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Marburg Virologe: Kein Grund zur Sorge
Marburg Virologe: Kein Grund zur Sorge
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12:00 24.01.2020
Professor Stephan Becker (Mitte) zusammen mit Kollegen des Institutes für Virologie an der Marburger Universität. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Für die Virologen ­bedeutet das Auftreten des neuartigen Corona-Virus, der sich von Tieren auf Menschen überträgt, in der chinesischen Millionenstadt Wuhan ein Stück weit Routine. „Das ist nicht das erste Mal, dass so etwas auftritt“, sagte Becker, Leiter des Virologischen Instituts am Uni-Klinikum, auf OP-Anfrage.

Er erinnerte daran, dass es im Jahr 2003 die von dem SARS-Virus in China ausgehende weltweite Pandemie mit rund 8.000 Infizierten und rund 800 Toten gegeben habe. Im Jahr 2012 ­habe es dann das MERS-Virus gegeben. Noch könne man die Gefährlichkeit des aktuellen Erregers nicht genau einschätzen, betonte Becker. Bisher bekannt sei aus China nur die Zahl der rund 400 schweren Fälle und neun Todesfälle. Noch klar sei aber nicht die Anzahl der Patienten mit milden Verläufen. Eine noch höhere weltweite Aufmerksamkeit für die Erkrankung gebe es erwartungsgemäß nach dem Auftreten des ersten Falls in den USA.

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Man sei aber auch in Deutschland darauf vorbereitet, dass es in Einzelfällen zur Einschleppung der Krankheit kommen könne. Besonders aufpassen müsse man bei Flugreisenden aus China, die nach Deutschland kommen. So gebe es ein Testverfahren, mit dem die Erkrankung schnell nachgewiesen werden könne.

Falls ein an dem neuartigen Virus erkrankter Patient identifiziert werden würde, dann müsse er in der Isolierstation eines Krankenhauses in Quarantäne genommen werden, um das Risiko einer Übertragung der Atemwegserkrankung zu verhindern. Ansonsten könne die Infektion von Mensch zu Mensch übertragen werden – durch Niesen oder Husten. Auf jeden Fall sei ein neues Virus, dessen Auswirkungen noch nicht bekannt sei, ein Grund zur vermehrten Aufmerksamkeit, und zwar auch in Deutschland inmitten der Grippesaison, sagte Becker. Das sei deswegen wichtig, weil wir uns momentan mitten in der Saison für Atemwegserkrankungen befänden. „Wenn ein Patient dann zum Arzt kommt, dann denkt er nicht sofort an ein neues ­Virus“, sagte Becker.

Es sei aber schon sinnvoll, dass die Wahrnehmungsfähigkeit auch der Ärzte­ und Experten derzeit aufgrund der weltweiten Medienberichterstattung geschärft sei. Erhöhte Wachsamkeit: Ja, Aber einen­ Grund zur Sorge sieht Becker derzeit nicht. Denn das Gesundheitssystem und auch die virologische Forschung sei prinzipiell vorbereitet auf das Auftauchen eines neuartigen Virus.

Anders als im Fall der SARS-Epidemie haben die Forscher derzeit sogar schon bessere Startvoraussetzungen für die Entwicklung eines Impfstoffes. Zwar haben derzeit nur die Wissenschaftler in China den Virus direkt im Labor vorliegen. Aber die Gensequenz, also die Erbinformation des neuartigen Virus steht weltweit allen Wissenschaftlern zur Verfügung. Aufgrund dieser Informationen könne man es synthetisch herstellen und das entscheidende Oberflächenprotein nachbauen.

So können auch die Marburger Forscher daran arbeiten, therapeutische Antikörper zu finden und daraus einen Impfstoff zu entwickeln. Es werde jetzt dazu auch in Marburg ein Programm aufgelegt, kündigte Becker an. Das werde aber wohl mindestens ein Jahr lang dauern, bevor es Erfolgsmeldungen geben könne. Dass es zum Auftauchen eines neuartigen Virus kommt, beobachten die Virologen immer wieder, aber im Abstand von mehreren Jahren.

Es müsse schon eine Häufung von Zufällen zusammenkommen, damit dies passiere, sagt Becker. Denn normalerweise könne ein Virus die Mensch-Tier-Barriere nicht ohne Weiteres überspringen. Besonders Säugetiere tragen Erreger, die auf den Menschen überspringen können. Als Quelle neuer Coronaviren gelten unter anderem Fledermäuse und Flughunde. Welches Tier dies im Fall des neuartigen Erregers ist, haben die Forscher noch nicht herausgefunden, sagte Becker.

von Manfred Hitzeroth