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Marburg Vogelschwund im grünen Marburg-Idyll
Marburg Vogelschwund im grünen Marburg-Idyll
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17:58 12.04.2021
Mutter Juliane Herchen und Tochter Carla treffen im Alten Botanischen Garten ein neugieriges Teichhuhn (links am Ufer).
Mutter Juliane Herchen und Tochter Carla treffen im Alten Botanischen Garten ein neugieriges Teichhuhn (links am Ufer). Quelle: Foto: Ina Tannert
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Marburg

Der Alte Botanische Garten ist eine grüne Oase im Herzen Marburgs und beliebtes Ausflugsziel für die Innenstadtbewohner, zugleich ist das geschützte Gartendenkmal wertvoller Lebensraum für viele Vogelarten. Davon scheinen allerdings viele in den letzten Jahren verschwunden zu sein. Zu diesem Schluss kommt ein aktuelles Vogelgutachten, das der Verein „Freundeskreis Alter Botanischer Garten Marburg“ in Auftrag gab und das nun veröffentlicht wurde.

Der Biologe Sebastian Elrond Jürgens hat sich der ornithologischen Bestandserfassung angenommen und zwischen November 2019 und Oktober 2020 bei insgesamt 15 Begehungen den Garten beziehungsweise die dortige Tierwelt, vor allem Vogelarten, aber auch Insekten, untersucht und dokumentiert. Die Studie unterschiedet zwischen brütenden Vogelarten, Nahrungsgästen, die nicht vor Ort brüten, und sogenannten Wintergästen.

Das Ergebnis: Im Untersuchungszeitraum konnten insgesamt 48 Vogelarten im Alten Botanischen Garten festgestellt werden. Acht Arten davon stehen auf der hessischen Roten Liste, vier davon auch auf der deutschen Roten Liste. Von den gefundenen Arten haben 22 im Garten gebrütet, darunter Teichhuhn, Buntspecht, Blaumeise, Mönchsgrasmücke, Kleiber oder Star.

22 weitere Arten stellten sich als Nahrungsgäste ein: Unter anderem Mauersegler, Turmfalke, Eichelhäher, Mehlschwalbe, Gimpel oder Kernbeißer. Und vier Arten kamen ausschließlich als Wintergäste vor, etwa Blässhuhn, Bluthänfling oder Erlenzeisig.

61 Vogelarten weniger gezählt

Also 48 Arten – das ist im Vergleich zum letzten Vogelgutachten von 2009 deutlich weniger: In dieser früheren Bestandsaufnahme, erstellt vom Ornithologen Dr. Martin Kraft, waren es noch insgesamt 109 Vogelarten. Davon 61 Brutvögel und 48 Gastvogelarten. Nach Wintergästen wurde nicht unterschieden. Schon in diesem Gutachten vor knapp zwölf Jahren wurde dem Garten eine „ornitho-ökologische Wichtigkeit“ bescheinigt, mit „besonderer naturschützerischer Bedeutung“. Das gelte auch weiterhin, umso auffälliger sei die dramatisch gesunkene Zahl, „wir haben im Vergleich viele Arten weniger, das ist ein erheblicher Rückgang“, sagt Hartmut Möller vom Freundeskreis Alter Botanischer Garten Marburg. Ein Grund dafür könnten die Bauarbeiten der letzten Jahre rund um die grüne Oase sein, erst die neue Unibibliothek, nun folgt der neue Sprachatlas. Genau belegen lasse sich das nur schwer, „es ist aber wahrscheinlich, zumindest eine mögliche Interpretation“, sagt Möller.

Hinzu komme, dass es an der breiten Fensterfront der Bibliothek wie bei anderen Glasbauten zu Vogelschlag kommt, Vögel prallen gerade bei hellem Licht gegen die spiegelnden Scheiben. Und das, obwohl beim Bau mithilfe von eingezogenen Folien sogenanntes Vogelschutzglas verwendet worden sei. „Das wirkt leider auch nicht zu 100 Prozent, der Vogelschlag ist nach wie vor ein Problem.“ Möller und seine Kollegen hoffen, dass dies beim neuen Sprachatlas nicht ebenso der Fall sein wird.

Nicht außer Acht lassen dürfe man bei der Interpretation aber auch die Tatsache, dass bundesweit viele Vogelarten von einem massiven Rückgang betroffen sind oder sich Zugvögel andere Rastplätze suchen. Und auch Autor Jürgens selber setzt sich im Gutachten kritisch mit der Erhebung auseinander und weist darauf hin, dass etwa verschiedene Meisenarten zwar nicht erfasst wurden, dennoch zumindest im Winter im Garten vorkamen, nur eben außerhalb des Untersuchungszeitraums. Der Zeitpunkt spiele auch im Vergleich zu einer anderen, über mehrere Jahre andauernde Untersuchung eine Rolle, die in 1997 auf 82 Vogelarten kam. Dennoch sei anzunehmen, dass der Park durch neue Bauten und höhere Besucherströme für viele Vogelarten unattraktiver geworden ist.

Ein deutlicher Verlust, betont der Freundeskreis, der nun Hoffnungen in eine schonende Umsetzung des von der Uni erstellten Parkpflegewerks zur Neugestaltung des Gartens setzt: Mit dem seien die Naturschützer „generell zufrieden“, seit der Aufstellung vor zwei Jahren wäre allerdings „noch nicht viel passiert“, berichtet Vorsitzende Bärbel Kaufmann bei einem Rundgang im Park. Besonders wichtig sei dem Verein eine gewisse Zurückhaltung bei der geplanten Umgestaltung durch die Landschaftsarchitekten. „Nimmt man die falschen Hecken und Sträucher weg, kann man große Schäden anrichten“, warnt Kaufmann. Besonders der Hecke im Südteil des Gartens räumt auch das Gutachten eine hohe Bedeutung für die Vogelwelt ein. Für den Erhalt der ökologischen Vielfalt rät der Autor abschließend dringend darauf zu achten, „dass zwischen Natur und menschlicher Nutzung ein ausgeglichenes Verhältnis besteht“, andauernde Störungen der Tierwelt sollten möglichst vermieden werden.

Das gesamte Gutachten ist online über die Webseite des NABU Marburg unter „Aktuelles“ zu finden: www.nabu-marburg.de.

Von Ina Tannert

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