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Marburg Vom Bräuche-Zelebrieren bis zum Bräuche-Konsumieren
Marburg Vom Bräuche-Zelebrieren bis zum Bräuche-Konsumieren
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09:00 03.12.2021
Die Wichtel feiern seit einigen Jahren als weihnachtliche Deko-Figuren ein Mega-Comeback. Ihre sagenhaften Vorfahren lassen sich allerdings nicht blicken – jedenfalls noch nicht.
Die Wichtel feiern seit einigen Jahren als weihnachtliche Deko-Figuren ein Mega-Comeback. Ihre sagenhaften Vorfahren lassen sich allerdings nicht blicken – jedenfalls noch nicht. Quelle: Foto: Götz Schaub
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Vergessen, verloren, überholt, abgeschafft, krass verändert. Es gibt viele Gründe für das Verschwinden von Bräuchen, auch zur Weihnachtszeit. Einfaches Beispiel: wo keine Spinnstuben mehr, da auch kein Abspinnen mehr in der längsten Nacht des Jahres, zwei Tage vor Heiligabend. Für die Menschen in jenen Tagen mag es ein willkommenes Ritual gewesen sein, sich eine bewusste Pause von der Arbeit bis zum 6. Januar zu gönnen. Nun, die Bedeutung des 6. Januar hat sich über Jahrhunderte gehalten, so hat es der Tag der Heiligen Drei Könige in einigen Ländern sogar zum gesetzlichen Feiertag gebracht. Nicht selten hört man auch hierzulande den Vorsatz, dass der Weihnachtsbaum in all seiner Pracht bis zum 6. Januar einschließlich stehen bleibt und erst dann abgeschmückt und entsorgt wird.

Das Abspinnen bedeutete allerdings nicht, dass man arbeitsfrei hatte. Es gab ja noch anderes zu tun. Wer Ackerflächen bewirtschaftete, wurde gerade zur Christnacht noch einmal besonders fleißig und brachte Saatgut aus. Die fleißigen Menschen glaubten oder hofften zumindest, dass die zu dieser Zeit ausgebrachte „Christ Rogge“ unter einem besonders guten Stern stehen und eine gute Ernte sichern würde.

Gefürchtete „Raunächte“

Bevor es zur Bescherung kam, trugen Kinder oft auswendig gelernte Gedichte vor oder spielten Weihnachtslieder auf der Flöte. In vielen Familien war es Brauch, zusammen zu musizieren. Das ließ nun in den letzten 20 Jahren auch stark nach, weil insbesondere die Vertreter der beiden jüngeren Generationen immer seltener ein Musikinstrument spielen können und darüber hinaus überhaupt nicht textsicher bei klassischen Weihnachtsliedern sind – und mit „klassisch“ ist in diesem Fall nicht „Last Christmas“ gemeint!

Völlig verschwunden sind im aufgeklärten 21. Jahrhundert die Bräuche, die mit Aberglauben zu tun hatten. So waren „früher“ die zwölf Raunächte gefürchtet, die zwei Tage vor der Wintersonnenwende, also am 20. Dezember, begannen und bis zum 2. Januar ihre Kraft entfalteten. Heute schreit keiner mehr, wenn die Waschmaschine in dieser Zeit über Nacht ihre Arbeit verrichtet. In anderen Zeiten fürchtete man großes Unglück für Haus, Hof und Tiere, wenn zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen gewaschen wurde. Nun, vielleicht war das auch nur ein schlauer Trick der Hausfrau, wenigstens einmal für eine gewisse Zeit diese Arbeit ruhen lassen zu können.

Na ja, wenn man schon nichts mehr Sauberes zum Anziehen hatte, musste man sich wohl auch nicht mehr körperlich pflegen, wenn man es vor Weihnachten versäumt hatte. Zwischen den genannten Tagen durften jedenfalls keine Haare gewaschen und keine Fingernägel geschnitten werden, sonst wurde man im neuen Jahr von Krankheiten und Kopfschmerzen geplagt.

Ganz weit zurück liegt wohl der Glaube an die Weihnachtswichtel, die ähnlich wie die Heinzelmännchen nachts kamen und den Menschen Arbeit abnahmen, aber dann für immer verschwanden, weil neugierige Menschen ihnen fiese Fallen stellten, nur um sie zu sehen. Nichts desto weniger feiern aber gerade diese Wichtel seit einigen Jahren als weihnachtliche Dekorationsfiguren ein Mega-Comeback in den Wohnzimmern. Eine zu schöne Vorstellung, dass die nachts lebendig werden und alles wieder schön herrichten, wie sie es ganz sicher (!) in alten Zeiten getan haben.

Abenteuer und Adventstee

Bräuche veränderten sich auch. Sie wurden mit der Zeit weniger aktiv betrieben, sondern einfach konsumiert: Bestes Beispiel ist der Siegeszug des Fernsehens. Alle Kinder der 60er- und 70er-Jahre freuten sich auf die Advents-Vierteiler im ZDF – großes Abenteuer vor dem Adventstee. Wer erinnert sich nicht gerne an „Die Schatzinsel“, David Balfour“, „Zwei Jahre Ferien“, „Der Seewolf“, „Michael Strogoff“ und natürlich die „Lederstrumpf-Erzählungen“? Und die Jüngeren unter uns werden mit dem Weihnachts-Evergreen „Weihnachtsmann & Co. KG“ groß. Die Zeichentrickserie wurde 1997 erstmals gezeigt und gehört seit 2002 ununterbrochen zum Vorweihnachtsprogramm.

Lieder werden übrigens immer weniger selbst gesungen, sondern nur noch gehört. Die Rock- und Pop-Lieder mehr denn je. Aber mal Hand aufs Herz, was berührt einen in der Adventszeit mehr: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ mit Posaunenchor-Begleitung oder tatsächlich „Last Christmas“?

Von Götz Schaub

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