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Marburg Wie Dr. Hanno Drechsler Oberbürgermeister wurde
Marburg Wie Dr. Hanno Drechsler Oberbürgermeister wurde
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11:57 02.06.2020
Dr. Hanno Drechsler und seine Wahl zum OB war 1970 ausführlich Thema in der OP.  Quelle: Repro: Marcus Richter, Collage: Thorsten Richter
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Marburg

Die Wahl war richtungweisend für Marburg – oder wie es Erhart Dettmering, damals Lehrer und Schriftführer im SPD-Unterbezirk Marburg-Stadt und später städtischer Pressesprecher, formuliert: „Es war eine Schicksalswahl.“

Die Vorgeschichte

Am 28. Februar 1970 soll in Marburg ein neuer Oberbürgermeister gewählt werden. Es ist die unmittelbare Nach-68er-Zeit, in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn hat gerade die erste sozialliberale Koalition ihre Amtszeit begonnen. Es ist in Marburg ein diesiger und kalter Samstagvormittag. Vor dem Rathaus, in dem die Wahlhandlung vollzogen werden soll, errichtet die Polizei Absperrungen. Demonstranten marschieren auf.

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Drinnen stehen zwei Kandidaten zur Wahl: Amtsinhaber Georg Gaßmann (59/SPD) und der junge, aufstrebende Jurist Dr. Walter Wallmann (37/CDU)., schon damals im“inneren Zirkel“ der Hessen-CDU und Vertrauter von Alfred Dregger.

Gegen 11.25 Uhr verkündet Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Jahn (SPD) das Ergebnis: 19 Stimmen für Wallmann, 18 für Gaßmann. „Auf der rechten Seite des Hauses Jubel und Beifall. Die SPD-Fraktion verharrt in eisigem Schweigen“, schreibt die OP am 2. März 1970. Der Machtwechsel an der Spitze der Stadt ist von der Koalition aus CDU, FDP und Wahlblock erreicht worden.

Die Reaktion

Aber auch in der SPD-Fraktion gibt es gewiefte Juristen. Rudolf Zingel, Verwaltungsdirektor und ab 1971 Präsident der Philipps-Universität, Rechtsanwalt Hans-Joachim Wölk und andere entdecken einen Formfehler in der Wahl und legen Widerspruch ein: Die Wahl habe einen Tag zu früh stattgefunden. Der Widerspruch wird im Parlament zwar abgeschmettert, aber die Koalitionsfraktionen, ihrer Sache offenbar sehr sicher, erklären sich nach einer (rückwirkend wirksamen) Anfechtungsklage der SPD vor dem Verwaltungsgericht bereit, die Wahl am 2. Juni 1970 zu wiederholen.

Die Vorbereitung

In dieser Situation geht nun der Stern eines jungen, bis dahin weitgehend unbekannten Sozialdemokraten auf: Dr. Hanno Drechsler, 1955 aus der DDR nach Marburg geflohen, Schüler des legendären marxistischen Politik-Professors Wolfgang Abendroth, erklärter Gegner des Sozialismus sowjetischer Prägung und demzufolge der in Marburg starken DKP, ist Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Marburg-Stadt.

Die dominierende Figur der Marburger SPD ist damals Gerhard Jahn, Justizminister unter Willy Brandt in Bonn. Drechsler zeigt aber im Frühjahr 1970, dass er Jahn an taktischer Raffinesse kaum nachsteht.

Die SPD hat unter seiner Führung zwei wesentliche Probleme zu lösen: Die Flügelkämpfe in der eigenen Partei, namentlich mit den Stamokap-nahen Jusos, und die Tatsache, dass sich die neuen Mehrheitsverhältnisse im Stadtparlament nicht ändern lassen, wenn die SPD den altgedienten OB Georg Gassmann, seit 19 Jahren im Amt, erneut ins Rennen schickt.

Zu eindeutig haben sich Bürgerblock und FDP geäußert: Nein zu Gaßmann. Ob der im Februar gewählte FDP-Bürgermeister Dr. Hansjochen Kochheim tatsächlich der SPD Avancen gemacht hat, wie ihm später vor allem von der CDU vorgeworfen wurde, ist heute nicht mehr eindeutig nachzuvollziehen.

Noch Mitte Mai bekräftigt der Parteivorstand seine Unterstützung für Gaßmann. Drechsler betont allerdings auffallend laut in der Parteivorstands-Sitzung vom 13. Mai, dass er selbst für eine Kandidatur nicht zur Verfügung stehe, weil die Jusos dies nicht unterstützen würden. Das geht aus dem Stichwortprotokoll von Erhart Dettmering hervor, das der OP vorliegt. Juso-Sprecher Jürgen Gotthold widerspricht diesen Eindruck.

Und noch neun Tage später, am 22. Mai, ist während einer Mitgliederversammlung unklar, ob sich die SPD auf den juristischen Weg begibt – und wer im Falle einer Neuwahl durch das Stadtparlament für die SPD antritt. Zentrale Frage: Welcher Kandidat macht es möglich, dass die FDP-Fraktion umschwenkt? Was nun folgt, sind Gespräche, die unter größter Geheimhaltung stattfinden. Die SPD hat Angst davor, dass die CDU von einem anderen OB-Kandidaten erfährt. Drechsler kolportiert im Parteivorstand am 31. Mai, also zwei Tage vor der Wahl, dass die FDP-Stimmen bei der Wahl von Wallmann im Februar wohl auch auf das Versprechen finanzieller Vorteile zurückzuführen seien. Von der SPD sei die Wahl nicht mit Gaßmann als Kandidaten zu gewinnen, fügt Drechsler hinzu.

Die Vorentscheidung

Spät am Abend vor der Wahl, ab 21.50 Uhr, findet dann die entscheidende Sitzung des Parteivorstands im Haus der DLRG am Trojedamm statt. Für die SPD ist das Briefung so wichtig, dass Gerhard Jahn später hinzustößt. Er war in seiner Funktionm als Bundesjustzozminister tagsübers in Wien.

Alle Gespräche haben ergeben, dass eine Chance auf die Wahl eines SPD-Oberbürgermeisters nicht mit Gaßmann, sondern nur mit Rudolf Zingel oder Hanno Drechsler möglich ist. Zingel winkt ab, vielleicht mit Blick auf seine angestrebte Wahl zum Uni-Präsidenten wenige Monate später. Es bleibt nur Drechsler.

Gaßmann ist tief getroffen, signalisiert aber seine Unterstützung für Drechsler. Heroisch sagt er laut den Aufzeichnungen von Dettmering: „Auf mich braucht niemand Rücksicht zu nehmen.“ Die Versuche, Gaßmann einen Versorgungsjob in Wiesbaden zu verschaffen, sind vorher gescheitert.

Als Gerhard Jahn sich trotz teils erheblicher politischer Unterschiede für Drechsler ausspricht, ist es nach einer Abstimmung gegen Mitternacht einstimmig entschieden: Die SPD wird tags darauf den 39-jährigen Drechsler als Kandidaten präsentieren. „Nur eine Hoffnung habe ich, dass Hanno Drechsler nicht genauso enttäuscht wird hinsichtlich der Zusagen für die Wahl wie ich am 28. Februar“, unkt Georg Gaßmann noch.

Alle Parteivorstandsmitglieder werden auf Geheimhaltung verpflichtet. Noch nicht einmal zu Hause durften sie ihren Ehepartnern erzählen, was beschlossen war.

Die Wahl

Am Abend des 2. Juni findet nun endlich die außerordentliche Sitzung des Stadtparlaments statt, Drechsler wird als Kandidat präsentiert und erhält auch mindestens zwei Stimmen aus der FDP: die von Bürgermeister Hansjochen Kochheim und von Stadträtin Gertrud Röhr. Wallmann gratuliert seinem siegreichen Konkurrenten, aber die CDU schäumt vor Wut: Die „linkssozialistischen Kräfte“ hätten sich in der SPD durchgesetzt, und Geheimabsprachen mit Mitgliedern „nichtsozialistischer“ Fraktionen seien wider jegliche demokratische Gepflogenheit.

Drechsler bleibt 22 Jahre, bis 1992, Oberbürgermeister in Marburg. Seine größte Leistung, die bis heute nachwirkt, ist die Sanierung der damals mehr als baufälligen Oberstadt. Wallmann macht außerhalb Marburgs Karriere. Er wird Oberbürgermeister von Frankfurt, Bundesumweltminister und Ministerpräsident von Hessen.

von Till Conrad

02.06.2020
01.06.2020
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