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Marburg Von Leugnern, „Ausredern“ und Abgelenkten
Marburg Von Leugnern, „Ausredern“ und Abgelenkten
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08:58 13.12.2020
Passanten gehen in der Universitätsstraße in Marburg über die Ampelkreuzung. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Doch viele Menschen schaffen es nicht immer so leicht, ihre Verhaltensweisen an die veränderten Umstände anzupassen. Welche Gründe es dafür gibt und welche Tipps es für ein gesellschaftliches Gegensteuern gibt, darüber sprach die OP mit dem Marburger Sozialpsychologie-Professor Ulrich Wagner. Er hat vor allem drei unterschiedliche Typen ausgemacht, die Probleme bei der Umsetzung der Abstands- und Hygieneregeln haben.

So nennt er als Erstes die Corona-Leugner. Sie leugnen die Krankheit und sehen den Sinn der Regeln nicht ein und verzichten deswegen unter anderem oft im Alltag auf den „Maskenschutz“. Der Anteil derjenigen, die bewusst gegen die Corona-Regeln arbeiten würden, sei jedoch vergleichsweise sehr gering. „Viele Bürger sind sehr verantwortungsvoll“, bilanziert der Psychologe.

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Experte fordert Aufklärung

Als Zweites nennt er die „Corona-Ausreder“. Das sind laut Wagner die Menschen, die prinzipiell durchaus bereit sind, die neuen Corona-Regeln mitzutragen

Allerdings seien sie zermürbt durch die teilweise monatelang gültigen Vorgaben in Ausnahmefällen dazu nicht mehr bereit. Eine ihrer Ausreden laute dann, dass es doch einmal möglich sein müsse, sich mit Freunden auf einen Glühwein zu treffen, Geburtstag zu feiern oder die Oma zu treffen. In die Kategorie Nummer drei fallen laut dem Sozialpsychologen die „Abgelenkten“, bei denen die Umsetzung der Regeln üblicherweise schon gut klappe. Doch im ganz normalen Alltag funktioniere es häufig nicht mehr so leicht, die neuen Verhaltensweisen zu praktizieren. Im „automatischen Modus“ fallen sie in alte, lang eingeübte Verhaltensgewohnheiten zurück und merken gar nicht mehr, dass sie den Mindestabstand von 1,5 Metern nicht mehr einhalten. Für Ablenkung könne beispielsweise bei einem Gang durch die Fußgängerzone oder auf einem belebten Bürgersteig bereits ein Handy-Anruf oder das Gespräch mit einem Begleiter sorgen, erläutert Wagner.

Vor allem im Fall der Corona-Leugner und der „Ausreder“ sei es wichtig, diese immer wieder auf die essentielle Bedeutung der Corona-Regeln für die eigene Gesundheit und die Gemeinschaft hinzuweisen, betont Ulrich Wagner. Dass Corona gefährlich sei, werde ja gerade aktuell durch den Rekord bei den Todeszahlen besonders deutlich. Es gehe deswegen darum, die Zusammenhänge zwischen dem eigenen Verhalten und der Gefährdung für die Gesellschaft noch deutlicher zu erklären, meint der Psychologe.

Wagner plädiert für verstärkte Aufklärungskampagnen mit allen modernen visuellen Methoden „auf allen Kanälen“ von den klassischen Medien bis hin zum Internet. „Auch wenn uns das langweilt, aber das Umlernen eingeübter Verhaltensweisen braucht praktische Wiederholungen“, sagt er. Eigentlich habe das schon in den vergangenen Monaten passieren müssen, aber es habe in dieser Hinsicht Versäumnisse gegeben, kritisiert Wagner. Auch auf die Bedeutung von Vorbildern für die richtigen Verhaltensweisen weist er eindringlich hin.

Aber wie kann man sich ganz praktisch verhalten, wenn etwas im Alltag schiefläuft, wollte die OP von dem Psychologen für zwei Szenarios wissen: Szenario eins (das Glühwein-Szenario) beschreibt eine Szene, wie sie beispielsweise am Wochenende oder an den Abenden im Advent in Marburg in der Fußgängerzone des Öfteren zu beobachten war: Gruppen von Menschen treffen sich und trinken im Umfeld von Restaurants, Kneipen oder Buden gemeinsam Glühwein. Dabei fallen logischerweise die Masken und nach dem Motto „Hoch die Tassen“ prosten sich die Glühwein-Trinker zu. Spätestens nach dem zweiten Glühwein kann es dann auch mit dem Mindestabstand problematisch werden. Wie kann oder sollte man sich als Beobachter der Szenerie verhalten? „Wenn es kleinere Gruppen sind, dann würde ich sie auf die Einhaltung der Regeln aufmerksam machen“, meint Wagner. Wenn es so wie am vergangenen Samstag in der Marburger Fußgängerzone zu größeren Ansammlungen komme, dann müsse man wohl schon den Vertretern der Ordnungsbehörde Bescheid geben. „Wir wollten eigentlich nicht Denunziationen. Aber es gibt schon eine gemeinsame Verantwortung aller für alle“, sagt Wagner.

Wenn sich zwei, drei Leute unter Einhaltung der Abstandsregeln gemeinsam zum Glühweintrinken träfen, dann sei das zwar schon noch ok. Allerdings sei es in der derzeitigen kritischen Pandemie-Lage eben besonders wichtig, die Regeln streng umzusetzen. Und wenn die Ordnungsbehörden auch wegen der fehlenden personellen Ausstattung nicht einschreiten könnten, dann müssten die Regeln strenger werden und das Land Hessen müsse auch rechtsfeste Verbote schaffen, die dann möglicherweise auch den Verkauf von Glühwein generell verbieten.

Szenario zwei: Schüler gehen auf dem Nachhauseweg von der Schule häufig in großen Gruppen zusammen und achten dabei oft nicht auf die Mindestabstände. Welche Reaktion empfiehlt der Sozialpsychologe Passanten, die ein solches Verhalten beobachten, in diesem Fall?

„Zunächst einmal ausweichen. Hier kommt es doch nicht mehr darauf an, wer Recht hat. Auch ein zusätzlicher Hinweis an die Schüler über ihr falsches Verhalten ist sinnvoll“, sagt Wagner. Er bezeichnet das Beispiel der Schülergruppen als einen der Prototypen für das Phänomen der Abgelenktheit. „Sie verhalten sich so wie vor einem Jahr und laufen in Gruppen durch die Gegend“, erläutert der Psychologe.

Dieses automatisierte Verhalten zu stoppen, sei eine Herausforderung. Videoclips mit ganz konkreten Beispielen dafür, was wieso nicht geht, könnten aber wichtige Hilfsmittel beim Gegensteuern darstellen, meint er.

Von Manfred Hitzeroth

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