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Marburg Von Sagen, Märchen und Legenden
Marburg Von Sagen, Märchen und Legenden
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17:03 12.08.2021
Nach dem Blatt im Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung: Die Lithographie von Hanfstaengel nach Radierung von Ludwig Emil Grimm aus dem Jahre 1829 zeigt die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm.
Nach dem Blatt im Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung: Die Lithographie von Hanfstaengel nach Radierung von Ludwig Emil Grimm aus dem Jahre 1829 zeigt die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm. Quelle: Quelle: Hanfstaengel
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Marburg

Was erzählten sich die Menschen in der Zeit vor dem Aufkommen der Massenmedien, um zu unterhalten und unterhalten zu werden? Es waren schaurige und heitere, traurige und böse Geschichten. Darin wurden Motive aufgegriffen und weitergetragen, die etwa in den Volksbüchern des Spätmittelalters und in der Chronikliteratur der frühen Neuzeit festgehalten waren, aber auch mündlich überliefert wurden.

Mit dem von Wilhelm Grimm entwickelten Märchenstil und von Otto Ubbelohde illustriert, mit einer engeren Definition der Sage wurden die Erzählgenres geformt, an denen sich alle späteren Sammlungen orientierten:

  • Das Märchen, das sich zum Träumen von einer besseren, gerechteren Welt eignet, das nicht Erfahrungswissen vermittelt, sondern die Fantasie anspricht und die Überwindung von Not und Elend, des Bösen und der Unterdrückung poetisch schildert.
  • Die Sage eignet sich dagegen oft zum Gruseln, sie soll scheinbar jene Dinge erklären, die den Leuten rätselhaft schienen – lange zurückliegende Ereignisse, historische Relikte wie Burgruinen oder Naturerscheinungen (wie "Die Nixe im Teich") wurden gedeutet, auf das Handeln von Rittern, Hexen oder des Teufels bezogen. Sagen sind daher oft an konkrete Örtlichkeiten geknüpft. Heute finden sich noch solche Stoffe, die Urban Legends, die mit Glaubwürdigkeitsanspruch als Zeitungssagen oder in sozialen Netzwerken kursieren.
  • Die Legende als Erzählung von Heiligen und vom Wirken Gottes; ähnlich der Sage konnten die Motive übertragen werden und finden sich in verschiedenen Heiligenriten – wie das Rosenwunder der hl. Elisabeth – wieder.
  • Der Schwank, in dem lustige Streiche, oft ausgeübt mit List, Witz oder auch Gewalt, der Unterhaltung dienten und zum Lachen anregten, nicht selten auf Kosten einzelner Berufe oder Minderheiten.

Im Marburger Erzählarchiv sind fast 100.000 Belege dieser Erzählgenres aus mündlicher Überlieferung enthalten.

Weitere Informationen

Unter den Sammlungen des Instituts für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität befindet sich als reichhaltiger alter Bestand das Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung. Darin wurden die handschriftlichen Sammlungen von Volkserzählungen, von Märchen, Sagen, Legenden, Anekdoten, Schwänke etc. zusammengeführt, die seit dem frühen 19. Jahrhundert entstanden waren. Angeregt durch die Kinder- und Hausmärchen und die Deutschen Sagen der Brüder Grimm, sind in fast allen europäischen Ländern populäre Erzählstoffe aufgezeichnet worden.

Darin spiegelt sich die breite, reichhaltige Fülle von Witz und Humor in der deutschsprachigen Schwanküberlieferung, die Widerständigkeit und Protestkultur aus dem deutschen Vormärz, die Verarbeitung von historischen Krisenerfahrungen wie der Teuerung in den Notjahren nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora 1815 oder der Hungerjahre vor der Revolution 1848, auch die Konstruktion von Vorurteilen wie der Judenfeindschaft der Emanzipationszeit, Wertungen und Disziplinierungsstrategien wie der vom guten und vom schlechten Mädchen in „Frau Holle“, die im Nationalsozialismus instrumentalisiert und rassistisch ausgedeutet werden konnten.

Große Sammlungen

Um die von den Brüdern Grimm angestoßenen, in Europa aufgenommenen Sammlungen in ihrer immensen Materialfülle dokumentieren und auswerten zu können, wurde auf dem Internationalen Erzählforscherkongress 1935 in Lund die Gründung nationaler Erzählarchive angeregt. Die Gründung des Zentralarchivs der deutschen Volkserzählung geht auf diese Anregung zurück, doch wird darin auch die zeitgenössische Einbindung in die Wissenschaftsorganisationen des „Dritten Reichs“ deutlich, die eine kritische institutionengeschichtliche Betrachtung voraussetzen.

Nicht nur in Marburg, wo die Brüder Grimm studierten und durch Clemens Brentano auf Märchen aufmerksam gemacht wurden, auch aus dem Marburger Land wurden ihnen 1817 durch Pfarrer Heinrich Christian Bang in Goßfelden Sagen zugetragen. Sammlergenerationen später sind hier Märchen, Sagen und Legenden aufgeschrieben worden.

Von Siegfried Becker

Zur Person

Siegfried Becker ist außerplanmäßiger Professor am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie, Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Er betreut die Sammlungen des Instituts, darunter das Zentralarchiv der deutschen Volkserzählung. Er ist Mitglied des Kuratoriums der Märchenstiftung Walter Kahn und der Jury des Nachwuchsförderpreises der Stiftung. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen zur Alltagskultur, zur Sozial- und Kulturgeschichte jüdischer Gemeinden, zur Regional- und Lokalgeschichte, zur Umweltforschung (Natur und Kultur) und zur Erzählforschung befinden sich Artikel in der Enzyklopädie des Märchens.

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