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Marburg Von zwei Seiten gegen Corona
Marburg Von zwei Seiten gegen Corona
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14:58 02.10.2021
Im Isolationsbereich in der Notaufnahme am Marburger Uni-Klinikum werden Corona-Patienten behandelt.
Im Isolationsbereich in der Notaufnahme am Marburger Uni-Klinikum werden Corona-Patienten behandelt. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der eine ist Landarzt, der andere Chefarzt am Uni-Klinikum. Ihre Gemeinsamkeit: Sie behandeln Menschen, die an Corona erkrankt sind. Fürs Redaktionsgespräch haben sich Daniel Sieveking (42) und Andreas Jerrentrup (52) an einen Tisch gesetzt.

„Ich habe etwa 500 bis 600 Corona-Patienten gesehen und gegebenenfalls behandelt“, hatte Sieveking vor einigen Wochen während eines öffentlichen Gesprächs mit einem früheren Berufskollegen, nämlich Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) aus Gießen, gesagt. „Und nicht ein einziger musste in die Klinik oder gar auf die Intensivstation.“

Die Patienten, die dort liegen, sieht Jerrentrup, der nicht nur Chefarzt der Notfallmedizin am Marburger Universitätsklinikum ist, sondern zudem einer der sieben Koordinatoren für die stationäre Covid-Versorgung in Hessen. „Wir sehen die Patienten anders“, sagt er, „weil wir in unterschiedlichen Bereichen arbeiten, die jedoch beide extrem wichtig für das Gesundheitssystem sind.“

Lehren aus dem Verlauf der Pandemie gezogen

Er stellt klar: „Ohne die Hausärzte wären die Notaufnahmen verloren, weil sie eine Filterfunktion haben, die wir nicht wahrnehmen können.“ Von den Patienten, die beim Hausarzt über Schmerzen in der Brust klagen, hätten drei Prozent tatsächlich einen Herzinfarkt, führt Jerrentrup aus – von jenen, die mit solchen Beschwerden in der Notaufnahme landen, seien es 25 Prozent. Heißt also: Dank der Arbeit der Hausärzte im Landkreis kommen häufig nur wirklich schwere Fälle in die Notfallmedizin auf den Lahnbergen. „Das ist unheimlich wichtig“, sagt Jerrentrup, „sonst würden wir überlaufen.“ Andererseits – auch daran lässt der Notfallmediziner keinen Zweifel – „wären auch viele Patienten verloren ohne die Notaufnahme“. Dass beide Systeme gut funktionieren und zusammenarbeiten, sei ein großer Vorteil im Vergleich zur medizinischen Versorgung in anderen Ländern.

725 Corona-Patienten seien bislang stationär im Uni-Klinikum versorgt worden. „Davon sind 153 gestorben“, sagt Andreas Jerrentrup. „Das sind 21 Prozent.“ Knapp die Hälfte der Patienten mit einer Corona-Erkrankung musste auf der Intensivstation behandelt werden. „Die Sterblichkeit hängt sehr vom Alter der Patienten ab“, ergänzt er. „Bei jenen, die älter als 80 sind, gibt es eine sehr hohe Sterblichkeit.“

Dieses Schicksal wollen beide Ärzte ihren Patienten natürlich ersparen. Wie lebensgefährlich ist es, wenn ein Patient intubiert wird? Und passiert das eventuell zu früh?

„Das war definitiv anfangs ein Problem“, sagt Daniel Sieveking, „aber ich weiß, dass die Zahlen besser geworden sind.“ „Wir haben seit Beginn der Pandemie unheimlich viel gelernt“, stimmt sein Kollege vom Klinikum zu. „Unter anderem wurden weltweit viele Medikamente ausprobiert, bis sich einige als sinnvoll herauskristallisiert haben.“ Anfangs seien die Kliniken überrannt worden, und die Ärzte hätten versucht, die Patienten zu beatmen: „Da war beispielsweise die Sterblichkeit auf den Intensivstationen in Bergamo hoch. Die wurden überrollt, und man konnte nicht genau prüfen, welche Patienten auch ohne eine invasive Beatmung gerettet werden konnten.“

In Deutschland hätten die Kliniken wegen des Verlaufs der Pandemie einen gewissen Vorlauf gehabt – und somit die Chance, sich vorzubereiten und aus den Fehlern der italienischen Kollegen zu lernen.

„In Italien sind viel mehr Leute ins Krankenhaus gerannt, statt zum Hausarzt zu gehen“, schildert der Landarzt, der drei Praxen in Biedenkopf, Dautphetal und Gladenbach betreibt, den Beginn der Pandemie. „Dadurch haben sich viel mehr Menschen auch erst in der Klinik infiziert.“ Auf diese Weise sei eine chaotische Situation entstanden, pflichtet er dem Chefarzt am Klinikum bei.

Mit Blick auf seinen Arbeitsalltag berechne er auch die schwächeren Fälle mit ein, die nicht im Klinikum behandelt werden. „Aus meiner Sicht sind strukturelle Fehler gemacht worden“, erklärt er. „Man hätte von Anfang an ein ambulantes System aufsetzen und enger zusammenarbeiten können – allerdings hätte das politisch passieren müssen.“

Sieveking skizziert: „Man hätte Ärzte abstellen können, die für bestimmte Gebiete zuständig sind und sich mit dem Klinikum abstimmen.“ Dadurch hätten weniger schwere Corona-Fälle zu Hause behandelt werden können, was den Kliniken eine weitere Belastung erspart hätte.

„Ich hatte einen Patienten, der aus dem Klinikum entlassen, aber hinterher von keinem Hausarzt in seiner Wohngegend im Ostkreis angenommen wurde“, erinnert sich der Hausarzt. „Letztlich ist er von mir behandelt worden.“

Er habe bislang nicht einen einzigen Corona-Patienten verloren. „Viele Hausärzte hatten die Sorge, sich selbst zu infizieren“, meint er. „Und auch in Kliniken wurden in der ersten Welle Patienten intubiert, weil in diesem geschlossenen System die Ansteckungsgefahr niedriger ist.“

Zusammenarbeit macht Gesundheitssystem stabil

„Tatsächlich ist in diesen Fällen die Gefahr einer Infektion niedriger“, sagt Jerrentrup. „Es ist gar nicht so leicht, das Personal auf der Intensivstation zu schützen.“ Im Marburger Klinikum sei dies möglich, weil die neu gebauten Intensivstationen mit speziellen Luftfilteranlagen ausgestattet seien, die die Luft alle fünf Minuten austauschen. Die Entscheidung, einen Patienten zu intubieren, sei nicht einfach und müsse individuell getroffen werden, da das mögliche Risiko von vielen Faktoren abhänge, darunter von der körperlichen Verfassung.

„Die Situation ist medial aufgeheizt“, berichtet Sieveking aus seiner Arbeit als Landarzt. „Es rufen viele Patienten an, die Angst haben, innerhalb von Stunden zu sterben – aber die meisten, die ich besucht habe, konnte ich beruhigen und ihnen ein Schmerzmittel dalassen.“ In etwas schwereren Fällen gebe er den Patienten die Möglichkeit, ihn jederzeit mobil anzurufen, falls sich ihr Zustand verschlimmern sollte. Zudem habe er bislang großzügig mit Sprays gearbeitet, um die Symptome zu mildern – der Erfolg dieses Vorgehens sei durch Studien bestätigt worden: „Damit ließen sich relativ schwere Fälle gut behandeln.“ Für Sieveking steht fest: „Aus meiner Sicht ist es die bessere Variante, einen Patienten relativ lange zu Hause zu behandeln – wenn es mit ihm abgesprochen und er dazu bereit ist.“

„Wir haben in unserem Arbeitsalltag einen Blick auf völlig andere Patientengruppen – nämlich die Patienten, die bei schlechter Funktion der Lunge unbedingt einer Sauerstofftherapie oder Beatmung bedürfen“, unterstreicht Jerrentrup. „Aber beide Systeme sind extrem wichtig, weil das eine ohne das andere nicht auskommen kann.“

In einem Punkt sind sich die beiden Ärzte nicht einig: beim Thema Impfungen. „In Hessen sind 90 Prozent der Intensivpatienten nicht geimpft“, sagt Andreas Jerrentrup. „Die Impfungen sind hochwirksam, das muss man ganz klar sagen.“ Zwar habe er Verständnis für mögliche Ängste, aber es sei wichtig, über die Impfung, ihre Wirkungen und eventuelle Nebenwirkungen genau aufzuklären.

Das tut Daniel Sieveking im Praxisalltag – und er impft selbst. Rät er seinen Patienten dazu, sich impfen zu lassen? „Das ist sehr abhängig davon, wie alt jemand ist“, sagt er. „Mit einem 80-Jährigen diskutiert man weniger als mit einer 17-Jährigen.“ Eine Empfehlung hänge auch von der Inzidenz ab: „Die Frage ist, ob es medizinische oder politische Argumente sind, die jemand bringt – die meisten Patienten, die sich derzeit impfen lassen wollen, kommen aus politischen Gründen.“

Für diese Leute sei nicht relevant, wie wirksam der Impfstoff sei, sondern sie führten Sorge um den Arbeitsplatz an, aber auch den Wunsch nach persönlicher Freiheit.

„Es kommen Schüler zu mir, die wieder mehr Rechte haben wollen als Ungeimpfte“, berichtet Sieveking. „Kein 13-Jähriger kommt von sich aus auf die Idee, sich aus Gesundheitsgründen impfen zu lassen.“ „Ich würde 13-Jährigen schon eine eigene Meinung zugestehen“, hält Jerrentrup dagegen. „Die Jugendlichen sagen, sie wollen, dass Corona vorbei ist“, pflichtet der Hausarzt bei. Es gebe eine Impfpflicht „durch die Hintertür“.

Ein politisches Interesse an einer hohen Impfquote sei durchaus auszumachen, sagt der Chefarzt am Marburger Klinikum. „Man will natürlich einen weiteren Lockdown verhindern.“

Von Markus Engelhardt

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