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Marburg Literaturdidaktik ist für Fabian Wolbring eine Herzensangelegenheit
Marburg Literaturdidaktik ist für Fabian Wolbring eine Herzensangelegenheit
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19:00 29.05.2021
Professor Fabian Wolbring.
Professor Fabian Wolbring. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Die schnoddrige Schnauze des Ruhrgebiets kombiniert mit einer Prise Hamburger Coolness: Das war Mitte der Nullerjahre das Markenzeichen der Rap-Combo „Preu“, die es in Essen und Umgebung bis zu regionaler Berühmtheit schaffte. Mit dem Album „Platsch“ gab es auch eine CD-Veröffentlichung. Mittendrin war der heute 38-jährige Fabian Wolbring, der einen Großteil der Texte verfasste und auch selber rappte. „Spielerischer und reimlastiger Pop, verbunden mit Konsumkritik und Globalisierungskritik“, so benennt er im Gespräch mit der OP im Nachhinein die Band-Philosophie. Dabei hätten die Essener Rapper immer versucht, auf das belehrende Element und den erhobenen Zeigefinger zu verzichten.

Mehr als zehn Jahre nach seiner aktiven Rapper-Karriere hat Fabian Wolbring längst eine akademische Karriere hingelegt, und ist nach dem abgeschlossenen Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität Duisburg-Essen sowie Zwischenstationen in Bonn, Siegen und Essen mittlerweile seit dem Sommersemester 2020 Professor für Neuere Deutsche Literatur und Literaturdidaktik an der Uni Marburg.

Ein „Kind des Ruhrgebiets“

Mit seiner 2014 abgeschlossenen Dissertation „Die Poetik des deutschsprachigen Rap“ schloss er eine Forschungslücke in der deutschen Literaturwissenschaft. Im Mittelpunkt standen bei der Analyse der Rap-Reime die Gestaltungsprinzipien in Reim- und Rhythmusbindung sowie Stimmnutzung, Themenwahl und Sprechverhalten. Ausdrücklich betont Wolbring im Gespräch mit der OP, dass er seine wissenschaftliche Arbeit nicht aus der Fanperspektive verfasste, sondern dass er aufgrund seiner Bandvergangenheit auch die Position des Machers mit einbrachte.

Dabei gefielen dem „Kind des Ruhrgebiets“, wie er sich selber bezeichnet, schon in der Grundschule die „Fantastischen Vier“, die Rap als erste in Deutschland hoffähig machten. „Flotte Sprüche klopfen und Coolness“: Diese mit dem Deutschrap verbundenen Attribute hätten in den zurückliegenden Jahren vielen Jungs aus der weißen Mittelschicht in Deutschland an dem Musikgenre begeistert, betont Wolbring. In seiner Dissertation sei es ihm aber nicht darum gegangen, den Deutschrap auf ein Podest zu stellen und gewissermaßen zu nobilitieren.

Mehr interessierte den Literaturdidaktiker daran unter anderem die ganz praktische Ausbildung der Sprachfertigkeit bei den jugendlichen Reimschmieden. „Eine ganze Generation von Jungs hat mit Deutsch-Rap gelernt, Gedichte zu verfassen“, betont Wolbring. Die Sprache als ästhetisches Material kennenzulernen: Auch dazu habe Rap in Deutschland beigetragen.

Dabei ist auch dem Marburger Professor klar, dass Deutsch-Rap auch polarisieren kann, wenn es beispielsweise um gewaltverherrlichende Texte im Gangsta-Rap geht. Prinzipiell plädiert er aber auch wegen der immer größeren Ausdifferenzierung der Szene für eine Einzelfallbetrachtung und gegen pauschale Beurteilungen.

In seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung geht es ihm weniger um moralische Beurteilungen als vielmehr auch um eine Betrachtung der Rap-Reime als Lyrik und somit um eine Text-Analyse nach allen Regeln der literaturwissenschaftlichen Kunst.

Ganz praktisch hat Fabian Wolbring das auch schon als Lehrer im Schulunterricht durchexerziert. „Dabei sollte es nicht um Anbiederung gehen“, meint der Wissenschaftler. Falsch sei die pädagogische Herangehensweise dann, wenn man Bushido mit Goethe gleichsetze. Sein Ansatz sei es nicht, im Literaturunterricht unbedingt die Hochwertigkeit der Rap-Zeilen zu zeigen. Der Einsatz von Pop-Kultur im Unterricht solle aber auch nicht die Lebenswirklichkeit der Schüler doppeln. Stattdessen empfiehlt er Lehrern, bei „Rap“-Unterrichtseinheiten auch die Energie aus der Gruppe mitzunehmen. Zudem könne man im Schulunterricht auch dazu beitragen, den Schülern neue Welten in den ihnen eigentlich vertrauten Texten erschließen, meint der Literaturwissenschaftler. So könne beispielsweise gleichermaßen die Bedrohlichkeit in der klassischen Ballade und in Rap-Texten zum Thema werden.

Alleine der „Rap-Onkel“ will Wolbring längst nicht mehr sein, auch wenn ihm das Thema immer noch am Herzen liegt und er vielleicht sogar wieder einmal auf der Bühne stehen könnte. Und so beschäftigt sich der Familienvater von drei Töchtern im Alter von zwei, sechs und zehn Jahren derzeit beispielsweise auch mit einer Analyse der Bedeutung von Pferden für Mädchen in den „Bibi und Tina“- Filmen.

Sein universitäres Fachgebiet liegt an der Schnittstelle zwischen Fachwissenschaft und Didaktik. Und so sieht er seine Aufgabe jetzt vor allem darin, angehende Deutschlehrer auf die Schul-Wirklichkeit vorzubereiten und ihnen möglichst viel Rüstzeug auf dem Weg zur Vermittlung von Medienreflexionskompetenz mitzugeben.

An der Universität will der neue Professor in der Nach-Corona-Ära auch Seminare zum Thema „Kreatives Schreiben“ anbieten. Und schon für diesen Sommer plant er einen Workshop zum Thema „Widerständiges Lesen“, in dem der Prozess der Informationsaufnahme beim Lesen im Mittelpunkt steht. „Was uns fehlt, ist die Ruhe für das gründliche, langsame Lesen“, hat Fabian Wolbring jedenfalls in den vergangenen Jahren beobachtet.

Von Manfred Hitzeroth

29.05.2021
29.05.2021