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Marburg Vorerst keine Corona-Bürgertests mehr am Aquamar
Marburg Vorerst keine Corona-Bürgertests mehr am Aquamar
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20:30 09.04.2021
Im Testcenter am Aquamar wird es zunächst keine kostenlosen Bürgertests geben.
Im Testcenter am Aquamar wird es zunächst keine kostenlosen Bürgertests geben. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Rückschlag für die Corona-Teststrategie: Im Schnelltest-Zentrum am Aquamar werden bis auf weiteres keine kostenlosen Corona-Bürgertests mehr angeboten. Denn das Dillenburger Unternehmen CoviMedical, das nach eigenen Angaben fast 70 Schnelltest-Zentren mit rund 1 100 Mitarbeitern im gesamten Bundesgebiet betreibt, hat die Kostenlos-Tests eingestellt – es ist nach eigenen Angaben bisher mit rund 7,8 Millionen in Vorleistung getreten.

Und: Auch im Testzentrum am Afföller der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen gibt es seit Dienstag keine Bürgertests mehr. Man habe sich dazu bereit erklärt, „so lange Bürgertests anzubieten, bis landesweit entsprechende Strukturen für flächendeckende Testungen aufgebaut sind“, erläutert KV-Sprecher Alexander Kowalski. Das sei nun an mehr als 600 Stellen der Fall. Seit dem 8. März hätten 803 Personen das Schnelltest-Angebot am Afföller genutzt. Nun würden dort „ausschließlich symptomatische Patientinnen und Patienten getestet. Hinzu kommen Testungen von Personen auf Anordnung des Gesundheitsamtes“, teilt Landkreis-Pressesprecher Stephan Schienbein mit. Heißt: In Marburg gibt es die Kostenlos-Schnelltests nur noch im Testzentrum der DRK-Schwesternschaft.

CoviMedical hatte sich bereits kurz vor Ostern in einem offenen Brief unter anderem an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) gewandt.

Kosten rasant gestiegen

Darin betont Geschäftsführer Christoph Neumeier, sein Unternehmen habe, nachdem die kostenlosen Bürgertests am 8. März auf Bundesebene verabschiedet worden seien, „zahlreichen Kommunen geholfen, in sehr kurzer Zeit eine Infrastruktur für kostenlose Schnelltests aufzubauen“ und binnen kürzester Zeit rund 240 000 Bürgertests vorgenommen. Kosten bis zu diesem Zeitpunkt: gut 3,63 Millionen Euro. CoviMedical sei „für sämtliche Kosten für die Bürgertests bislang in Vorleistung gegangen. Diese Kosten sind aufgrund des Ansturms auf die kostenlosen Schnelltests rasant angestiegen“, schreibt Geschäftsführer Neumeier.

In der Teststrategie der Bundesregierung sei festgelegt worden, dass die Abrechnung der kostenlosen Bürgertests von der Kassenärztlichen Vereinigung hätte vorgenommen werden sollen. „Bis heute haben wir allerdings weder eine schriftliche Zusage der Kostenübernahme erhalten, die uns helfen würde, kurzfristige Zwischenfinanzierungen oder Kredite zu erhalten, noch eine konkrete Information, von wem wir wann die Kosten erstattet bekommen“, so Neumeier.

Über Ostern wurden die Tests ebenfalls immens nachgefragt – mittlerweile hätte sich der Betrag der Vorleistungen auf satte 7,8 Millionen Euro erhöht, erläuterte Expansionsmanager Daniel Timm gestern auf Anfrage der OP. „Daher haben wir die Bürgertests nun eingestellt, weil wir keine Möglichkeit der Vorfinanzierung mehr haben“, so Timm. Alle weiteren Tests seien weiter möglich, auch das Personal werde man halten. „Wir hoffen, dass es nun relativ schnell durch den Druck, den wir aufgebaut haben, eine Lösung geben wird."

KV ist „verwundert“

Die KV Hessen ist über die mitschwingende Anschuldigung, sie würde nicht zahlen, verwundert. „Wir haben mit der eigentlichen Zahlung nichts zu tun“, verdeutlicht Alexander Kowalski auf Anfrage der OP. Alle Unternehmen mit Sitz in Hessen, die Bürgertests anböten, „reichen bei uns einmal monatlich Abrechnungsdaten ein. Diese geben wir weiter an das Bundesamt für soziale Sicherung“, so Kowalski. Dort würden diese geprüft, „dann wird das Geld an uns überwiesen und wir geben es weiter“, so der Pressesprecher. Die Abrechnungsdaten seien eingegangen und weitergereicht worden, „vorgesehen ist, dass die Gelder des Vormonats immer bis Mitte des Folgemonats gezahlt werden. Wir befinden uns also völlig im zeitlichen Rahmen, es gibt an keiner Stelle einen Verzug.“

Expansionsmanager Timm beteuert indes: „Wir machen der KV keinen Vorwurf. Vielmehr haben wir vorher schon auf uns aufmerksam gemacht und versucht, Abschlagzahlungen zu bekommen. Denn die Bürger sollen Tests bekommen – aber wir haben einfach nicht das Kapital, um mit diesen immensen Millionenbeträgen in Vorleistung zu gehen.“

Für Dr. Daniela Sommer, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, steht fest: „Die Antigen-Schnelltests sind zu einer wichtigen Säule der Pandemiebekämpfung geworden. Wenn Betreiberfirmen mitteilen, dass sie gezwungen sind, den Betrieb der Teststationen bis zur Abrechnung der Vorleistungen zu schließen, dann ist das ein deutliches Warnsignal, auf das Sozialminister Klose reagieren muss.“ Sommer forderte eine „pragmatische Lösung“, um nicht einen „erneuten herben Rückschlag bei der Bekämpfung von Covid-19“ zu erleiden. Daniel Timm sagt im Gespräch mit der OP, dass es schon „positive Signale“ für Abschlagzahlungen gebe. Doch wie lange bleiben die Bürgertests ausgesetzt? „Wir gehen davon aus, dass wir – falls wir am Montag eine Zahlung erhalten – theoretisch bereits am Mittwoch wieder mit allen Stationen online gehen.“ Denn dann könne das Unternehmen Blitzüberweisungen an die Lieferanten auslösen, seine Außenstände begleichen und „per Express-Lieferung das benötigte Material bekommen. Wir sind alle an einer schnellen Lösung interessiert“, betont Timm.

Von Andreas Schmidt