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Marburg Jetzt sprechen die „Waldblick“-Chefs
Marburg Jetzt sprechen die „Waldblick“-Chefs
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09:58 22.01.2021
Sie sind die Leiter und gleichzeitig Augenzeugen dessen, was sich wann wie im Haus Waldblick zugetragen hat: Einrichtungs-Leiter Steffen Bohl mit den Verwaltungsmitarbeitern Carsten Barthel (links) und Dirk Schönknecht
Sie sind die Leiter und gleichzeitig Augenzeugen dessen, was sich wann wie im Haus Waldblick zugetragen hat: Einrichtungs-Leiter Steffen Bohl mit den Verwaltungsmitarbeitern Carsten Barthel (links) und Dirk Schönknecht Quelle: Björn Wisker
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Moischt

Am Tag, nachdem das „Haus Waldblick“ offiziell als Corona-frei gilt, steht Steffen Bohl auf der Terrasse des Seniorenheims. Neben ihm, im klirrend kalten Wind, stehen Dirk Schönknecht und Carsten Barthel, Teil des Leitungs- und Verwaltungsteams. Einen Monat zuvor kam es im Haus Waldblick zu einem massiven Corona-Ausbruch, die 40 Bewohner konnten zuerst kaum noch von Pflegekräften versorgt werden. Dies liege vor allem an „Bürokratie und zögerlichem Handeln“ der mittelhessischen Behörden, wie das Verwaltungsteam rund um Einrichtungsleitung Steffen Bohl sagt. „Alle Pflegekräfte in Quarantäne schicken und sich keine Gedanken um die praktischen Konsequenzen machen? Das kann ich nicht verstehen“, sagt Bohl.

Das sieht auch Barthel so, der Mann, der am 3. Dezember als einer der ersten Waldblick-Mitarbeiter und zeitgleich mit drei Bewohnern positiv getestet und in Quarantäne geschickt wurde. Nach dem vorliegenden Ergebnis von 14 infizierten Angestellten des ersten Reihentests durch das Gesundheitsamt am Nachmittag des 8. Dezembers mit behördlicher Quarantäne-Anordnung sei das bevorstehende Personalproblem „absehbar“ gewesen. „Ab dem Moment fehlten viele Fachkräfte, da wurde es schon schwierig“, sagt Schönknecht.

Man habe sich sofort ran gesetzt und das Gesundheitsamt wie auch die Aufsicht über das bereits bestehende und „sich zu verschärfen drohende Personalproblem informiert“, sagt Bohl und deutet auf am 9. Dezember sowohl an die Pflege- und Betreuungsaufsicht als auch an den Verband der Krankenkassen gesendete Formulare. Tags drauf habe man „nachdrücklichst um Hilfe“ gebeten.

Entscheidend für ihn ist das, was in der Folge geschieht: keine Reaktion. „Wir wurden nach diesen eindeutigen Meldungen nicht kontaktiert, standen alleine da und sahen die Probleme kommen.“

„Man hat das Personal rausgezogen ,aber nicht die Folgen bedacht“

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf weist das zurück: Man habe die Quarantäne-Auswirkungen nicht nur bedacht, sondern auch „Lösungswege aufgezeigt“ – etwa über den Personalaufbau durch Leiharbeitsfirmen. „Das der Laden läuft, auch in schlechten Zeiten, ist Verantwortung des Betreibers, nicht der Behörden“, heißt es auf OP-Anfrage.

Als für Bohl, Barthel und Schönknecht Mitte der ersten Dezemberwoche klar war, dass „ Waldblick“ akute Personalprobleme habe, es mindestens ein halbes Dutzend Fachkräfte zum Einspringen bräuchte, gingen sie umgehend – wie der Landkreis riet – auf mehrere Leiharbeits-Firmen und das Deutsche Rote Kreuz zu. Rückmeldung: Zwei Pfleger könnten eventuell kommen, aber erst in rund einer Woche. „Jetzt wusste jeder Bescheid, wie eng es wird“, sagt Schönknecht.

Man habe angesichts der „einzig logischen Folge des Herausnehmens des Personals“ eine vorzeitige Beendigung der Quarantäne-Zeit all jener Pflegekräfte erbeten, die sich trotz Erkrankung fit genug fühlen. Dies sei auf Seite des Gesundheitsamtes verneint worden, frühestens nach einer Woche sei so ein Schritt möglich.

Die Waldblick-Verwaltung erklärt, es habe „keine effektive“, das Pflegeproblem lösende Hilfe gegeben. Wegen des allseits bekannten Fachkräftemangels sei die erbetene Quarantäne-Sondergenehmigung so ziemlich die einzige Problemlösung für die meist Covid-19-infizierten Bewohner gewesen. „Man hat das Personal rausgezogen, aber nicht die Folgen bedacht“, sagt Schönknecht.

Der Landkreis sieht das anders: Obwohl man als Behörde für die Heimaufsicht nicht zuständig sei, habe man „getan, was im Rahmen unserer Möglichkeiten getan werden konnte“. Das Gesundheitsamt habe der Heimleitung am 7. Dezember sehr wohl angeboten, für die Verhinderung einer Notsituation die Quarantäne-Zeiten von Mitarbeitern nach einer Woche zu verkürzen – Stichtag wäre dann rund um den 14. Dezember gewesen. Aber: Dazu müssten die Arbeitskräfte selbst ihr Einverständnis geben (die OP berichtete).

Dankbarkeit für Hilfe von Gefahrenabwehr und Freiwilligen

Das Regierungspräsidium Gießen teilte zuletzt auf OP-Anfrage mit, dass die dort angesiedelte Heimaufsichts-Behörde am 9. Dezember erstmals vom Infektionsgeschehen selbst, vom daraus folgenden massiven Personalausfall erst am 15. Dezember – also unmittelbar vor dem Rettungseinsatz in Moischt – erfahren habe.

Ab dem Mittag des 16. Dezember sei dann „schnell und professionell gehandelt“ worden, wofür man „sehr dankbar“ sei, so Bohl. Wie auch für die Hilfsangebote und Solidaritätsbekundungen im Nachgang des öffentlichen Hilferufs.

Von Björn Wisker