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Marburg Vom Analphabeten zum Autoren
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09:50 29.03.2020
Rostam Nazari. Quelle: Katja Peters
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Marburg

„Ich werde eines Tages sagen, es war nicht einfach, aber ich habe es geschafft.“ Das ist der letzte Satz im ersten Buch von Rostam Nazari. Er hat es mit 17 Jahren geschrieben, zwei Jahre nach seiner Flucht nach Deutschland. Heute ist er zwanzig Jahre alt, hat mit Hilfe der Start-Stiftung einen bestandenen Hauptschulabschluss in der Tasche und will bald seine Elektrikerlehre beenden.

Rostam Nazari ist in Afghanistan geboren und im Iran aufgewachsen. Seine Familie ist dorthin geflohen, als er sieben Jahre alt war. Es hatte über Jahre Konflikte wegen Ländereien mit den Nachbarn gegeben. Als diese die Taliban einschalteten, blieb der Familie nur ein Ausweg, die Flucht in das Nachbarland zu einer Tante. „Aber als Afghane hast du im Iran keine Perspektive“, erzählt er im OP-Gespräch. Das habe er schon als Kind gespürt – er durfte nicht zur Schule gehen, arbeitete stattdessen zusammen mit seinen Brüdern als Straßenverkäufer. Alle Versuche seines Vaters, dass der Sohn lesen und schreiben lernt, scheiterten. Dafür förderte ein Uhrmacher Rostams Sinn für Technik. Noch heute repariert er gerne.

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Rostam Nazari: Als Afghane hast du im Iran keine Perspektive

Eines Tages eröffneten ihm die Eltern, dass sie nach Deutschland gehen wollen. Sie sahen im Iran keine Zukunft mehr und organisierten die Flucht über eine Schlepperbande. „Ich wusste nicht, was Flucht ist oder was mich erwarten würde“, erinnert sich Rostam Nazari. Zu Fuß, mit dem Auto, mit dem Zug und mit dem Schlauchboot war er im Sommer 2015 fast zwei Monate unterwegs. Er verlor in der Türkei den Kontakt zu seinen Eltern, ist auf dem Weg nach Lesbos zusammen mit über 50 weiteren Flüchtlingen im Schlauchboot fast ertrunken. Dabei verlor er all seine persönlichen Dinge, aber nie seinen Optimismus. „Irgendwann lebt man mit dem Schicksal“, sagt er. An der mazedonischen Grenze wurde er von seinem Bruder und seinem Cousin getrennt. Er schlug sich zwei Tage alleine durch, hatte nichts zu essen, kein Telefon. Das lag ja auf dem Meeresboden im Mittelmeer. In einem Schlafsack nächtigte er in einem Waldstück. Nur seiner Entscheidung an einem Bahnhof zu warten, verdankt er es, dass sein Bruder ihn wieder fand. „Rational habe ich das nicht entschieden, ich habe einfach gehofft, dass er hinterher kommt.“ Über Serbien und Ungarn landeten sie dann in Bayern, später in Gießen. Nach einem Monat in dem Camp mit 7 000 Geflüchteten ging es für die drei nach Marburg. Und Rostam Nazari lernte mit 15 Jahren endlich lesen und schreiben in einer ihm völlig fremden Sprache.

Ein Lehrer aus der Intensivklasse an der Blista empfahl ihm damals, er solle viel schreiben. „Ich habe dann alles abgeschrieben, was ich gefunden habe oder einfach meine Gedanken aufgeschrieben“, erzählt er. Dabei kam ihm die Idee seine Geschichte aufzuschreiben. „Rostams Reise“ heißt sein Werk. Schnörkellos, mit vielen Details, aber ganz und gar unsentimental berichtet Rostam Nazari wie er aufgewachsen ist und was er erlebt hat. Die Einnahmen spendet er. Gerade ist er mitten in einer Vereinsgründung, um Vorurteile abzubauen und gemeinnützige Projekte zu starten. Und auch das wird er sicher schaffen.

START-Stipendium

Die START-Stiftung vergibt Stipendien in Form von Kompetenzvermittlung, Coaching und finanzieller Unterstützung an junge Menschen mit Migrationserfahrung, die in der Gesellschaft etwas leisten und verändern wollen. Das Bildungs- und Engagementprogramm dient dem Entdecken der eigenen Interessen und Fähigkeiten mit dem Ziel, aus Talenten Kompetenzen herauszuarbeiten und diese in die Gesellschaft einzubringen. Gefördert werden talentierte junge Menschen ab der 9. Klasse, die Verantwortung für sich und die Gesellschaft übernehmen wollen, mindestens 14 Jahre alt sind, noch mindestens drei Jahre zur Schule gehen und selbst zugewandert sind oder mindestens einen Elternteil besitzen, das zugewandert ist. Das Stipendium umfasst ein dreijähriges Programm zur Demokratiebildung und Engagementförderung, das neben Akademien und Veranstaltungen auch materielle Unterstützung in Form eines Notebooks sowie eines Bildungsgeldes in Höhe von eintausend Euro pro Jahr für individuelle Bildungsbedarfe beinhaltet.

Von Katja Peters

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