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Marburg Von Schreien zu Fußbällen
Marburg Von Schreien zu Fußbällen
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19:58 14.06.2021
Selma Selman schreiend und Pavel Brăila Fußball spielend in der Galerie Schmalfuß.
Selma Selman schreiend und Pavel Brăila Fußball spielend in der Galerie Schmalfuß.
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Marburg

Die Wände und der Fußboden der Galerie Michael W. Schmalfuß am unteren Steinweg sind komplett mit hellem Papier ausgekleidet. Das Schaufenster ist durch eine Plexiglasscheibe geschützt. Der Grund heißt Pavel Brăila. Der 1971 in Chisinau (Moldawien) geborene Konzeptkünstler und zweimalige Berlinale-Teilnehmer war am Freitagabend mit einer Fußball-Performance zu Gast in der Galerie – zum Start der Fußball-WM.

Die Marburger Galerie Schmalfuß hat am Freitag (11. Juni) die neue Ausstellung „Frohnaturen – Cheerful Natures“ eröffnet.

Vor der Galerie hatten es sich viele Kunstinteressierte bequem gemacht, um sich das Spektakel anzuschauen. Wie Evol-Manuel Puts, Geschäftsführer der Galerie, erklärte, war es die erste Performance des international renommierten Künstlers seit dem Corona-Lockdown.

Brăila trägt einen weißen Overall, einen roten und einen gelben Schuh. In der Ecke stehen große Eimer voller Farbe. Der Künstler schießt sich erst einmal warm, knallt den Ball immer wieder gegen die Plexiglaswand – so wie Kinder Fußbälle etwa gegen Garagentore schießen, bis ein Nachbar oder die Eltern dem Spaß ein Ende machen. Nach und nach kommen Farben dazu. Brăila kippt dafür einfach die Eimer aus, rollt den Ball durch die Farbe und schießt. Immer wieder. Er startet mit Blau, statistisch gesehen ist es die Lieblingsfarbe der meisten Menschen. Gelb, Schwarz und Rot werden folgen.

Die Besucher brauchen ein wenig Geduld, denn es dauert, bis er hinter der Scheibe kaum noch oder gar nicht mehr zu sehen ist. Es werden gute 90 Minuten, so lange dauert ein Fußballspiel ohne Pause und Verlängerung. Für den Künstler in dem abgeschotteten, heißen, stickigen und mit Farbdämpfen gesättigten Raum ist das eine anstrengende Zeit.

Pavel Brăila, der in Berlin und Moldawien lebt und arbeitet, ist zudem gerade an einer großen Ausstellung auf dem Gelände des Berliner Flughafens Tempelhof mit dem Titel „Diversity United – Das künstlerische Gesicht Europas“ beteiligt.

Bereits am Freitagnachmittag war die Performance-Künstlerin Selma Selman mit einer Schrei-Performance zu Gast in der kleinen Galerie. Sie stand vor einem Green-Screen, wie er auch in der Filmbranche für digitale Effekte genutzt wird, und schrie ihre ganze Wut, ihren Frust über die Situation der Erde, über die Lage der Frauen heraus. 15 Minuten lang. Im Video sieht man sie schreiend vor der Erdkugel. Die Schreie wurden per Lautsprecher übertragen. Wie der OP berichtet wurde, sorgten sich sogar Anwohner und Geschäftsleute, ob eine Frau bedroht würde, ob sie vielleicht die Polizei rufen sollten. Nein, es war moderne Performance-Kunst.

In ihren Arbeiten setzt sich Selma Selman, die 2019 bei der Biennale in Venedig vertreten war, immer wieder mit ihrem Körper, ihrer Identität als Roma, als Frau und Immigrantin auseinander und kämpft als Aktivistin gegen Diskriminierung. Faszinierend ist ihre Arbeit „Ein eigenes rosa Zimmer“. Sie hat ihrer Mutter, die als Kind mit 13 Jahren (zwangs-)verheiratet wurde, ein rosa Mädchen-Zimmer gebaut, von dem die Mutter als Kind immer geträumt und das sie nie bekommen hatte.

Die aktuelle Ausstellung „Frohnaturen – Cheerful Natures“ in der Galerie Schmalfuß zeigt unter anderem beeindruckende Zeichnungen von Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce aus Alsfeld, die unter dem Künstlernamen INK ausstellt. Die Bleistiftzeichnungen sind in alter Technik ungemein fein ausgeführt – für einen Quadratzentimeter Bild braucht sie schon mal eine Stunde, für ein Porträt 150 Stunden.

Außerdem sind dort bis zum 11. Juli Skulpturen von Christiane Erdmann sowie Malerei von Susanne Knaack und Mirko Schallenberg zu sehen.

Die Galerie Schmalfuß, Steinweg 33, ist Donnerstag und Freitag von 10.30 bis 13 Uhr und 15 bis 18.30 Uhr, Samstag von 10.30 bis 16 Uhr geöffnet.

Von Uwe Badouin

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