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Marburg Vom Lesbos-Chaos in die Corona-Krise
Marburg Vom Lesbos-Chaos in die Corona-Krise
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14:58 20.03.2020
Eine Migrantin hält ein Baby an der Küste der griechischen Insel Lesbos auf dem Arm, nachdem sie mit einem Schlauchboot angekommen ist. Quelle: Foto: Alexandros Michailidis/AP/dpa
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Marburg

„Absolut außer Kontrolle“ – so beschreibt Kimberly Landfried im OP-Gespräch die Situation auf der griechischen Insel Lesbos, rund um das Flüchtlingslager Camp Moria. Die 22-jährige Marburgerin ist jetzt, nach nur rund zwei Wochen statt wie geplant mehrerer Monate nach Deutschland zurückgekehrt. Die Hoffnung, nach der Mitarbeit an einem Sportprojekt für Flüchtlinge vor allem mit schönen Erlebnissen und einem positiven Gefühl heimzukommen, hat sich weitgehend zerschlagen. „Dunkle Zeiten, ein grausamer Alltag stehen im Camp bevor“, sagt die Sportstudentin.

Das Coronavirus, auf das im Camp trotz Krankheitssymptomen gar nicht erst getestet werde, verschlimmere die ohnehin schon „brutale und beängstigende“ Situation für die dort lebenden mehr als 20 000 Flüchtlinge. „Es herrscht Panik.“ Denn bis auf einige Mediziner dürfe kein freiwilliger Helfer mehr im Camp – in dem es während Landfrieds Insel-Anwesenheit gebrannt hat und ein kleines Kind starb – arbeiten. Und somit gebe es kaum fachliche Hilfe, nicht mal Aufklärung. Und dass Flüchtlinge schon im Normalfall rund drei Stunden für Händewaschen mit sauberem Wasser anstehen müssten, verschärfe nicht nur die Infektionsgefahr, sondern heize auch das Konfliktpotenzial weiter an.

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Die Szenen im Camp, die Stimmung auf der Insel, das Elend auf Seiten der Flüchtlinge und der Zorn auf Seiten der Inselbewohner, sowieso der Hass der rechten Mobs hätten sie „emotional sehr mitgenommen“. Sie habe sich „super gelähmt“ gefühlt und sagt selbst, dass sie „vielleicht zu naiv“ an den Hilfseinsatz gegangen sei.

Sie habe – den eskalierenden Konflikt außen vor gelassen – nicht damit gerechnet, dass die Flüchtlinge „faktisch alleingelassen, sich selbst überlassen“ würden, dass es staatlicherseits weder griechische noch europäische Unterstützung gebe. Dass im Gegenteil Freude über jeden Menschen herrsche, der auf „welche Art und Weise auch immer verschwindet“. So berichtet Landfried von einer 450-köpfigen Gruppe, die eines Morgens „plötzlich einfach nicht mehr da war“. Schicksal: unklar. Ein Toter mehr sei ein Flüchtling weniger – „diese perfide, zynische Denkweise herrscht vor“.

Kaum war Landfried Anfang März angekommen, fand sie sich mitten in einer aufgeladenen Stimmung wieder: Mit Streiks und Protesten wollen die Einwohner der griechischen Inseln – neben Lesbos auch auf Chios – den Bau neuer Flüchtlingslager verhindern und fordern eine Verlegung der etwa 42 000 auf beiden Inseln lebenden Flüchtlinge auf das Festland – die Camps sind ohnehin nur für maximal 8 000 Menschen ausgelegt. Dabei kam es zu schweren Auseinandersetzungen, neben Landfried berichteten auch andere von Hetzjagden rechter Mobs auf Flüchtlinge, Helfer und Journalisten. „Menschen mit Schlagstöcken laufen durch die Straßen“, sagte sie in ihrem Augenzeugenbericht.

Positives in Erinnerung

Eigentlich wollte sie schon vor Tagen, vor dem Camp-Brand heimfliegen, harrte aber noch einige Tage für die Projektarbeit aus. Zu groß war das Bedürfnis der Flüchtlinge nach einem sicheren Platz; sei es nur für Zumba oder Yoga mit Landfried. Sie selbst fühle sich angesichts ihrer Rückkehr ins sichere und wohlstandsverwöhnte Deutschland „unwohl“, weil sie hautnah erlebte, „wie unfair es gar nicht so weit weg“ zugehe. Für sie habe sich der Horizont erweitert: Existenzängste von Deutschen wegen Corona? Auf Lesbos gehe es für Tausende ums nackte Überleben. „Es sollte klar sein, wer wirklich Stress, Probleme und Not hat.“

Doch trotz allen Chaos-Erlebnissen bleiben der Marburgerin, die je nach Lage im Spätsommer für das Programm „Yoga and sport for refugees“ erneut auf Lesbos helfen will, Positives in Erinnerung. So erinnert sich die Studentin an das Vertrauen einer 15-Jährigen, die ihr nach dem Zumba-Tanzen von der Flucht über das Mittelmeer, vom Alltag im Camp, von überfüllten Zelten, Hunger, Gewalt und Langeweile erzählte – „durchgefroren, ausgemergelt, einfach fertig“ sei das Mädchen gewesen. „Ich habe von Menschen, die teils seit Monaten oder gar Jahren dort leben müssen und die trotz allem Elend zuversichtlich und hoffnungsvoll sind, viel Wärme und Kraft mitgenommen. Der unerschütterliche Glaube an Besserung ist beeindruckend.“

Von Björn Wisker

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