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Marburg Noch nicht alle im Gleichklang
Marburg Noch nicht alle im Gleichklang
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19:20 08.12.2021
Erfolgreich bei der Vizepräsidentenwahl (von links): Professorin Kati Hannken-Illjes, Professor Gert Bange, Professorin Evelyn Korn, Professorin Sabine Pankuweit.
Erfolgreich bei der Vizepräsidentenwahl (von links): Professorin Kati Hannken-Illjes, Professor Gert Bange, Professorin Evelyn Korn, Professorin Sabine Pankuweit. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Vier Wahlen in einem: Der dazugehörige Wahlakt fand wie schon die Präsidentenwahl im Sommer coronabedingt mit Zugangsbeschränkungen im Saal der Uni-Bibliothek statt; bis zu 100 Personen verfolgten die Wahl online.

Professorin Evelyn Korn kandidierte für das neu geschaffene hauptamtliche Amt der Vizepräsidentin für Universitätskultur. Um diesen Begriff zu erklären, zog sie einen Vergleich zu einem Ensemble der Hochkultur – den Berliner Philharmonikern. Ein Beobachter dieses weltberühmten Orchesters habe vor allem zwei erfolgsprägende Eigenschaften der Musiker ausgemacht: die Strenge mit sich selbst und andererseits das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Das Beispiel aus der klassischen Musik könne man auch gut auf die Philipps-Universität übertragen, betonte Evelyn Korn. Das übergreifende Ziel sei es, auch in der Hochschule aus einzelnen Stimmen einen fantastischen Klang zu erzeugen. Um klarzumachen, worin die gemeinsame Aufgabe aller 30 000 Mitglieder der Universität bestehen könne, soll es Vollversammlungen der Mitarbeiter und der Studierenden sowie Gremienklausuren geben.

Beim Blick auf sich selbst könne jeder sich selbst analog zu dem Orchester fragen, ob der Fokus beim nächsten Takt liege, das richtige Tempo gewählt werde oder die Dynamik stimmig sei, meinte Korn.

Zunehmender Wettbewerbsdruck

Knappe Mittel und sich ausweitende Aufgaben sowie ein zunehmender Wettbewerbsdruck: Dies seien die Rahmenbedingungen für die Uni Marburg. Dabei habe die Philipps-Universität mit ihrem vielfältigen Fächerprofil das Potenzial dazu, zu einer Modell-Universität des 21. Jahrhunderts zu werden, wenn es beispielsweise um die Bewältigung von Gesundheits- und Umweltkrisen gehe. Eigentlich schien alles klar und es gab nur eine kleine Nachfrage aus dem Wahlgremium. Doch bei der Wahl erfolgte dann ein Paukenschlag: Korn verfehlte die notwendige Mehrheit von 17 Stimmen denkbar knapp. Sie erhielt 16 Ja-Stimmen bei zehn Nein-Stimmen und sechs Enthaltungen.

Nach diesem massiven Misstrauensvotum gegen die als einzige Kandidatin für diesen Posten angetretene bisherige Vizepräsidentin für Studium und Lehre erfolgten eine Sitzungsunterbrechung sowie ein erneuter Urnengang, bei dem eine Wahlberechtigte nicht mehr anwesend war. Im zweiten Wahlgang wurde Korn dann mit 22 Ja-Stimmen bei fünf Nein-Stimmen und vier Enthaltungen gewählt – und das im Gegensatz zu den anderen drei Posten gleich für sechs Jahre. „Wir müssen noch mehr ins Gespräch kommen“, sagte Korn im Gespräch mit der OP.

Danach präsentierte sich der Biochemiker und Strukturbiologe Professor Gert Bange, der als neuer Forschungsvizepräsident kandidierte. Er will sich vor allem für die Schärfung der Forschungsstärken der Marburger Universität einsetzen. Gleichzeitig forderte er, dass die Marburger Hochschule sich stärker in die nationale und internationale Forschungslandschaft integrieren solle. Insgesamt möchte er die Philipps-Universität als einen Ort der neugiergetriebenen und kritisch reflektierenden Spitzenforschung etablieren.

Aus dem Wahlgremium gab es keinerlei Fragen. Doch auch Bange erhielt Gegenwind: Er wurde aber bei 18 Ja-Stimmen, neun Nein-Stimmen und vier Enthaltungen gewählt. „Es gibt noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten in Sachen Spitzenforschung an der Uni Marburg“, kommentierte er sein Ergebnis gegenüber der OP.

Die Sprechwissenschaftlerin Professorin Kati Hannken-Illjes skizzierte am offiziellen „Tag der Bildung“, wie sie sich ihr Amt als neue „Bildungs“-Vizepräsidentin vorstellt. Das Ziel des Präsidiums sei es, den Studierenden ein inspirierendes und abwechslungsreiches Studienangebot zu machen. Die universitäre Bildung solle sie dazu befähigen, nach ihrem absolvierten Studium als Gestalter der Zukunft die Hochschule zu verlassen. Die Umsetzung der Studienstrukturreform sowie Digitalisierung und Internationalisierung in der Lehre seien die wichtigsten Themen in den kommenden drei Jahren. Hannken-Illjes erhielt eine breite Zustimmung bei 25 Ja-Stimmen, vier Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen und freute sich im Nachhinein gegenüber der OP über die „angenehme Runde“ der Wahlversammlung.

Bestes Ergebnis für Sabine Pankuweit

Last but not least präsentierte die im Bereich Molekulare Medizin habilitierte Medizinerin und Humanbiologin Professorin Sabine Pankuweit die Bilanz ihrer drei Jahre währenden Vizepräsidentschaft. Dabei seien die Themen Gender-Mainstreaming und Gleichstellung sowie Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Vordergrund gestanden. Unter anderem seien für Promovierende und Post-Docs umfassende Informationen sowie zahlreiche neue Angebote erstellt worden. Die Schaffung eines „Creative Space“ als dauerhaften Ort für die „kreative Wissensarbeit“ der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jenseits der etablierten Strukturen sowie die Erarbeitung einer gesamtuniversitären Diversitätsstrategie nannte sie als zwei Ziele für die kommenden drei Jahre. Pankuweit erhielt schließlich das beste Ergebnis bei 28 Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen und einer Enthaltung. Dies empfand sie als Ansporn, sich weiterhin im Präsidium für ihre Themen einzusetzen, sagte sie der OP.

Freude und Erleichterung herrschte im Anschluss an die Wahlen beim designierten Uni-Präsidenten Professor Thomas Nauss darüber, dass er jetzt mit seinem Team ab Februar 2022 loslegen kann.

„Es gibt noch Vorbehalte, aber wir werden das in die richtige Richtung entwickeln“, sagte der künftige Uni-Präsident Professor Thomas Nauss im Gespräch mit der OP über die zunächst geringe Zustimmung aus dem Wahlgremium in Sachen des „Universitätskultur“-Postens. Besonders habe er sich über das gute Ergebnis für Pankuweit gefreut.

Von Manfred Hitzeroth