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Marburg Spritpreise hoch – Laune im Keller?
Marburg Spritpreise hoch – Laune im Keller?
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15:00 13.06.2021
Die von der Grünen-Chefin Annalena Baerbock vorgeschlagene frühzeitige Spritpreis-Erhöhung stößt in Marburg auf Kritik.
Die von der Grünen-Chefin Annalena Baerbock vorgeschlagene frühzeitige Spritpreis-Erhöhung stößt in Marburg auf Kritik.
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Marburg

Der Klimawandel betrifft jede und jeden. Um den Klimaschutz weiter voranzutreiben, unternahm die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock den Vorstoß, die Benzinpreise vorzeitig zu erhöhen.

Diese Äußerung der Grünen-Chefin stößt auf bundespolitischer Ebene auf Widerstand. Amira Mohamed Ali, Fraktionschefin der Linken im Bundestag, warf den Grünen vor, die Gesellschaft durch die angestrebte Benzinpreis-Erhöhung weiter zu spalten. CSU-Generalsekretär Markus Blume hielt den Grünen etwa vor, einen Kampf gegen die Autofahrer zu betreiben.

Spediteur spricht von „fatalem Problem“

Aber nicht nur aus der Politik kommt Kritik. Auch verschiedene Unternehmen in Marburg und Umgebung sind nicht einverstanden mit einer frühzeitigen Erhöhung der Benzinpreise.

Jürgen Spreyer, Geschäftsführer der Möbelspedition Eduard Heppe in Marburg, sagt, dass durch eine weitere Erhöhung mehr Kosten auf das Unternehmen und folglich auch auf die Kundinnen und Kunden zukämen. Zudem „hat das Unternehmen selbst keinen Einfluss auf die Erhöhung“, sagt Spreyer.

Für die Spedition Kautezky aus Stadtallendorf wäre eine weitere Erhöhung ein „fatales Problem“. Schon die erste Preiserhöhung zu Beginn des Jahres sei schlecht für das Unternehmen gewesen. In Sachen Klimaschutz „müssen wir alle etwas machen. Natürlich in einem vernünftigen Zeitrahmen“, sagt einer der Geschäftsführer auf OP-Anfrage..

Nicht nur Speditionen, sondern auch andere Unternehmen sind auf Benzin oder Diesel für ihre Fahrzeuge angewiesen. Beim Marburger Taxi-Unternehmen Taxi Marburg Mitte stößt der Vorstoß der Grünen-Chefin auf Ablehnung. Jedes Fahrzeug wird um die 100 000 Kilometer pro Jahr bewegt, sagt Geschäftsführer Saleh. Das Unternehmen habe insgesamt sechs Fahrzeuge. „Wir müssen tanken und Geld verdienen“, was mit einem weiteren Preisanstieg schwieriger sei, sagt Saleh. Eine Erhöhung „ist nicht Ordnung.“

Auf die Frage, was die Endverbraucherinnen und Endverbraucher von dem Vorstoß der Grünen-Chefin halten, dass die Benzinpreise frühzeitig um insgesamt 16 Cent erhöht werden sollen, gibt es unterschiedliche Reaktionen.

Martin Lellep. Quelle: Lucas Heinisch

Martin Lellep (28) aus Großseelheim antwortet, dass es „prinzipiell eine gute Sache ist, wenn es zu einer Gesamtstrategie passt“. Zudem müsse man Alternativen bereitstellen.

Tim Burger. Quelle: Lucas Heinisch

Tim Burger (28) aus Biedenkopf äußert sich ähnlich: „Es ist grundsätzlich richtig, allerdings kann es nicht das einzige Mittel gegen den Klimawandel bleiben“, sagt Burger.

Sandra Hummel. Quelle: Lucas Heinisch

Sandra Hummel (43) aus Hassenhausen und Besitzerin des Geschäfts „Landfräulein“ in der Oberstadt, sagt, dass „Lieferanten bereits jetzt schon teilweise höhere CO2-Abgaben berechnen“. Zudem befürchtet sie weniger Umsatz, da nur noch kleinere Teile gekauft werden könnten, wenn man zu Fuß unterwegs sei und das Autofahren zu teuer werde.

Wenig Anreize für Elektrofahrzeuge

Doch wie sieht es mit Alternativen zu Diesel- und Benzinfahrzeugen aus? Die Reaktionen der Unternehmer sind verhalten. Für den Taxi-Unternehmer Saleh passen die Voraussetzungen nicht. Er hat erste Versuche mit einem Elektroauto gestartet, um die Elektromobilität zu testen. Allerdings seien die Anschaffungspreise für ein Elektroauto zu hoch, die Ladezeit und Reichweite nicht ausgereift genug. Letztlich ist es „nicht rentabel, und man hat nichts gespart“, resümiert Saleh.

Bei den Speditionen sieht es ähnlich aus. „Ein E-Lkw ist unrealistisch“, heißt es von der Spedition Kautezky. Als Alternativen kämen vor allem Gas- oder Wasserstofffahrzeuge infrage, wobei die Tanksituation die Spedition vor Probleme stelle. Es gebe nur eine schlechte beziehungsweise „keine Infrastruktur“. Auch Spreyer teilt mit, dass ein gasbetriebenes Fahrzeug als Alternative gesehen werden könne.

Es bleibt weiterhin ein heiß umkämpftes Thema, vor allem auch, weil sich Verbraucherschützer und Umweltverbände für steigende Benzinpreise aussprechen und gleichzeitig auf einen sozialen sowie finanziellen Ausgleich und Entlastung pochen.

Von Lucas Heinisch

Hintergrund

Annalena Baerbock​, Kanzlerkandidatin der Grünen, hat sich für eine frühzeitige Benzinpreis-Erhöhung ausgesprochen. Der derzeitige CO2-Preis von 25 Euro pro Tonne soll nach Planung der Bundesregierung aber ohnehin bis 2025 auf 55 Euro steigen. Der Wunsch der Grünen ist es, dass der CO2-Preis auf Benzin bereits 2023 bei 60 Euro pro Tonne liegt. Dabei geht es gemäß des Programmentwurfs der Grünen um insgesamt 16 Cent pro Liter, von denen sechs Cent bereits zu Jahresbeginn durch den CO2-Preis auf Benzin umgesetzt wurden. Es blieben zehn weitere Cent, die etwa dem geforderten CO2-Preis von 60 Euro pro Tonne entsprächen. 

Um Menschen ​mit geringerem Einkommen beim CO2-Preis zu entlasten, schlagen die Grünen ein „Energiegeld“ von 75 Euro vor, das aus staatlichen Mehreinnahmen beim CO2-Preis finanziert werden soll.

Am Freitag betonte ​Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus, dass auch mit der Union an der Spitze der künftigen Bundesregierung Benzin teurer werden dürfte. „Benzin wird teurer, jetzt ein bisschen, in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts wird es richtig teurer“, sagte der CDU-Politiker in der ARD. „Der Kampf gegen den Klimawandel, den wird es nicht umsonst geben.“ Das gelte nicht nur für Benzin, sondern auch für die Heizung.