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Marburg Von geraspelten Hirsch-Hörnernbis zur heilsamen Chinarinde
Marburg Von geraspelten Hirsch-Hörnernbis zur heilsamen Chinarinde
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14:59 26.08.2021
Pharmakognostische Sammlung der Philipps-Universität Marburg, Dr. Christof Wegscheid-Gerlach mit einer Flasche Tonic Water. Unter UV-Licht lässt sich der Gehalt von Chinin im Getränk nachweisen.
Pharmakognostische Sammlung der Philipps-Universität Marburg, Dr. Christof Wegscheid-Gerlach mit einer Flasche Tonic Water. Unter UV-Licht lässt sich der Gehalt von Chinin im Getränk nachweisen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Es ist fast eine Art Kuriositäten-Kabinett, das derzeit in einem Raum im Erdgeschoss der ehemaligen Behring-Villa aufgebaut ist: Vor allem die Sammlung der tierischen Drogen umfasst allerlei Raritäten. Neben Gläsern mit Wildschweinzähnen oder geraspelten Hirsch-Hörnern findet sich auch ein Glas mit der Aufschrift „Cantharides“, in dem sich Dutzende von blaugrün schillernden getrockneten Exemplaren der Spanischen Fliege befinden. Diese Tiere waren früher als potenzsteigernde Mittel geschätzt, sind allerdings sehr giftig. Das erläutert Professorin Tanja Pommerening, die Leiterin des neugeschaffenen Lehrstuhls für Medizin- und Pharmaziegeschichte der Marburger Universität.

Mindestens ebenso spannend findet die Professorin die Schädeldecke einer echten Mumie, die im Regal daneben aufbewahrt wird. Was auf den ersten Blick ganz schön gruselig wirkt, hatte bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus auch einen heilkundlichen Hintergrund, erläutert Tanja Pommerening. Denn die teerhaltigen Substanzen, mit denen der Mumienschädel aus Konservierungsgründen eingerieben war, wurden in der Medizin weiterverwendet – so als Mittel gegen Knochenbrüche oder zur Wundheilung. Und letztlich wurde sogar auch das ganze Konglomerat unter dem Namen „Mumia vera“ in zerstoßener Form von ärztlicher Seite eingesetzt.

Die „tierischen Drogen“ stammen aus der Sammlung von Dr. Friedrich Wigand (1888–1855). Der Apotheker aus Treysa war der Vater von Albert Wigand (1821–1886), der die Pharmakognostische Sammlung im Jahr 1854 als Lehr- und Schausammlung von Arzneidrogen für Studierende der Pharmazie begründete. Albert Wigand begründete die Sammlung mit zahlreichen Ankäufen, aber auch ergänzt um Schenkungen. Und sie wurde auch nach seinem Tod teilweise ergänzt.

Dass die Wigandsche Sammlung überhaupt der Nachwelt erhalten blieb, verdankt die Marburger Universität der Pharmazeutin Dr. Barbara Rumpf-Lehmann. Als junge und neugierige Doktorandin erkundete sie Anfang der 70er Jahre den Dachboden der ehemaligen Akademischen Waschanstalt am Eingang des Botanischen Gartens zur Deutschhausstraße hin. Dieses Gebäude beherbergte nach 1945 nach einigen Umzügen das Pharmakognostische Institut. Auf dem Dachboden entdeckte sie die in Kisten verpackte und verschollen geglaubte Sammlung.

Diese wurde für Rumpf-Lehmann über die Jahre hinweg zu einer Herzensangelegenheit. So verfasste sie nicht nur ihre Doktorarbeit über die Wigandsche Sammlung, sondern kümmerte sich auch darum, aus 2 600 Exponaten mehr als die Hälfte davon auszuwählen und die größtenteils in Spezialgläsern gelagerten Arzneidrogen tierischen und vor allem pflanzlicher Herkunft in Glasschränken aufzustellen. Im Schäferbau fand die Sammlung dann ihre Heimat. Nach dem Auszug des Instituts für Pharmazeutische Biologie aus dem Gebäude im Jahr 2016 musste allerdings auch die Pharmakognostische Sammlung ausziehen.

Nach dem Umzug des Institutes in die ehemalige Uni-Augenklinik wurden alle Exponate im Dekanat des Fachbereichs Pharmazie für zwei bis drei Jahre in Kisten verpackt zwischengelagert. Dass ein Großteil von ihnen jetzt wenigstens wieder aufgestellt worden ist, ist auch ein Verdienst von Dr. Christof Wegscheid-Gerlach, Fachbereichskoordinator des Fachbereichs Pharmazie.

Er packte vor mittlerweile anderthalb Jahren die Gelegenheit beim Schopf, als sich eine Doktorandin aus Krakau in Marburg mit dem Anliegen gemeldet hatte, die Marburger Sammlung wegen des Vergleichs mit ähnlichen wissenschaftlichen Sammlungen zu besichtigen. Provisorisch wurden die alten Schränke reaktiviert, so dass die Wigandsche Sammlung jetzt zumindest teilweise wieder zugänglich ist. Und auch die sich längst im wissenschaftlichen Ruhestand befindliche Barbara Rumpf-Lehmann kommt auch wieder regelmäßig gerne in die Behring-Villa, um sich mit um „ihre Sammlung“ zu kümmern.

„Die Studierenden der Pharmazie werden allerdings nicht mehr an den Exponaten der Wigandschen Sammlung unterrichtet“, macht Wegscheid-Gerlach deutlich. Rund 120 für die Lehre pharmazeutisch relevante Pflanzen aus der Sammlung sind unterdessen in Vitrinen direkt am neuen Standort des Institutes für Pharmazeutische Chemie untergebracht worden.

Dennoch können sich Wegscheid-Gerlach und Pommerening vorstellen, auch die verbliebenen Exponate der Wigandschen Sammlung weiter für Forschung und Lehre zu nutzen. Besonders beeindruckt ist Wegscheid-Gerlach von der umfangreichen Sammlung der vor allem aus Südamerika stammenden Chinarinden, deren Inhaltsstoffe schmerzstillend und fiebersenkend im Kampf gegen Krankheiten wie Malaria wirken.

Da vor dem Jahr 1875 kaum Chinarinden aus dem Plantagenanbau angeboten wurden und oft Verfälschungen angeboten wurden, musste ein Apotheker aus der Vielzahl der Angebote die echten von den falschen Sorten unterscheiden. Übrigens eine Aufgabe, die sogar noch bis ins 21. Jahrhundert teilweise prüfungsrelevant war. Dass der die Magensäfte anregende Bitterstoff Chinin – ein Bestandteil der Chinarinde – auch in Tonic Water enthalten ist, schlägt eine weitere aktuelle Brücke zum Alltagswissen rund um pharmazeutische Heilmittel. Aus Sicht von Wegscheid-Gerlach könnte man hier auch andocken, um die Sammlung in Zukunft vermehrt auch wieder in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Und Professorin Tanja Pommerening hätte auch Ideen für Forschungsansätze rund um die Pharmakognostische Sammlung wie beispielsweise die Frage, auf welchen Wegen die einzelnen Exponate im 19. Jahrhundert ihren Weg in die Sammlung fanden. Zudem ist es aus Sicht der Archäobotanik spannend nachzuvollziehen, wie stabil sich die Inhaltsstoffe der größtenteils seit mehr als 150 Jahren gelagerten meist getrockneten Substanzen erweisen. „Untersuchungen zeigen, dass vieles verfällt und vieles sich verändert, aber manches bleibt“, erläutert die Pharmaziehistorikerin, die dazu beispielsweise auf Forschungsprojekte aus Ägypten verweist.

 

Von Manfred Hitzeroth