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Marburg Waggonhalle holt Festival nach
Marburg Waggonhalle holt Festival nach
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08:58 21.02.2021
Im Rotkehlchen in der Waggonhalle stapeln sich Kisten mit Weihnachtsdeko: Vom 19. bis 21. März findet – ein klein wenig verspätet – das 1. Marburger Weihnachtsfestival statt.
Im Rotkehlchen in der Waggonhalle stapeln sich Kisten mit Weihnachtsdeko: Vom 19. bis 21. März findet – ein klein wenig verspätet – das 1. Marburger Weihnachtsfestival statt. Quelle: Waggonhalle
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Marburg

Nein, es ist kein schräger Gag: Vom 19. bis 21. März findet in der Waggonhalle das 1. Marburger Weihnachtsfestival statt. Echt. „Das Festivaldatum ist kein Scherz – der Weg dorthin schon“, meint Nisse Kreysing vom Waggonhallen-Team.

Die Halle und das Gelände werden weihnachtlich geschmückt, es gibt ein Konzert mit den „Christmas Carol Singers“, einen Christmas-Editions-Walk-Act der „WC Perlen“, die legendären Marburger „Brewster Sisters“ Matze Schmidt und Nisse Kreysing geben einen Workshop unter dem Titel „Pimp Your Christmas“, zu deutsch etwa „Brezel deine Weihnachten auf“, Harald Pfeiffer liest „Bergweihnacht im Zauberwald“ – und, und, und.

Drei Tage lang

Drei Tage lang wird in und um die Waggonhalle Weihnachten gefeiert mit 23 Programmpunkten und mehr als 30 Künstlerinnen und Künstlern – mitten im Frühling. Geplant sind Theateraufführungen, Konzerte und Workshops wie „Glücklich geht (fast) immer“ mit dem Anti-Stress-Trainer Peter Gerst oder „Mit Veränderungen gelassener umgehen“ mit dem Schauspieler Tom Gerritz.

Und im Livestream kann man am Bildschirm mit dem Koch Alex und seiner sechsjährigen Assistentin Mascha ein klassisches Weihnachtsgericht mitkochen: Zubereitet werden Rinder-Rouladen mit Soße, Rotkohl und frischen Spätzle und als Nachtisch Bratapfel mit Marzipan und Vanillesauce. Die Zutatenliste für sechs Personen steht auf der Seite www.besinnlich-geht-immer.de bereits online.

Verrückt, oder? Irgendwie schon – doch hat das kuriose Weihnachtsfestival im Frühling neben all dem Witz auch einen ernsten Hintergrund, der die oft ausweglose Situation von Künstlerinnen und Künstlern im Corona-Lockdown offenbart.

Zuschüsse waren beantragt

Die Waggonhalle hatte das Festival im Sommer 2020 geplant und Zuschüsse beantragt. Ein normaler Vorgang in der freien Kulturszene, die finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet ist. Eine Jury des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst begutachtete im Herbst alle möglichen Antrage aus ganz Hessen und empfahl, das 1. Marburger Weihnachtsfestival finanziell zu unterstützen.

Das Ministerium genehmigte im November 18 000 Euro aus dem Programm „Stipendium Phase 3b“ im Rahmen des Kulturpakets „Hessen kulturell neu eröffnen“. Die Projektstipendien sollten „die Arbeitsmöglichkeiten von hessischen Künstlern während und nach den notwendigen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie verbessern und dabei formal und inhaltlich innovative Ansätze und eigenständige Projekte/Werke unterstützen“.

So weit, so schön. Hilfe in Corona-Zeiten brauchen nahezu alle Künstlerinnen und Künstler, deren Einkommen durch den Lockdown oft komplett weggebrochen sind.

Weihnachtsbeleuchtung und alles drum und dran

Die Mittel wurden für das Festival bewilligt – und nur für das Festival in diesem Rahmen, erklärt Waggonhallen-Intendant Matze Schmidt, der in diesem Fall auch als „Chief Executive Christmas Supervisor“ für das Festival zuständig ist. Gemeinsam mit Magdalena Kaim, Chief Executive Christmas Spirit Officer – also der Geschäftsführerin für den weihnachtlichen Geist, und Nisse Kreysing, zuständig für das „Ho Ho Ho“, und der obersten Weihnachtsberaterin Marion Breu planten sie im Herbst ihr Festival. Sie luden Künstlerinnen und Künstler ein, kümmerten sich um die Weihnachtsbeleuchtung, bastelten eine aufwendige Homepage und fanden sogar eine „Vorsitzende“ für die „Internet Elfen“.

Dann kam der zweite Lockdown. Kinos, Theater, Museen, Gaststätten, Geschäfte – alles dicht. Von wegen Weihnachten. Doch die 18 000 Euro sind von Seiten des Ministerium verplant – für ein Weihnachtsfestival. „Wir haben gefragt, ob man ein Frühlingsfestival daraus machen kann“, sagte Magdalena Kaim der OP. Antwort: Njet. Die Kommunikation mit dem Ministerium sei nicht ganz einfach gewesen, so Matze Schmidt. Denn kontrolliert wurde die Mittelvergabe laut Schmidt von dem international tätigen Beratungsunternehmen Price Waterhouse Cooper (PWC).

Weihnachten im März

Es habe einen längeren Schriftverkehr gegeben zwischen der kleinen Waggonhalle, den Beratern des Giganten PWC und dem Ministerium. Die Waggonhalle schrieb an PWC, PWC schrieb an das Ministerium, das Ministerium schrieb an PWC und PWC antwortete der Waggonhalle. Das Resultat: Nichts zu machen. Genehmigt war ein Weihnachtsfestival. „Und wenn die Veranstaltung nicht innerhalb eines halben Jahres nach der Genehmigung durchgeführt wird, dann verfallen die Mittel“, sagt Matze Schmidt. „Es ausfallen zu lassen, war keine Option, sonst kriegen die Künstlerinnen und Künstler kein Geld. Und das brauchen die dringend.“

Eine Verschiebung des Festivals auf Weihnachten 2021 sei ebenso abgelehnt worden, wie die Umwidmung auf ein Frühlingsfestival. Und eine Anfrage bei der Kirche, zwecks Vorverlegung von Weihnachten 2021 auf den März „erschien uns wenig erfolgversprechend“, so Nisse Kreysing. Nun macht die Waggonhalle ernst: Magdalena Kaim zog los und trieb auf einem Recyclinghof 50 Kisten mit Weihnachtsdeko auf. Fünf bis sechs gebrauchte Weihnachtsbäume hat das Team ebenfalls entdeckt. „Sie sehen noch fit aus“, sagen sie und tun alles dafür, dass sie einigermaßen grün bleiben. Sie werden regelmäßig gegossen und mit Wasser besprüht.

Weihnachten im März kann kommen. Die Shows sind – bis auf einige vorproduzierte Videos – live als Stream zu erleben. „Wir haben kein Problem damit, Weihnachten im März zu feiern. Wir freuen uns drauf“, sagt Matze Schmidt. Und Nisse Kreysing ergänzt: „Wir planen das komplett satirefrei, ganz normal, so als wäre Dezember.“ Denn: „Besinnlich geht immer“. Was die Künstler daraus machen, das könne er nicht sagen.

Von Uwe Badouin