Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Vom Opfer zur Mutmacherin
Marburg Vom Opfer zur Mutmacherin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 14.11.2021
Fotograf Michael Kampmann fotografiert die Teilnehmerinnen des Projektes „Wir sind alle schön“, das Luisa Holzapfel (links) ins Leben gerufen hat
Fotograf Michael Kampmann fotografiert die Teilnehmerinnen des Projektes „Wir sind alle schön“, das Luisa Holzapfel (links) ins Leben gerufen hat. Quelle: .
Anzeige
Marburg

Dieser englische Ausdruck beschreibt die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Körpers. „Es fing schon im Kindergarten an und wurde über die Jahre immer schlimmer. Später auf social media wurden die Beleidigungen besonders extrem“, erinnert sich die heute 21-Jährige an den Hass und die Hetze, denen sie ausgesetzt war.

Mit diesen Erfahrungen ist die junge Frau aus Wetter nicht allein. Laut einer Studie haben schon 25 Prozent der Deutschen die Erfahrung von „Bodyshaming“ gemacht, wurden also aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes beleidigt. Besonders häufig trifft es Frauen. So wie Michelle Schrand. Die 26-jährige Marburgerin hat jahrelang Demütigungen ertragen müssen. „Mir wurde immer gesagt, ich soll abnehmen. Das hat etwas mit mir gemacht. Eigentlich bin ich ein sehr aufgeschlossener Mensch, aber das hat meinen Umgang mit Menschen verändert“, erzählt die Marburger Studentin.

Michelle ist kein Einzelfall. Betroffene, die Opfer von Bodyshaming geworden sind, leiden Untersuchungen zufolge häufig unter Selbstzweifeln und einem geringen Selbstwertgefühl. Durch die ständigen Angriffe und die permanente Kritik an ihrem Aussehen ist ihre Lebensqualität eingeschränkt und es kann zu psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen kommen. Auch Sarah Olberg war jahrelang Opfer von Gewalt – und das nicht nur von verbaler. „Es ging sogar so weit, dass die Jungs mich rumgeschubst haben. Ich hatte dann auch eine Phase, in der ich mich selbst verletzt habe, weil mich niemand so akzeptiert hat, wie ich war“, erzählt die 34-Jährige ganz offen.

Projekt „Wir sind alle schön“

Heute sind die drei jungen Frauen stark und selbstbewusst. Und das zeigen sie auch – bei dem Projekt „Wir sind alle schön“, das Luisa Holzapfel ins Leben gerufen hat. „Ich habe selbst so lange unter Diskriminierungen gelitten, dass ich schauen wollte, wie kann ich andere Frauen unterstützen und sie ermutigen“, erklärt die junge Frau aus Wetter. Über social media fand sie viele Frauen, die ähnliche grausame Erfahrungen gemacht haben wie sie und die ein Statement setzen wollen: nämlich dass alle Frauen schön sind. Egal ob sie dick sind, dünn sind, Narben haben oder blaue Haare.

Im Bürgerhaus in Burgholz fand vor kurzem ihr gemeinsamer Kampf gegen die „Körperscham“ statt – in Form eines ganz besonderes Fotoshootings: Fotograf Michael Kampmann setzte die Teilnehmerinnen gekonnt in Szene. Dabei trugen die Frauen auch Outfits, „von denen uns die Gesellschaft sagen würde, dass wir sie nicht tragen sollten“, wie Luisa es formuliert. Denn auch gegen das sogenannte „Slutshaming“ (Englisch für Schlampen beschämen) sollte ein Zeichen gesetzt werden.

Slutshaming greift Frauen für ihr sexuelles Verhalten, Gebaren oder ihre Kleidungsweise an oder redet ihnen hierfür Schamgefühle ein. Die Botschaft der Teilnehmerinnen des Projektes ist deutlich: „Jeder Mensch hat wunderschöne Seiten und sollte das tragen dürfen, in dem er sich wohl fühlt. Egal ob man mit 100 Kilo eine Shorts trägt oder als sehr dünner Mensch Schlabberklamotten anhat“, betont Sarah aus Burgholz.

Die Ergebnisse des Fotoshootings wurden auf der Instagramseite „project.wsas“ veröffentlicht. Dort zeigen die Frauen, wie schön und stark sie sind – und sie teilen ihre Leidensgeschichten. Sie brechen aus ihrer Opferrolle aus und machen anderen Frauen Mut. Sie zeigen, wie wichtig es ist, immer an sich selbst zu glauben – und vor allem sich selbst zu lieben.

Von Nadine Weigel

standpunkt

Echte Schönheit kommt von innen

Bodyshaming gab’s schon immer. Glücklich möge sich der schätzen, dem auf dem Schulhof nicht „dicke Sau“ hinterhergerufen wurde. Wer nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, wird schnell als Opfer ausgesucht und beleidigt.

Fernsehen, Werbung und soziale Netzwerke verstärken dieses idealisierte Bild des perfekten Körpers noch einmal. Mit dramatischen Folgen. Nur wenige können diesem Druck standhalten, ohne Schaden an der Seele zu erleiden. Viele junge Menschen werden in die Magersucht getrieben, verletzen sich selbst oder versuchen gar, sich das Leben zu nehmen.

Bodyshaming trifft aber nicht nur Menschen, die etwas mehr auf den Rippen haben. Zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß – schlechte Menschen finden immer einen Grund, andere zu beleidigen. Um so wichtiger ist es, dass es Frauen wie Luisa, Sarah und Michelle gibt. Sie haben sich aus der Opferrolle befreit und zeigen, dass jeder Mensch auf seine Weise schön ist. Sie machen Mut und beweisen, dass echte Schönheit von innen kommt. Das ist die einzige Schönheit, die zählt. Es ist die Schönheit, die beleidigende Menschen, mögen sie auch noch so perfekt sein, nie erlangen können.

Von Nadine Weigel