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Marburg Virtual Reality: Von wegen „alles nur Spielerei“
Marburg Virtual Reality: Von wegen „alles nur Spielerei“
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13:00 04.01.2022
Per VR-Brille an Meetings teilnehmen oder gemeinsam in virtuellen Umgebungen geschult werden oder arbeiten – das sind einige der Projekte, mit denen sich Inosoft beschäftigt.
Per VR-Brille an Meetings teilnehmen oder gemeinsam in virtuellen Umgebungen geschult werden oder arbeiten – das sind einige der Projekte, mit denen sich Inosoft beschäftigt. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Eintauchen in die virtuelle Realität: Das ist ein Szenario, das meist lediglich mit der Welt der Computerspiele in Verbindung gebracht wird. „Dabei sind virtuelle Realität und ,Augmented Reality’ – also das Einblenden digitaler Objekte in die reale Umgebung – längst alles Andere als nur Spielerei“, sagt Thomas Winzer, Mitglied der Geschäftsführung bei der Marburger Inosoft AG. Das Unternehmen beschäftigt sich seit mehr als fünf Jahren mit den beiden Techniken, hat zahlreiche Aufgabenstellungen umgesetzt.

So kann beispielsweise ein Objekt bei der Augmented Reality (AR) in den realen Raum projiziert werden – und zwar dreidimensional. „Ich kann mich also um dieses Objekt herumbewegen“, sagt Thomas Winzer.

„Wir haben für eine AR-Brille beispielsweise einmal einen Werkzeugwechsel an einer Maschine umgesetzt“, sagt Winzer. An der Maschine bekommt der Arbeiter eine virtuelle Schritt-für-Schritt-Anleitung auf seine Datenbrille projiziert, anhand derer er an der Maschine arbeiten kann – „die jeweiligen Objekte, um die es geht, werden ihm an der Maschine markiert und angezeigt“.

Augmented und Virtual Reality

Unter „Augmented Reality“ (Erweiterte Realität, AR) versteht man das Zusammenspiel einer digitalen und analogen Umgebung. So werden Nutzer einer Augmented-Reality-Brille oder AR-Anwendungen auf Smartphone oder Tablet nicht komplett von der normalen Umgebung abgeschottet wie bei einer Virtual-Reality-Brille. Vielmehr werden in der Brille – oder auf dem Endgerät – zusätzliche Informationen über das Umfeld eingeblendet. So kann etwa einem Lagerarbeiter gezeigt werden, in welchem Regal ein bestimmtes Ersatzteil zu finden ist.

Im Gegensatz dazu befinden sich Nutzer von VR-Brillen in einer komplett digital erstellten Welt, die Umwelt ist nicht mehr wahrzunehmen. Alle Räume und Gegenstände in der VR sind digital erstellt. „Ich tauche mehr oder weniger körperlich in diese Welt ein und mein Verstand gaukelt mir vor, ich würde mich tatsächlich in dieser virtuellen Welt bewegen“, erläutert Thomas Winzer – und das sehr detailliert.

Mit den VR-Brillen haben wir „sehr gute Erfahrungen beispielsweise in Trainingssituationen gemacht: Ich baue eine komplett künstliche Welt auf und kann dort Handlungsschritte, Prozessschritte und Abläufe darlegen, die Benutzer erleben und erlernen können.“

So habe Inosoft beispielsweise für ein Pharma-Unternehmen, das gerade eine neue Produktionsstätte baue, eine virtuelle Schulungsumgebung erstellt. „Die Anlage hat komplexe Fertigungsschritte – die Idee war, die Menschen schon vorher in diesem Raum zu trainieren, sodass in dem Moment, in dem die Anlage fertig ist, die Leute unmittelbar mit der Produktion beginnen können.“

Eintauchen in virtuelle Welt

Denn: In der virtuellen Welt kann der Nutzer auch Dinge greifen – mittels Controllern, die auch Hand- und Fingerbewegungen erfassen und diese zu Bewegungen in der virtuellen Welt ableiten. So werden beispielsweise Türen geöffnet oder Gegenstände bewegt. „Wir sprechen dabei von Immersion – man taucht also nahezu körperlich in die Welt ein“, sagt Winzer.

Wie profitieren Unternehmen davon? „Wir haben in der VR das, was in der Spielewelt schon gang und gäbe ist – nämlich mit mehreren Personen in einer virtuellen Welt zu agieren – auf die Unternehmenswelt übertragen.“ Inosoft habe eine Plattform geschaffen, „die es möglich macht, sich mit mehreren VR-Brillen unabhängig von Bauart und Marke und unabhängig vom Ort gemeinsam in der virtuellen Welt zu bewegen.“

So könne man sich nicht nur virtuell unterhalten, sondern – da ja auch Gegenstände in der VR vorhanden sind – auch gemeinsam an Dingen arbeiten. „Wenn es dort Teile gibt, die man bewegen muss oder Explosionszeichnungen dreidimensional in den Raum projiziert werden, kann man gemeinsam um diese Anlage oder Bauteile herumgehen und hört sich die Erklärungen des Schulungsleiters an.“ Die entsprechenden Bauteile in die virtuelle Welt zu bringen sei für Unternehmen dabei gar nicht so teuer, denn: „Es gibt ja ohnehin Konstruktionszeichnungen in CAD-Programmen – diese lassen sich recht einfach für die virtuellen Umgebungen konvertieren.“

Support per Smartphone

In Sachen Augmented Reality gibt es eine Plattform, „in der es sehr einfach ist, mittels Smartphones oder Tablets über die Entfernung eine Video-Verbindung aufzubauen, sodass etwa ein Hersteller, der ein Problem mit seiner Anlage beim Kunden hat, einen Link an den Kunden schicken kann. Der klickt den Link an, es wird ein Videobild aufgebaut. Der Experte kann sich die Situation vor Ort anschauen und Informationen in das Bild beim Kunden hineinaugmentieren, um zu helfen, das Problem zu lösen.“

Winzer sieht in dem Thema „viel Potenzial, weil beispielsweise der Lerneffekt, wenn ich etwas räumlich, dreidimensional sehe, um ein Vielfaches höher, als wenn ich es mir nur auf Plänen oder in Broschüren anschaue“.

Ersetzt die Datenbrille das Smartphone?

Könnte die Brille auf der Nase in Zukunft das Handy in der Hand ersetzen? Etwa jeder Vierte (26 Prozent) glaubt, dass bis 2030 Datenbrillen die Mobiltelefone ablösen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Gleichzeitig glauben aber fast neun von zehn Befragten (89 Prozent), dass die Bedeutung von Smartphones weiter zunehmen wird. Immer mehr Unternehmen arbeiten an Augmented-Reality-Brillen, die Informationen in das Sichtfeld projizieren – jüngst machten die Macher der Foto-App Snapchat davon reden.

In Sachen Alltagstauglichkeit ist bei den AR-Brillen allerdings noch Luft nach oben. Nach Einschätzung von Bitkom sind sie noch recht schwer und haben nur wenig Akkulaufzeit. Zudem sollen die Brillen irgendwann einmal nicht mehr von normalen Brillen zu unterscheiden sein – ohne Stirnband oder sichtbare Kamera also.

Auch die projizierten Infos sind laut Bitkom zurzeit eher noch rudimentär. Künftig sollen Nutzer sich zum Beispiel vor einem Restaurant stehend mit einem Wimpernschlag Bewertungen und Informationen abrufen können.

Von Andreas Schmidt

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