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Marburg Wie geht Gedenken zeitgemäß?
Marburg Wie geht Gedenken zeitgemäß?
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08:57 15.11.2020
Auf diesem Gedenkstein auf dem Friedhof Ockershausen steht: „Die Stadt Marburg – Den im Weltkrieg Gefallenen“. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Flaggen sind am Sonntag, 15. November, in Marburg anlässlich des Volkstrauertags an den öffentlichen Gebäuden auf halbmast, doch die letzte öffentliche Gedenkveranstaltung am Hauptfriedhof gab es im Jahr 2017.

Ist der Volkstrauertag in der Universitätsstadt ein auslaufendes Modell? Die OP stellte diese Frage an den Historiker Professor Eckart Conze von der Marburger Universität, einen deutschlandweit anerkannten Experten für die Geschichte der beiden Weltkriege.

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„Der Volkstrauertag hat eine fast hundertjährige Geschichte. Der Tag und die damit zusammenhängenden Veranstaltungen haben sich immer wieder verändert und gewandelt“, sagt Eckart Conze. Im Jahr 1922 fand er zum ersten Mal statt.

In Deutschland sei dieser Gedenktag in den Anfangsjahren der Weimarer Republik nur wenige Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ein Versuch gewesen, dem kollektiven Trauma der millionenfachen Opfer des Krieges eine angemessene und würdige Form zu verleihen.

Gibt es neue Formen des Erinnerns?

Allerdings sei der Volkstrauertag schon wenige Jahre später unter dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu einem Tag geworden, an dem ein neuer Nationalismus inszeniert worden sei. Spätestens ab der nationalsozialistischen Machtergreifung im Jahr 1933 sei der ab dann in Heldengedenktag umbenannte Tag von den neuen Machthabern zu einem Tag der mentalen Aufrüstungspolitik und möglichen Vorbereitung auf einen weiteren Krieg missbraucht worden, macht Conze deutlich. An die Stelle des Volkstrauertages seien reine Militärparaden getreten.

Dieses habe sich erst geändert, als in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder an die Tradition aus der Anfangszeit der Weimarer Republik angeknüpft worden sei. Jetzt sei an diesem Tag die Erinnerung an die Toten der beiden Weltkriege und die Sinnlosigkeit dieser Tode im Mittelpunkt gestanden.

Und in jüngster Zeit habe sich das Gedenken noch einmal erweitert: Jetzt gehe es am Volkstrauertag darum, an die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Bürgerkriegen weltweit zu erinnern. Und ein solcher Tag der Trauer, Besinnung und Reflexion habe auch heutzutage immer noch seine Berechtigung, sagt der Marburger Zeithistoriker.

Gedenkstunde zum Volkstrauertag 2018 am Ehrenmal neben der Stadthalle in Stadtallendorf. Quelle: Thorsten Richter

Doch sind die ritualisierten Gedenkveranstaltungen, die am dritten Sonntag im November größtenteils an den Ehrenmälern auf den Friedhöfen stattfinden, überhaupt noch zeitgemäß oder sollten sie nicht eigentlich ersatzlos wegfallen?

Auf diese Frage der OP hat Eckart Conze eine klare Antwort parat. „Wichtig sind die Ausbrüche aus der Ritualisierung. Wenn man das schafft, dann kann der Volkstrauertag noch eine Rolle spielen“, sagt der Historiker. Man müsse sich in der Zivilgesellschaft Gedanken darüber machen, welche neuen Formen des Erinnerns man finden könne.

Zumindest in der heimischen Region gibt es in Sachen Volkstrauertag ein klares Stadt-Land-Gefälle. So stoßen die Gedenkveranstaltungen auf den Dörfern und in den Gemeinden noch auf Resonanz. Das zeigt das Beispiel des kleinsten Stadtteils Dilschhausen.

Wegen Corona eine Nummer kleiner

Von dort berichtet Ortsvorsteher Hermann Heck (CDU) auf OP-Anfrage, dass dort am Volkstrauertag in der Regel die Kirchen voll sind, und dass es auch eine rege Beteiligung der Kirchgänger an der Kranzniederlegung am Friedhof gibt. Heck macht deutlich, dass der Volkstrauertag in diesem Jahr allerdings wegen Corona eine Nummer kleiner stattfindet.

Es findet nur eine Kranzniederlegung ohne lange Reden statt. „Wir haben uns entschieden, die Veranstaltungen in den Marburger Stadtteilen zu reduzieren“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Wegen der Pandemie soll es keine großen Menschenansammlungen geben.

Ganz anders sieht die Situation sowieso in der Kernstadt Marburg aus. An der gemeinsamen Gedenkveranstaltung von Stadt und Kreis, die jeweils jährlich im Wechsel in Marburg und an einem anderen Ort im Kreis über die Bühne ging, beteiligt sich die Stadt Marburg seit 2018 gar nicht. Dieses Gedenken findet mit Landrätin Kirsten Fründt (SPD) als Schirmherrin seit damals nur noch in Stadtallendorf statt.

Denkmal für die Kriegstoten auf dem Friedhof in Marburg-Ockershausen. Quelle: Thorsten Richter

So gibt es also seit zwei Jahren gar kein offizielles Gedenken am Hauptfriedhof in Marburg mehr. „Die Veranstaltung war in Marburg immer kleiner geworden. Wir haben uns gefragt: Ist das überhaupt noch ein Ereignis, das viel Aufmerksamkeit auf sich zieht“, erläutert Spies.

In den Stadtteilen treffen sich laut Spies am Volkstrauertag immer noch viele Menschen, die eine gemeinsame Erinnerung teilen. Dies sei in Marburg zwischenzeitlich verloren gegangen. Diesem Tag, der am Ende nur noch in kleiner Runde begangen worden sei, habe etwas Formales angehaftet. So herrschte vonseiten des Magistrats eine Denkpause in der Frage, wie in Sachen Ausgestaltung des Volkstrauertags weiter verfahren werden sollte. Und wegen Corona hält diese Denkpause auch dieses Jahr an.

Wie soll es weitergehen in Marburg? Aus Sicht von Professor Conze liegt hier eine Aufgabe für Kirchen, Vereine, Verbände und die Politik, aber auch für die Universität, sich gemeinsam Gedanken zu machen. So regt er einen Runden Tisch zur zeitgemäßen Ausgestaltung des Volkstrauertags an. Dort könne beispielsweise darüber diskutiert werden, wie man überhaupt mit den Kriegsdenkmälern umgehe. Aber auch über neue Formen des Gedenkens könne man nachdenken.

Plädoyer für den Erhalt des Gedenktages

So könnte es musikalisch oder literarisch geprägte Veranstaltungen geben, in denen die Thematik von Krieg, Gewalt, Tod und Sterben eine Rolle spiele. Eine Wiederbelebung müsse aber über alte und eventuell in Ritualen erstarrte Formen hinausgehen.

Darin sieht Conze dann allerdings eine Chance, auch im Gedenkmonat November zwischen dem 9. November als Tag der Erinnerung an die Reichspogromnacht und dem Totensonntag als auch kirchlich geprägtem Tag für die Erinnerung an die Toten in den Familien noch einen Platz für den Volkstrauertag zu behalten. Denn Conze plädiert dafür, den Volkstrauertag nicht vorschnell aufzugeben, auch wenn seit dem Ende der beiden Weltkriege die persönlichen Bezüge der meisten Deutschen zu den Kriegsopfern kaum noch vorhanden seien.

Kriege gibt es heute auch noch

Conzes Vorschlag stieß bei OB Spies auf offene Ohren. Diese Idee greife er gerne auf, sagte der Oberbürgermeister auf OP-Anfrage. Denn ähnlich wie Conze sieht auch Spies es als sinnvoll an, den Volkstrauertag als einen Tag der Mahnung an die Opfer der Kriege nicht einfach abzuschaffen. „Es gibt überall auf der Welt ungelöste Konflikte – von Syrien bis Armenien. Das ist nicht vorbei. Wir haben Kriege bis in die Gegenwart hinein“, sagt der OB.

Mit Hilfe einer gemeinsamen Runde könne aber vielleicht eine moderne Form des Gedenktages für den speziellen Zuschnitt der Stadt Marburg gefunden werden, meint Spies. Und das auch in einer politisch so heterogenen Stadt wie Marburg, in der es in Sachen Erinnerungskultur ein sehr breites politisches Spektrum von der Antikriegsbewegung bis hin zur Kameradschaft Marburger Jäger gibt. Dass es nie wieder Krieg und Gewaltherrschaft geben solle, müsse doch eigentlich ein einigendes Moment darstellen können, meint er.

Und Spies verwies in diesem Zusammenhang auf die aus seiner Sicht erfolgreichen Versuche des Magistrats, am Nationalfeiertag am 3. Oktober unterschiedliche Herangehensweisen zusammenzuführen.

Neue Formen statt alter Rituale

Nachlassende Beteiligung am Volkstrauertag? „Da waren Sie aber noch nie in Sinkerhausen“, entgegnet Klaus-Dieter Bartnik. An den Gedenkveranstaltungen auf dem Friedhof beteiligten sich jedes Jahr 15 bis 20 Prozent der Bewohner des Gladenbacher Stadtteils. Vor zwei Jahren waren es 50 Sinkershäuser, und diese seien nicht nur diejenigen, die noch eine Beziehung zu einem der Namen auf dem Mahnmal haben, ergänzt der Ortsvorsteher.

Um Menschen für das Gedenken an das Leid und die Opfer grausamer Kriege zu gewinnen, müsse man in einem Land, dessen Bevölkerung seit 75 Jahren im Frieden lebt, sich etwas anderes einfallen lassen, als ständig nur die aus der Nachkriegszeit gewohnten Rituale zu wiederholen, meint Bartnik. In der Regel organisieren die Ortsbeiräte das Niederlegen eines Kranzes am Ehrenmal, welches zumeist auf dem Friedhof steht. Dort spricht der Ortsvorsteher mahnende Worte, auf dem Gladenbacher Friedhof fällt diese Rolle unter anderem dem Bürgermeister zu, und eine Kapelle lässt besinnliche Musik erklingen.

Die Gedenkstätte im Gladenbacher Stadtteil Sinkershausen. Quelle: Gianfranco Fain

Bartnik ist überzeugt, dass „die Zivilgesellschaft dieses Gedenken bewahren muss“. Deshalb führte der Sinkershäuser Ortsbeirat bei der Gedenkfeier neue Elemente ein. Statt getragener Blasmusik gibt es auch Chorgesang mit zeitgemäßen Liedern. Handzettel befähigten die Teilnehmer, zum Beispiel Hannes Waders Antikriegslied „Es ist an der Zeit“ mitzusingen. Bartnik ermutigte auch den 17-jährigen Liam Dubeau, dessen Großvater im Krieg starb, im Jahr 2018 während der Gedenkfeier die Rede zu halten. Ähnliches gelang ihm in einem anderen Jahr mit einem 16-Jährigen, der die Namen aller auf dem Mahnmal festgehaltener Gefallenen verlas.

So wie sich der ehemalige Gladenbacher Bürgermeister für den Erhalt des „weltlichen Gedenktags“ einsetzt, so vehement streitet er auch dafür, dass es ein solcher bleibt. Das war im vergangenen Monat der Fall, als sich der nach eigenen Angaben bekennende Christ dagegen verwahrte, dass Kirchenvertreter, „wenn auch im guten Willen“, die Verantwortung für die Gedenkveranstaltung übernehmen. Gegen eine Beteiligung habe er nichts einzuwenden, aber die Verlagerung der Gedenkveranstaltung in eine Kirche, ist seiner Ansicht nach „nicht ratsam“. Denn: „Auch Menschen, die nicht gläubig sind, sollen am Gedenken teilnehmen können.“

Letztlich versandete die Diskussion, als Landkreis und Kommunen beschlossen, aufgrund der stark ansteigenden Corona-Infektionszahlen keine öffentlichen Gedenkveranstaltungen mit Publikum zu veranstalten. Es soll lediglich Kranzniederlegungen durch Mitglieder der Ortsbeiräte, Kirchen und den VdK-Ortsverbänden an den Ehrenmalen geben.

Von Manfred Hitzeroth und Gianfranco Fain

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