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Marburg Von der Bauruine zum Ort voller Visionen und Impulse
Marburg Von der Bauruine zum Ort voller Visionen und Impulse
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17:57 12.12.2021
Der Lokschuppen vom Innenhof her gesehen – die Aufnahme entstand vor wenigen Tagen, die Löcher sind mittlerweile mit Bäumen und Büschen bepflanzt.
Der Lokschuppen vom Innenhof her gesehen – die Aufnahme entstand vor wenigen Tagen, die Löcher sind mittlerweile mit Bäumen und Büschen bepflanzt. Quelle: Foto: Schneider OM
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Marburg

Wie oft genau Unternehmer Gunter Schneider die Planungen für den Marburger Lokschuppen umgeschmissen hat, das weiß er nicht mehr so genau. Fest steht, dass sechs Zeichnungen – und wohl um die 600 000 Skizzen – für den Bau des Lokschuppens erstellt wurden. Drei Bereiche stehen kurz vor der Fertigstellung: Es gibt einen „Event-Space“, einen Coworking- und Gründer-Hub und eine Gastronomie – später folgt noch ein Hotel. Was treibt den Unternehmer dabei an? Der Traum von Gunter Schneider: „Ich wünsche mir, dass der Lokschuppen ein Ort voller Visionen wird“, sagt er. „Ein Ort, der inspiriert, an dem neue Ideen entstehen und mit Leidenschaft verfolgt werden. Ein Ort, an dem ein besonderer Spirit herrscht. Ein Ort der Begegnung, für genussvolle Momente und wertvolle Gemeinschaft.“

Bilder vom Lokschuppen in Marburg aus den Jahren 2011 bis 2021.

Vor allem das Thema Start-up liegt ihm dabei am Herzen, „ich arbeite weltweit mit Start-ups zusammen, wir waren selbst Start-up in zahlreichen verschiedenen Bereichen“, sagt Schneider. Denn die Gründer könnten die Ideen liefern, „wie man Grenzen verschieben und sich weiterentwickeln kann“.

Lebens-Areal erweitern

Bei allen Planungen zum Lokschuppen stand immer im Fokus, das gebrochene Industriedenkmal mit all seiner Geschichte und dem ganz besonderen Spirit in die Zukunft zu führen. „Für mich war immer klar, dass wir nicht einfach ein Gebäude schaffen. Wir wollen mit dem Lokschuppen eine deutliche Erweiterung des vorhandenen Lebens-Areals darstellen“, sagt Schneider.

Doch dazu gehört für ihn, den Charakter des ursprünglichen Gebäudes zu erhalten und es im Inneren dennoch in die Moderne zu führen. Und das mit einer Akribie und viel Liebe zum Detail, die auch erklärt, wie es zu den 600 000 Skizzen kommen konnte. Ein Beispiel dafür: Das Ziegelmauerwerk, prägend für den Charakter des Lokschuppens – und beim Kauf extrem einsturzgefährdet. „Als wir das Gebäude entkernt haben, wurden Wände teilweise von Baggern gehalten, damit sie stehenbleiben“, sagt Schneider. Mittlerweile stehen sie wieder, haben den Charakter – mitsamt ihren Graffiti – jedoch nicht verloren, obwohl sie komplett restauriert und konserviert wurden. Maßgeblich daran beteiligt: Rulan Dick. Er arbeitet jede Fuge des Mauerwerks nach – und hält sich an das historische Vorbild. „Wenn es eine glatte Fuge war, dann macht er sie glatt – quoll im Original der Mörtel über, dann mischt er sich die richtige Farbe an und lässt den Mörtel auch wieder überquellen“, erzählt Schneider mit strahlenden Augen.

Denn die Details sind ihm immens wichtig. So sind die alten Schienen weiterhin vorhanden, „denn sie stehen symbolisch dafür, dass hier vom Lokschuppen aus der Weg in alle Winkel der Welt führte“. Diese Strahlkraft sollte erhalten bleiben.

Drehscheibe funktioniert

Ein Höhepunkt des Umbaus ist der Innenhof mitsamt der ehemaligen Drehscheibe – sie besteht mit 22 Metern Durchmesser nun zu einer Hälfte aus einer Bühne, zur anderen aus einem flachen Pool mit 50 000 Litern Wasser, „wo auch Kinder durchlaufen können“. Die Drehscheibe „lässt sich weiterhin mit den alten Kurbeln mit zwei Leuten drehen – wir können die Bühne also immer in die Richtung bringen, in der die Menschen ihren Blickpunkt haben.“ Wem das Kurbeln zu anstrengend ist – es wird auch einen Motor geben, „und auch das alte Wärterhäuschen werden wir wieder reaktivieren“.

Schneider ist wichtig, ein offenes Haus zu sein – für alle Marburger. Und er will mit dem Lokschuppen auch nicht in Konkurrenz zu den Nachbarn treten. „Ich glaube, dass das Angebot allen, vom Rotkehlchen über Waggonhalle bis zur Kletterhalle, zugute kommt. Alle können partizipieren, wenn auf dem Areal Menschen vorkommen.“ Auch das ist Teil der Vision.

Mehr zum Lokschuppen unter www.lokschuppen-marburg.com

Von Andreas Schmidt