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Marburg Von Behring zu Biontech
Marburg Von Behring zu Biontech
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08:00 08.04.2021
Emil von Behring (rechts) beobachtet Mitarbeiter der Behring-Werke im Jahr 1914 bei der Immunisierung eines Serumpferdes.
Emil von Behring (rechts) beobachtet Mitarbeiter der Behring-Werke im Jahr 1914 bei der Immunisierung eines Serumpferdes. Quelle: Behring-Archiv Marburg
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Marburg

Vor 147 Jahren, am 8. April 1874, trat das Reichsimpfgesetz in Kraft. Dadurch wurden alle Deutschen verpflichtet, ihre Kinder im Alter von einem Jahr und von zwölf Jahren (Wiederholungsimpfung) gegen die Pocken impfen zu lassen. Diese Impfung war eine staatliche Leistung, auch nach Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung 1883. In der Bundesrepublik waren nach dem zweiten Weltkrieg die Bundesländer für Impfungen verantwortlich.

In einem Artikel über die Anfänge der Schutzimpfung in Gießen beschrieb die Marburger Medizinhistorikerin Professorin Irmtraut Sahmland, wie dramatisch die Pocken-Krankheit Anfang des 19. Jahrhunderts im mittelhessischen Raum wütete. Und so ähnlich muss es wohl in Marburg gewesen sein.

An den Pocken (oder Blattern) seien alleine in der 6000 Einwohner zählenden Stadt Gießen im zweiten Halbjahr des Jahres 1800 insgesamt 222 Menschen erkrankt, wovon 76 gestorben seien. „Nie hat wohl ein Übel fürchterlicher gewütet, nie sind seit langer zeit einer Krankheit mehrere Opfer gefallen, als der dieses Jahr herrschenden furchtbaren Blatter-Epidemie. Sie raffte in manchen Gegenden eine unbeschreibliche Menge Kinder hinweg. Alle ärztliche Hülfe war umsonst“: So zitiert Sahmland einen zeitgenössischen Bericht über die Folgen der als Kinderkrankheit geltenden Erkrankung im Raum Gießen.

Schon für diese Zeit lassen sich die ersten Bemühungen um die Einführung der Pocken-Impfung nach dem Vorbild des britischen Arztes Edward Jenner nachweisen. Bei der „Kuhpockenimpfung“ wurden wurden die Kinder mit den für Menschen harmlosen Kuhpocken geimpft und so vor Menschenpocken geschützt. Zwei Gießener Ärzte kümmerten sich um die praktische Übertragung der Erkenntnisse auf Mittelhessen, trotz der Sorge der Bürgerschaft, durch derartige Experimente könnte ihr Viehbestand von den Kuhpocken bedroht werden. Nach einem Veto der medizinischen Fakultät der Universität Gießen wurden die Experimente zeitweise im Marburger Tierarzneiinstitut fortgesetzt. Und bald ging es sehr schnell: Bereits im Frühjahr 1801 erhielten im Gießener Raum mehr als 2000 Menschen jeden Alters eine Kuhpockenimpfung.

Die Karriere Marburgs als Impfstadt nahm aber erst mehr als 90 Jahre später richtig Fahrt auf, als der Arzt und Immunologe Emil von Behring (1854 -1917) auf den Lehrstuhl für Hygiene an der Universität Marburg berufen wurde. Und wieder spielten Tiere am Beginn der Impfstoff-Produktion „made in Marburg“ eine wichtige Rolle, in diesem Fall waren es Pferde. „Mit Impfstoffen aus dem Pferdestall wurden Heilseren, und es begann die Produktion des Diphtherie-Heilserums und des Tetanusserums in der beschaulichen Universitätsstadt Marburg“, schreibt die Marburger Medizinhistorikerin Dr. Ulrike Enke in einem historischen Rückblick auf Emil von Behring und die ersten Jahre der Behringwerke. „Die Produzenten des wertvollen Serums waren Pferde, der Produktionsort war der Pferdestall“, schreibt Enke.

„Mit Behrings Entwicklung einer Blutserum-Therapie gegen die Kinderkrankheit Diphtherie sei der Grundstein für ein pharmazeutisches Unternehmen gelegt worden, das über viele Jahrzehnte auch seinen Namen trug, rekapituliert die Forscherin. Nachdem Behring gemeinsam mit dem japanischen Bakteriologen Shibasaburo Kitasato ein Heilmittel gegen Diphtherie und gegen Tetanus entwickelt hatte, wurde er dafür auch 1901 mit dem erstmals vergebenen Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. Schon 1895 hatte er Immobilien und Grundstücke erworben, in denen er die Heilseren produzieren ließ. Das Nobelpreis-Geld trug mit dazu bei, dass sich die Behringwerke vergrößern konnten. Nach 1910 entwickelte Behring eine auf dem Prinzip der aktiven Immunisierung beruhenden Schutzimpfung gegen die Diphtherie.

Die Impfstoff-Produktionsstätte im Marburger Stadtteil Marbach hat bis heute die Adresse Emil-von-Behring-Straße 76, und ein stattliches Bronzepferd an der Eingangspforte erinnert an die ersten Serumproduzenten, wie Enke erläutert.

Firmengründer Behring starb im Jahr 1917 in seinem Haus in Marburg an den Folgen einer Lungenentzündung.

Von Manfred Hitzeroth

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