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Marburg Immer noch Vorurteile zu Familienformen
Marburg Immer noch Vorurteile zu Familienformen
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14:00 24.06.2019
Dr. Lisa Yashodhara Haller befasste sich in ihrem Vortrag damit, wie die Politik die Familien erreicht. Quelle: Katja Peters
Marburg

Neben den Fachvorträgen zu den Themen Mutterbilder, Vatermythen und ­Familienformen waren es vor allem die Erzählcafés, die Einblicke in den Gender Trouble gewährten.

Es gibt sie, die Beispiele, wo Väter den Spagat zwischen Arbeit und Kinderversorgung hinbekommen. Bei ihnen ist es die Ausnahme, bei Müttern wird es einfach vorausgesetzt. Neben dem zeitlichen Aspekt wird bei Fachleuten auch immer wieder ein „gewisses Nicht-Wollen“ festgestellt, oftmals aber auch ein „Nicht-Können“. Denn von der Gesellschaft gibt es nicht selten den Stempel „verweiblichter Mann“, wenn es beispielsweise um mehr Elternzeit geht.

Vor allem Alleinerziehende haben mit Vorurteilen zu kämpfen 

Alleinerziehende Mütter, die arbeiten gehen und immer verfügbar sind, das ist Normalität in unserer Gesellschaft. Alleinerziehende Väter werden herausgestellt. „Bei einem Mann akzeptiert die Gesellschaft, dass Hausarbeit anstrengend ist. Bei Frauen wird vorausgesetzt, dass sie das noch nebenbei mitmachen. Subtil wirkt Hausarbeit auch heute noch entmännlichend“, sagt Helga Krüger-Krin, Organisatorin der Fachtagung Gender Trouble, die am Wochenende vom 21. Juni bis 23. Juni im Erwin-Piscator-Haus stattfand.

Drei Tage lang ging es um Mutterbilder, Vatermythen und Familienformen, um Wunschvorstellungen und um die Realität. Im Erzählcafé zusammen mit den Beratungsstellen rund um das Thema Kind und Familie am Freitagnachmittag erzählten Mütter aus ihrem Alltag. „Dabei hat sich das bestätigt, was vielen schon bekannt ist: die Überlastung der Mütter durch den gesellschaftlichen Anspruch hat enorm zugenommen“, resümiert Helga Krüger-Krin. Das spiegelt sich auch in der Warteliste des Müttergenesungswerkes wieder. „Die Listen sind sehr lang. Manche warten Jahre“, weiß die Psychoanalytikerin.

Bedarf nach zentraler Beratungsstelle für Familien 

Ein weiteres Fazit des Treffens war, dass es Bedarf nach einem niederschwelligen Angebot gibt, um Familien zu erreichen – ähnlich wie das Beratungszentrum mit integriertem Pflegestützpunkt Am Grün. „Klar gibt es bereits jetzt ein Angebot, sowohl in der Stadt als auch im Kreis. Aber das ist überall verteilt und nicht konzentriert an einem Ort. Für manche Familien ist der Beratungsbedarf aber sehr hoch und die Erreichbarkeit mancher Beratungsstellen sehr schwierig“, stellte Helga Krüger-Krin fest. Auch der Bedarf nach Anlaufstellen, wenn es Konflikte in der Beziehung aufgrund des Kindes gibt, scheint immer größer zu werden. Das werden die Organisatoren nun der Stadt mit auf den Weg geben, damit diese auf die Bedürfnisse reagieren kann.

Dr. Lisa Yashodhara Haller befasste sich in ihrem Vortrag damit, wie die Politik die Familien überhaupt mit ihren Angeboten erreiche. Denn „Kinder sind lange in einer abhängigen Lebenslage und können für notwendige Fürsorge nicht zahlen“. Wie die Politik Kindererziehung sehe, brachte sie auf den Punkt: „Früher wurde die Kinderfürsorge steuerlich als ‚Lastenausgleich‘ bezeichnet. Heute sagt die Politik, dank Ursula von der Leyen, dazu ‚Familienleistungsausgleich‘.“ 

von Katja Peters