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Marburg Von der Gottesanbeterinnen-Larve bis zum Zirkus-Elefanten
Marburg Von der Gottesanbeterinnen-Larve bis zum Zirkus-Elefanten
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11:36 16.08.2021
Dr. Martin Brändle neben dem Skelett des 1863 in Kirchhain erschossenen Elefanten Jack.
Dr. Martin Brändle neben dem Skelett des 1863 in Kirchhain erschossenen Elefanten Jack. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Abgesehen von einigen weiteren öffentlichen Schauvitrinen rund um Jack ist die Sammlung der universitären Lehre und der Forschung vorbehalten. „Wir sind kein Museum“, stellt Dr. Martin Brändle klar, der die Sammlung seit 2018 leitet und Nachfolger des im vergangenen Jahr verstorbenen langjährigen Leiters Professor Lothar Beck ist.

Für Führungen oder die öffentliche Nutzung der aus weit mehr als 40 000 Einzel-Exponaten bestehenden Zoologischen Sammlung der Universität im größeren Stil stehen derzeit nicht genügend Personal und keine geeigneten Räumlichkeiten zur Verfügung. Brändle betreut die Sammlung zusätzlich zu seinen Aufgaben als Dozent und Forscher mit Unterstützung der Präparatorin Heike Worth.

Unter dem Titel „Wunderkammer und wissenschaftliches Archiv“ war im Jahr 2018 der 200-jährige Geburtstag der Sammlung mit einer Tagung begangen worden. Welch wundervolle Exponate die Sammlung immer noch zu bieten hat, das zeigte Brändle der OP bei einem exklusiven Einblick in die sonst für die Öffentlichkeit nicht einsehbare Schatzkammer.

Ein schillernder Vogel mit einer außergewöhnlichen Farbe ist beispielsweise der Scharlachsichler. Das besonders schön anzusehende ausgestopfte Exemplar des Vogels mit dem auffälligen roten Gefieder stammt aus dem Norden von Südamerika. Das Sammlungsobjekt ist möglicherweise noch ein Präparat aus der Gründerzeit der Sammlung.

Großteil der Sammlung ist aus dem 19. Jahrhundert

Derzeit enthält die Marburger Uni-Sammlung nur rund 700 Präparate von Vögeln und Säugetieren, weil viele Exemplare beschädigt wurden oder im Lauf von mehr als 200 Jahren und bei dem häufigen Wechsel von Standorten verlorengegangen sind.

Viel unspektakulärer als der Sichler sieht das älteste Objekt der Zoologischen Sammlung aus, das sich auf das Jahr 1784 zurückdatieren lässt. Es sieht wie ein runder Stein aus, ist aber eindeutig tierischen Ursprungs. Es handelt sich um einen Oberarmkopf, der aus dem Schultergelenk eines Wals stammt.

Der Großteil der Sammlung stammt aus dem 19. Jahrhundert. Als besonders eindrucksvoll und von wissenschaftlich herausragendem Wert schätzt Brändle die aus 98 Insektenkästen bestehende Riehl-Sammlung, in der ausschließlich Käfer enthalten sind. „Es ist unser größter Schatz“, meint Brändle. Denn zwischen 1840 und 1870 sammelte Friedrich Riehl nicht nur exotische Käferarten aus Kuba, Chile und Nordamerikaund anderen Ländern, sondern regelmäßig alle einheimischen Käferarten in Nordhessen in der Gegend um Kassel. „So wissen wir jetzt genau, welche Käferarten dort damals vorhanden waren“, berichtet Brändle. In puncto Artenvielfalt seien nun spannende Vergleiche zwischen früher und heute möglich.

Meerestiere, die während der ersten deutschen Tiefsee-Expedition mit dem Schiff „Valdivia“ im Jahr 1898/99 gesammelt wurden, fügen der Zoologischen Sammlung wieder gänzlich neue Facetten hinzu. Unter anderem Gehäuse von Landschnecken sammelte der Marburger Naturforscher Johannes Gundlach während seiner Forschungsreisen Mitte des 19. Jahrhunderts auf Kuba. Als Gründer des ersten Naturkunde-Museums im lateinamerikanischen Inselstaat wird er dort bis heute in Ehren gehalten.

Larve wurde im Schützengraben gesammelt

Neben dem Skelett des Zirkus-Elefanten Jack oder dem Teil eines Mammutzahns aus Elfenbein komplettiert auch ein kurioses Ausstellungsstück die Sammlung. Es ist das Exemplar der in Alkohol konservierten Larve einer Gottesanbeterinnen-Art. Noch interessanter als das sehr anschaulich präparierte Insekt sind der Jahres-Hinweis 1916 und die Geschichte, die vermutlich dahintersteckt. Es stammt wohl aus Monastir auf dem Balkan, und der schriftliche Zusatz „Schützengraben“ deutet daraufhin, dass es in einer Schlacht des Ersten Weltkriegs gesammelt wurde.

Von Manfred Hitzeroth