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Marburg Glücklich, trotz Heimweh
Marburg Glücklich, trotz Heimweh
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08:00 09.09.2019
Sie sind ein eingespieltes Team: die besten Freundinnen Kim-Elisa Weber (links) und Apo Mirielle Herfert leiten die Station 322 am Universitätsklinikum in Marburg. Quelle: Katja Peters
Marburg

Apo Mirielle Herfert steckt alle mit ihrem Lachen an. Auf der Station 322 am Universitätsklinikum Gießen-Marburg ist sie stellvertretende Leitung. Die Patienten dort haben Krebs, bekommen Chemotherapie. Sie sind oft traurig, verzweifelt, ­haben Ängste. Das weiß Apo Mirielle Herfert. „Wenn ich ihnen dann ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann, dann ist es das schönste Gefühl“, sagt die 35-jährige Marburgerin.
Sie spricht schnell, mit französischem Akzent, und sie sprüht vor Lebensfreude. „Ich lache sehr gerne, auch wenn mein Leben nicht so rosig ist“, wird sie dann doch etwas nachdenklich. „Aber ich lasse meine Probleme zuhause, in einer Tasse verschlossen, und nehme sie nicht mit, hier auf die Arbeit.“ Denn hier will sie den Menschen Mut machen, Mut zum Kämpfen, Mut auf das Leben.

Ihr erster Eindruck? "Wow!"

Apo Mirielle Herfert wurde im Südwesten von Afrika, der Elfen­beinküste, geboren. Ihr Vater ist Deutschlehrer, ihre Mutter Verkäuferin. Sie hat noch eine jüngere Schwester. Schon als Kind hat sie die deutsche Sprache fasziniert. „Immer wenn Papa auf deutsch gesprochen hat, dann klebte ich an seinen Lippen“, erinnert sie sich. Über die Faszination der Sprache entwickelte sich die Liebe zum Land. Sie studierte Germanistik, verschlang deutsche Literatur. Irgendwann las sie eine Anzeige, dass Au-Pair-Mädchen für Deutschland gesucht wurden.

„Ich redete mit meiner Familie über meinen Traum. Meine Eltern kratzten alle Ersparnisse zusammen, verschuldeten sich, damit ich den Flug bezahlen konnte“, erinnert sich Apo Mirielle Herfert. Damals war sie 24 Jahre alt und landete im Juli 2008 in Frankfurt am Flughafen. Ihr erster Eindruck? „Wow!“ Aber dann holte sie die Realität gleich ein – ihr Koffer war weg. „Läuft gut bei mir, habe ich damals gedacht“, erzählt sie heute lachend.Ein Jahr lang hütete sie die fünf Kinder der ­Familie, verbesserte ihr

Deutsch in einem Sprachkurs. „Ich hatte so großes Heimweh, aber auf der anderen Seite wollte ich in Deutschland bleiben, habe mich hier wohl gefühlt“, berichtet sie von ihrer inneren Zerrissenheit, die sie bis heute begleitet. In Marburg beginnt sie ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Kirchengemeinde St. Peter und Paul. Ihren Traum, einmal Medizin zu studieren, hatte sie schon aufgegeben, nicht aber ihren Wunsch, Menschen zu helfen. Aufgrund des damaligen Stellenmangels beginnt sie eine einjährige Ausbildung zur Krankenpflegehelferin. Schließt diese ab und bekommt dann doch einen Ausbildungsplatz zur Kranken- und Gesundheitspflegerin am Universitätsklinikum.

"Ich bin eine Kämpferin"

„Nochmal drei Jahre lernen. Das war wirklich hart. Aber ich bin so froh, dass ich nicht aufgegeben habe“, sagt Apo Miri­elle Herfert. Schon während der Ausbildung kommt sie auf „ihre“ Station, die 322. „Es hat ­sofort gefunkt“, sagt sie und ­ihre dunklen Augen fangen an zu leuchten. Auch, wenn sie von ihrer kleinen Familie spricht, von ihrem Mann, ihrer Tochter. „Sie geben mir Kraft.“

Als examinierte Krankenschwester und frisch verheiratet stellt sie 2012 den Antrag für die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich liebe mein Deutschland. Ich bin angekommen, wo ich immer hinwollte“, sagt die Frau mit bunten Rasta-Zöpfen. Am UKGM gab es einen unbefristeten Arbeitsvertrag, sie lässt sich in der Palliativmedizin weiterbilden, ist mittlerweile stellvertretende Stationsleitung. „Ich mag Herausforderungen, bin eine Kämpferin“, hat sie in den Jahren festgestellt.

Mit ihrer Familie von der ­Elfenbeinküste telefoniert sie ­regelmäßig, am meisten mit ­ihrer Schwester. Als Apo Miri­elle Herfert im vergangenen Jahr mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter drei Wochen zu Besuch waren, flossen viele Tränen. „Das war das erste Mal nach zehn Jahren, dass ich sie alle wieder gesehen habe“, erzählt sie. Sie genießt die Zeit an der afrikanischen Westküste, spürt, dass ihre Eltern stolz auf ihre Tochter sind. „Aber als wir in Frankfurt wieder aus dem Flieger gestiegen sind, dann fühlte sich das wie ‚Zuhause‘ an.“

Das möchte sie ihren Eltern gerne zeigen. „Ich habe so viele Ideen, wo ich mit ihnen hinfahren will. Aber das einzige kleine Wort, was mich ausbremst, ist Geld“, sagt sie achselzuckend. Aber wer die Afrikanerin kennt, der weiß, dass sie weiter kämpfen wird und eines Tages ihre ­Eltern zuhause begrüßen wird.

von Katja Peters