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Marburg Studium generale widmet sich Demokratiekrise
Marburg Studium generale widmet sich Demokratiekrise
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08:00 07.04.2019
Die Demokratie befindet sich in der Krise. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Die Idee zum Studium generale in diesem Sommersemester ist im Uni-Senat entstanden“, erläutert die ­Marburger Politikwissenschaftlerin und Senatorin Professorin Ursula Birsl. Mehrere Debatten hätten sich im Senat mit Themen beschäftigt, die über die reine Hochschulpolitik­ ­hinaus gegangen seien. Das gelte beispielsweise­ für die Aktivitäten rechter Gruppierungen an der Universität, oder auch den „March for ­Science“. Daran habe sich die grundsätzliche Frage angeschlossen, wie wichtig Forschung und Wissenschaft für die Demokratie seien.

Zusammen mit dem Uni-Präsidium sei dann die Idee entwickelt worden, zum Thema eine größere universitäre Veranstaltung zu entwickeln, erläutert die Demokratieforscherin. Zunächst sei auch noch ein „Dies Academicus“ im Gespräch gewesen. Doch anstelle eines einzelnen Tages mit mehreren Vorträgen und Workshops wurde nun ein anderes Format gewählt: das Studium generale, die öffentliche Vortragsreihe der Universität.

Zweiter Organisator der Vortragsreihe ist der Marburger­ Uni-Vizepräsident Professor Michael Bölker. Der Biologe ist im Präsidium für Forschung und Internationales zuständig und beschäftigt sich schon länger auch mit Fragen der Wissenschaftsethik. Als immer wichtiger sieht Bölker die Frage nach der Identität von Wissenschaft und ihrer Rolle in der Gesellschaft an. So gerate beispielsweise die Forschung zum Klimawandel vermehrt in den Fokus politischer Auseinandersetzungen, und unterschiedliche Forschungsergebnisse würden von verschiedenen Seiten politisch ausgenutzt.

Termine

8. Mai: Professor Eckart Conze: „Weimarer Verhältnisse? ­Demokratie, Wissenschaft und Gesellschaft“.
15. Mai: Professor Matthias Bäcker (Mainz): Kriminalitätsbekämpfung als Herausforderung des Rechtsstaats“.
22. Mai: Dr. Marion Näser-Lather (Marburg): „Die akademische Kritik an „Gender“ als „Krise der Wissenschaft“.
5. Juni: Professor Michael­ Pauen (Berlin): „Demokratie, Soziale Intelligenz und Rechtspopulismus“.
12. Juni: Professor Michael Minkenberg (Frankfurt/Oder): „Zwischen Populismus und ­Faschismus: die radikale Rechte in Europa und den USA“.
26. Juni: Professorin Nicole Deitelhoff (Frankfurt): „Populismus und Wissenschaft“.
3. Juli: Professor Michael Bölker (Marburg): Die Politik der DNA.
10. Juli: Professorin Bärbel Beinhauer-Köhler (Marburg): Orte der Demokratie im Kairo des 12. Jahrhunderts.
17. Juli: Roundtable-Abschlussgespräch „Universitäre­ Wissenschaft vor neuen Herausforderungen“ mit Uni-Präsidentin Professorin Katharina­ Krause (Uni Marburg), Uni-Präsidentin Professorin Birgitta Wolff (Uni Frankfurt) und Uni-Rektor Professor Ulrich Radtke (Universität Duisburg-Essen).

Doch gibt es überhaupt noch wissenschaftliche Wahrheiten? Was einst Gewissheit in der Forschung war, das werde zunehmend infrage gestellt, macht Ursula Birsl deutlich.
Einerseits sei die Wissenschaft sehr erfolgreich, was die Entwicklung neuer Technologie betreffe, macht Michael Bölker deutlich. Andererseits gebe es immer mehr Debatten um wissenschaftliche Erkenntnisse. Zwar stehe der Menschheit immer mehr Wissen zur Verfügung. Doch Wirklichkeitsdefinitionen, Wahrheitsbehauptungen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse geraten zunehmend in einen Widerstreit, schreiben die Organisatoren der Vortragsreihe in einer Ankündigung. Zudem scheine auch der notwendige Dialog zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik vielfach gestört.

Die Sozialwissenschaften wurden nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 von den britischen Alliierten als gesellschaftliches Frühwarnsystem installiert.
Diese wichtige Rolle der Sozialwissenschaften gerate mittlerweile auf den Prüfstand, berichtet Ursula Birsl.

Rechtspopulistische Bewegungen im Blick

Wie die Rolle der DNA und die Frage der genetischen Abstammung in den Fokus der Politik gerät, dieser Frage will der ­Naturwissenschaftler Bölker im Rahmen der Vortragsreihe in einem eigenen Vortrag nachgehen – in diesem Fall inspiriert vom US-Präsidenten Donald Trump, der mit seiner Aufforderung an eine Politikerin der konkurrierenden Partei der Demokraten Schlagzeilen machte, ihre indianische Abstammung mit einem DNA-Test nachzuweisen.

Gestartet wird das Studium generale wegen der Osterferien und des Maifeiertags erst am 8. Mai. Nach einführenden Worten von Uni-Vizepräsidentin Professorin Evelyn Korn hält der Marburger Historiker Professor Eckart Conze den Einführungsvortrag mit dem Titel „Weimarer Verhältnisse? Demokratie, Wissenschaft und Gesellschaft“.

Darin wird er auch darauf eingehen, ob die unsicheren Verhältnisse der Weimarer Republik mit einem Hang zum Nationalismus rund 100 Jahre später eine Wiedergeburt erleben.
In mehreren Vorträgen geraten auch aktuelle rechtspopulistische Bewegungen in den Blick der Referenten.

von Manfred Hitzeroth