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Marburg Virtueller Kaffeeklatsch, Break-Out-Rooms und Reden am WG-Tisch
Marburg Virtueller Kaffeeklatsch, Break-Out-Rooms und Reden am WG-Tisch
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07:58 28.01.2021
Professor Martin Koch zeichnet am Fachbereich Physik an der Universität Marburg seine Online-Vorlesung mit der Videokamera in einem leeren Seminarraum auf.
Professor Martin Koch zeichnet am Fachbereich Physik an der Universität Marburg seine Online-Vorlesung mit der Videokamera in einem leeren Seminarraum auf. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Marie-Theres Heimke studiert im dritten Semester Interkulturelle Betriebswirtschaftslehre. Die Vorlesungen werden mittlerweile nur noch online abgehalten. „Da kommt es dann auf die Dozenten an“, meint die Studentin. Eine Ausnahme war im aktuellen Wintersemester eine Einführungsveranstaltung zum Thema Statistik, die bis zum Start des verschärften Lockdowns im Präsenzformat im Audimax – dem größten Hörsaal der Universität – stattfand. Dafür wurde die Gruppe der Studierenden aufgeteilt. Jeweils 30 von ihnen waren dann – mit großem Abstand und Masken – zur selben Zeit gemeinsam in dem riesigen Hörsaal, der zu Normalzeiten ein Fassungsvermögen von fast 1000 Hörern hat.

„Es war seltsam“, beschreibt die Studentin die Atmosphäre. So sei es auf den Zuhörerbänken sehr still gewesen. Allein schon aufgrund des großen Abstands untereinander fiel zwischendurch der informelle Austausch mit den Kommilitonen komplett aus. „Aber trotzdem war es eine Abwechslung“, meint Heimke. Denn immerhin habe alleine dieser regelmäßige Termin die Studierenden dazu gezwungen, ein klein wenig den geregelten Tagesablauf eines Studiums einzuhalten. „Ansonsten muss man sich schon dazu motivieren, alleine zuhause eine Vorlesung am Bildschirm anzuschauen“, meint Marie-Theres Heimke.

Die Bilanz des digitalen Studiums fällt bei der angehenden Wirtschaftswissenschaftlerin unterschiedlich aus. Bei Vorlesungen über die Plattform „Big Blue Button“ gehe es oft distanziert zu. Die Dozenten würden meistens nur referieren, ohne dass es zu Zwischenfragen komme. Die Online-Seminare seien teilweise ergiebiger. So gebe es in virtuellen „Break-Out-Rooms“ die Möglichkeit, gemeinsam in Kleingruppen an Aufgaben zu arbeiten.

Das studentische Alltagsleben ist laut der 20-Jährigen in Marburg derzeit eher ruhig. „Jetzt ist es ziemlich leer, auch am Wochenende“, meint sie. „Wenn jemand jetzt erst anfängt zu studieren, dann ist das kein richtiges Studentenleben“, erzählt sie.

Auch für die Lehrenden hat sich seit dem ersten Lockdown im März zum Start des Sommersemesters 2020 einiges verändert. „Jetzt läuft alles schon ein wenig routinierter ab“, urteilt der Experimentalphysiker Professor Martin Koch auf OP-Anfrage. Er hat aus der Not eine Tugend gemacht und sich ein professionelles Aufnahme-Equipment mit Videokamera und Stativ beschafft.

Seine Vorlesungen zeichnet Koch selber auf. Nun ist er in Personalunion Hauptdarsteller sowie Produzent. Denn neben dem Referieren ist er unter anderem für die Aufnahme, das Schneiden des Beitrags und die Endkontrolle zuständig. Zudem arbeitet er die von einem Mitarbeiter aufgenommenen physikalischen Experimente ins Video mit ein.

„Es ist allerdings alles wesentlich aufwendiger“, berichtet Martin Koch. Hochgerechnet benötigt er für ein Video rund einen Arbeitstag. Allerdings sei das Ergebnis dann auch hochkonzentrierter Inhaltsstoff, in dem Zwischenpausen entfallen. Und die Online-Vorlesung liegt auch für die Zukunft vor und kann potenziell in der Lehre wiederverwendet werden. Die von Koch angeregten studentischen Nachfragen per E-Mail kommen derzeit noch eher spärlich. Um wieder zu mehr Austausch mit seinen Studierenden zu geraten, will der Physik-Professor demnächst einen niedrigschwelligen virtuellen „Kaffee-Chat“ anbieten.

Ebenso wie Koch zieht Lehrbeauftragte Lea Reiff zunächst ein positives Zwischenfazit des Standes der universitären Online-Angebote. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet neuere Deutsche Literatur berichtet im Gespräch mit der OP darüber, dass im ersten „Corona-Semester“ im Sommer bereits viele unterschiedliche Online-Formate erfolgreich auf den Weg gebracht worden seien. Im Sommersemester seien die neuen Digital-Tools auch für die Studierenden neu und ungewohnt gewesen. Nach dem drastischen zeitlichen Mehraufwand habe sich im aktuellen Wintersemester einiges eingespielt.

Lea Reiff leitete zudem zwei Einführungsseminare, in denen die Studierenden jeweils zur Hälfte anwesend waren und zur anderen Hälfte das Seminar online verfolgten. „Schön, dass wir uns wieder persönlich sehen konnten“, meint Reiff. Allerdings war das ungewöhnliche Lehrformat nicht ganz einfach zu handhaben, denn die Dozentin musste sowohl die persönlich anwesenden Studierenden als auch die per Online-Plattform zugeschalteten Kommilitonen einbinden.

Präsenzlehre ist direkt,

flexibel und spontan

„Man muss sehr viel koordinieren und die Moderation wird anspruchsvoller“, bilanziert sie. Bei allen Vorteilen von digitalen und hybriden Lehrformaten sagt sie aber, dass Präsenzlehre optimal sei, weil sie direkt, flexibel und spontan sein könne.

Der 22-jährige Than Le hat an sein Bachelor-Studium der Psychologie mittlerweile ein Medizinstudium angeschlossen und studiert im dritten Fachsemester an der Uni Marburg. Das Medizinstudium hat sich für ihn wie für die Kommilitonen seit dem Sommersemester radikal geändert. „Es besteht zu 90 Prozent aus Online-Lehre“, erklärt er auf OP-Anfrage. Da bieten die „Präsenz-Ausnahmen“ eine willkommene Abwechslung.

Es sind in diesem Semester für ihn zwei Übungen in der Biochemie und der Physiologie, in denen auch ganz praktische, kleine Experimente auf dem Plan stehen, für die man zuhause schon richtige Mini-Labore benötigen würde.

Gespannt ist Thang Le darauf, wie es bei ihm ab Herbst im fünften Semester, dem „klinischen Semester“, weitergeht, ab dem eigentlich für die Studenten mehr Patientenkontakt auf dem Stundenplan stehen würde. Aus Gründen des Infektionsschutzes ist dieser Kontakt zumindest im Klinikum derzeit auf ein Minimum reduziert, wie er aus Gesprächen mit Kommilitonen in höheren Semestern weiß.

Thang Le hofft dringend darauf, dass schon das Sommersemester wieder mehr Studien-Normalität mit sich bringt. „Denn der Austausch mit Studierenden und der Kontakt mit Dozenten trägt im Studium zur Persönlichkeitsentwicklung mit bei“, meint er. Als einer von vier Bewohnern einer studentischen Wohnungsgemeinschaft (WG) hat er zumindest einen Vorteil gegenüber Bekannten, die allein wohnen und im Lockdown immer weniger Sozialkontakte haben.

Von Manfred Hitzeroth

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