Mensch oder Baum.

Und vieles ist hinter den Kulissen geschehen, was Außenstehende kaum mitbekommen. Von den Landwirten, die kurzerhand auf eigene Faust ihre Güllewagen zu Löschwasser-Transportern umfunktionieren, bis zu zahllosen Köchen des Rettungsdienstes, die die Nacht hindurch Essen für hunderte Kräfte zubereiten.
Hier mal eine Anekdote: Das DRK will während des Brandes bei einem Bäcker zehn Brote für die Einsatzverpflegung auf Rechnung kaufen, die Zahlungsweise wirft im Laden aber Fragen auf.

Spontan entscheidet sich ein unbeteiligter Kunde dafür, die Brotrechnung zu übernehmen. Viele kleine und große Gesten gibt es auch in Schönstadt, wo Bewohner spontan Transportdienste übernehmen oder ihre Autos mit Essen beladen, um die Feuerwehr mit zu versorgen.

Auch viele Arbeitgeber disponieren spontan um, stellen die Einsatzkräfte in ihren eigentlichen Berufen frei. Mal ganz abgesehen von unzähligen Familien, die zu Hause die Stellung und den Feuerwehrmännern und Feuerwehrfrauen den Rücken frei halten, während die den Wald retten.

Einige stehen selbst nach Einsatzende noch stundenlang Brandwache und passen mit Förstern auf den Wald auf. Diesen vielen stillen Helden gebührt Respekt und an dieser Stelle mal ein großes Lob.