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Marburg So macht man Digital-Wahlkampf richtig
Marburg So macht man Digital-Wahlkampf richtig
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10:00 25.01.2021
Wahlkampf läuft in Pandemiezeiten vor allem über Social-Media-Kanäle.
Wahlkampf läuft in Pandemiezeiten vor allem über Social-Media-Kanäle. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Markus Kaiser ist Professor für digitalen Journalismus und Medieninnovationen an der TH Nürnberg. Im OP-Interview spricht er über die Probleme und Chancen für den laufenden Kommunalwahlkampf in und um Marburg.

Kommunalpolitik, der Wahlkampf lebt mehr noch als Landes- und Bundespolitik von der Nähe der Kandidaten zu den Bürgern. Kann Social Media das ersetzen, als Wahlkampf-Plattform so richtig im Kommunalen ankommen?

Kaiser: Das wäre ein falsches Verständnis davon, welche Rolle Social Media im Wahlkampf spielt. Es geht nicht um einen Ersatz. Das Wahlplakat oder die Zeitungsanzeige wird nicht verschwinden, der Haustürwahlkampf, die Veranstaltung in der Gaststätte und der Stand in der Fußgängerzone auch nur in diesem Jahr wegen Corona. Soziale Netzwerke bilden eine zusätzliche Möglichkeit, mit Wählern zu kommunizieren. Und es geht um Dialoge, nicht nur um einseitiges Absetzen von Botschaften.

Welcher Kanal ist der richtige?

Kaiser: Vor einer Woche hätte ich diese Frage noch klar mit Facebook und Instagram beantwortet, weil diese beiden sozialen Netzwerke in Deutschland führend sind. Heute sehe ich durch den Hype um den neuen Kanal Clubhouse eine super Chance, sich hier gleich hervorzutun. Digitalisierungsministerin Bär, die für ihre regen Aktivitäten auf Facebook und Twitter bekannt ist, war gleich an den ersten Tagen auf einem virtuellen Podium. Was für Politiker immer genauso gelten sollte wie für die Geschäftswelt: Man wählt seinen Kanal danach aus, wo sich seine Zielgruppe aufhält. Will ich ältere Menschen via Social Media erreichen, muss ich zu Facebook gehen. Geht es um meine Parteifreunde, erstelle ich einen WhatsApp-Status, weil in der Regel nur diese meine Nummer eingespeichert haben. Für Studierende gibt es Jodel, was aber schon wieder etwas abgeebbt ist. Die Generation Snapchat sind inzwischen zum Teil Erstwähler. Auf TikTok sind die meisten noch zu jung, um an die Wahlurne zu dürfen.

Wie sieht eine richtige Mischung aus?

Kaiser: Das Wichtigste ist: Lieber auf einem Kanal gut und regelmäßig präsent sein und auch mitdiskutieren, als überall nur etwas zu posten und auf Fragen oder Antworten nicht zu reagieren. Bedeutend ist in meinen Augen als Mischung auch eine Verzahnung des Social-Media-Kanals mit der eigenen Website, einem Weblog, einem Podcast oder einem YouTube-Channel. Hier kann der Kandidat ausführlicher über seine politischen Ziele sprechen. Letztlich hängt die richtige Mischung aber auch davon ab, wie wohl sich der Kandidat mit dem jeweiligen Netzwerk fühlt. Denn es geht darum, authentisch rüberzukommen. Das heißt: Einem 60-jährigen Kandidaten würde man Hip-Hop-Tänze auf TikTok wohl weniger abnehmen.

Professor Markus Kaiser Quelle: Foto: Patrick Hübner

Schöne Bildchen und wenig Text – ist Politik, sind Inhalte so tatsächlich transportabel?

Kaiser: Das ist besser als nichts. Ein Wahlplakat bietet noch weniger Platz als Twitter mit 280 Zeichen. Die Chance in sozialen Netzwerken ist immer, durch einen Link den Leser dazu zu bringen, sich ausführlicher mit dem Thema auseinanderzusetzen. Völlig berechtigt ist aber natürlich die Kritik, die sich ja vom Fernsehduell bei Bundestagswahlen nicht unterscheidet, dass manchmal mehr die Brille oder der Haarschnitt des Kandidaten als das politische Konzept im Mittelpunkt stehen. Was sich immer mehr durchsetzt: In Bilder wird zumindest ein kurzer Wahlkampfslogan geschrieben. Instagram-Storys bieten außerdem relativ ausführliche Möglichkeiten für Botschaften. Aber natürlich ist es für manche Politiker frustrierend, dass die Bilder mit der eigenen Katze dann doch öfter geliked werden als ein Post über den Bau einer Umgehungsstraße.

Für wie groß halten Sie das Social-Media-Potenzial speziell im Kommunalen?

Kaiser: Für riesig, denn schließlich nutzen immer mehr Menschen Social Media. Auch die Anzahl der Kanäle ist massiv gewachsen. Die Kommunalwahl in Bayern war die erste, die im Schatten von Corona und des ersten Lockdown stand. Für die Stichwahl gab es auf einen Schlag nur noch die Möglichkeit, via Social Media die Bürger zu erreichen. Eine große Chance steckt natürlich auch darin: In der Zeitung liest man etwas über die Ziele eines Kandidaten, über die man dann im Anschluss mit dem Politiker auf Facebook diskutieren kann. Vor allem Jüngere sind so wieder besser zu erreichen. Macht eine Partei nicht mit, kann das durchaus wahlentscheidend sein.

Welche (demokratischen) Gefahren sehen Sie in der digitalpolitischen Corona-Welt? Stichwort Internetkonzerne wie Facebook, Google und Co.

Kaiser: Der Algorithmus spielt eine große Rolle: Beiträge, die öfter kommentiert, geliked oder geteilt werden, erscheinen bei mehr Menschen. Pointierte, aber auch extremistische Aussagen polarisieren häufiger und werden dadurch natürlich auch sichtbarer als differenzierte, sachliche Posts. Hinzu kommt, wie wir am Beispiel Donald Trump gesehen haben: Derzeit haben die Internetkonzerne selbst eine große Macht, was sie löschen und was sie im Netz belassen. Letztlich ist das Social Web aber auch nur ein Abbild der Gesellschaft, wenngleich hier manche sichtbarer sind als andere.

von Björn Wisker