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Marburg Klimaziele mit Wasserstoff erreichen
Marburg Klimaziele mit Wasserstoff erreichen
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20:58 03.10.2021
Zeigt ein Schema für die CO2-neutrale Wasserstoff-Erzeugung: Dr. Manfred Dzubiella, Wasserstoff-Experte aus dem Bereich Forschung und Entwicklung bei Viessmann.
Zeigt ein Schema für die CO2-neutrale Wasserstoff-Erzeugung: Dr. Manfred Dzubiella, Wasserstoff-Experte aus dem Bereich Forschung und Entwicklung bei Viessmann. Quelle: Foto: Thomas Hoffmeister
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Bis zum Jahr 2045 müssen alle Gebäude „klimaneutral“ sein, also ohne Kohlendioxid-Ausstoß arbeiten. Wasserstoff könne entscheidend dazu beitragen, das Energiesystem in Deutschland auf erneuerbare Ressourcen umzustellen und dieses Klimaziel zu erreichen, sagt Dr. Manfred Dzubiella, Entwicklungsleiter für Verbrennungssysteme bei Viessmann.

Aber: „Dafür müssen wir in den nächsten zehn Jahren mit unserem Kohlendioxid-Ausstoß um 44 Prozent runter und alle sinnvollen Technologien ausschöpfen“, sagt Dzubiella. Technisch sei das durchaus möglich. In Deutschland gebe es aktuell 21 Millionen Wärmeerzeuger, darunter 13,9 Millionen Gas- und 5,3 Millionen Ölkessel. Der Anteil der erneuerbaren Energien im Wärmesektor liege aktuell nur bei 21 Prozent und müsse „drastisch erhöht werden“, fordert Dzubiella. „Unsere Geräte verbrennen heute überwiegend Erdgas. Wir entwickeln gerade ein Brennwert-Gerät für Wasserstoff.“

Als Ausgangsenergie wolle man künftig Wind und Sonne nutzen. Damit werde man Strom erzeugen. Den benötigt man für die Elektrolyse. „Über diesen Prozess trennen wir Wasser auf in Wasserstoff und Sauerstoff. Den Sauerstoff kann man in die Atmosphäre entlassen oder technisch verwenden. Den Wasserstoff verbrennen wir mit Luftsauerstoff. Dabei entsteht wieder Wasser, aber kein CO2. So können wir Gebäudewärme und Warmwasser für Wohngebäude und industrielle Prozesse in einem klimaneutralen Kreisprozess bereitstellen.“

Wasserstoff gibt es jedoch nicht in freier Form. „Er ist nicht, wie Erdgas, in der Erde gebunkert“, sagt Manfred Dzubiella. „Aber das komplette Universum besteht zu 95 Prozent aus Wasserstoff. Letztendlich nutzen wir die Energie der Sonne. Auch die Energie für Kohle, Gas und Öl kam von der Sonne.“

Aus abgestorbenen Pflanzen wurde Humus, unter dem Druck schwerer Erdmassen entstand zunächst Torf, später Kohle, Öl und Gas. Das sei im Laufe von Jahrmillionen passiert. „Wir verfeuern das jetzt innerhalb von ein paar Jahrzehnten. Das macht unsere Atmosphäre aber nicht mehr mit“, sagt Dzubiella. Viessmann habe sich zum Ziel gesetzt, die gesamte Produktpalette klimaneutral umzustellen. „Ab etwa 2025 werden wir so weit sein, dass wir reine Wasserstoff-Geräte haben, die funktionieren und in Serie produziert werden können“, sagt Dzubiella. Es gebe aber noch Entwicklungsbedarf, weil die Verbrennung des Wasserstoffs „eine völlig andere ist als die von Erdgas. Aber der Kunde und auch der Heizungsbauer werde ein Vitodens-Gerät vorfinden, wie sie es kennen. Auch der Preis für so ein Gerät wird sich kaum ändern. Im Innern des Geräts aber verändern wir das Verbrennungssystem so, dass es wasserstofftauglich ist.“

Ein Problem dabei sind die Brennstoff-Kosten. Heute sei Wasserstoff noch deutlich teurer als Erdgas. Bei steigender Produktion von Wasserstoff würden sich die Kosten aber nach unten bewegen. „Durch die CO2-Besteuerung der Politik werden alle karbonbehafteten Energieträger von Jahr zu Jahr teurer. Man merkt das ja schon an der Tankstelle. Der Wasserstoff dagegen wird von Jahr zu Jahr billiger werden. Man erwartet einen break even point (Wendepunkt) um die Jahre 2030/2035, wo sich die Kosten annähern werden.“

Ein Szenario gehe davon aus, dass zunächst ein gewisser Anteil Wasserstoff in die Erdgasnetze eingespeist und dem Erdgas beigemischt wird. Dzubiella: „Die Netze vertragen das in einem bestimmten Umfang.“

Mehr als 30 Länder der Welt hätten bereits Wasserstoff-Programme aufgelegt. Deutschland sei mit rund sieben Milliarden Euro dabei. Dzubiella: „Das Geld wird in die komplette Wertschöpfungskette investiert, von der Erzeugung des Stroms über Umwandlung in Wasserstoff, Transport und Speicherung sowie Endanwendung von Wasserstoff. Da tut sich jetzt was. Das ist kein Hype mehr.“

Viessmann-Geräte seien heute schon für bis zu 20 Prozent Wasserstoff-Anteil ausgelegt. Einige Netzbetreiber seien bereit, bis zu 20 Prozent Wasserstoff in ihre Netze zu lassen. Dzubiella: „Unsere Geräte sind heute schon zertifiziert vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches für 20 Prozent Wasserstoff.“

Heizungskunden, die heute ein zertifiziertes Gasgerät kauften, seien für die Zukunft gerüstet. „Da muss man gar nichts austauschen, die Geräte passen sich automatisch an den Wasserstoff-Anteil an und verbrennen super sauber.“

Selbst wenn man nur 10 Prozent Wasserstoff in die deutschen Gasnetze gebe, würden schon 70 Prozent des Ausbauziels der Bundesregierung für 2030 erreicht.

Doch allein mit der Beimischung von Wasserstoff seien die Klimaziele bis 2045 nicht zu erreichen. „Das Endausbauziel muss 100 Prozent Wasserstoff heißen“, sagt Dzubiella.

Von Thomas Hoffmeister

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