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Marburg Vier-Punkte-Plan stößt auf Gegenwehr
Marburg Vier-Punkte-Plan stößt auf Gegenwehr
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19:48 29.02.2012
Notfall UKGM: Durch den drohenden Stellenabbau am Uniklinikum sehen Politik, Universität und Betriebsrat den medizinischen Qualitätsstandort akut gefährdet.
Notfall UKGM: Durch den drohenden Stellenabbau am Uniklinikum sehen Politik, Universität und Betriebsrat den medizinischen Qualitätsstandort akut gefährdet. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg. Mit vier Kernaussagen reagiert die Rhön-Klinikum AG auf die Diskussion um die Stellenstreichung am Universitätsklinikum Gießen und Marburg: Der Stellenplan im Zuge der Neubauten sei deutlich überschritten worden; ohne weitere Kostensenkung drohe dem UKGM in diesem Jahr ein Verlust; es sei noch keine Entscheidung über Personalabbau getroffen; Betriebsbedingte Kündigungen sollen vermieden werden.

Für die Marburger Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher steckt hinter diesen Aussagen eines: „Die Rechte der Mitarbeiter werden mit Füßen getreten. Es ist pervers, was hier im UKGM passiert, wie mit den Existenzängsten der Angestellten umgegangen wird.“ Vor allem die fehlende Kommunikation stört Böttcher, die aus den Medien erfährt, dass am Uni-Klinikum ein Überhang an Personal bestehen soll.

„Wir haben noch keinen Soll-Stellen-Plan vorgelegt bekommen“, sagt die Betriebsrätin und beklagt die Häufung der Überstunden, die das gesamte Personal vor sich her schöbe. „Auf der einen Seite soll ein Überhang bestehen, auf der anderen Seite werden wir als Betriebsrat gebeten, für die Datenverarbeitung 500 Überstunden zu genehmigen. Da passt etwas nicht“, sagt Elfriede Achenbach, Mitglied des Betriebsrates.

Frank Steibli, UKGM-Pressesprecher, erwidert: Zur Erlössteigerung werde unter anderem auch der Personalbestand aufgerufen. „Man schaut nicht auf Personal, wenn alles in Ordnung ist.“ Die Überlastungsanzeigen der Ärzte und Pfleger, die Geschäftsführung und Betriebsrat vorliegen, lasse sich nicht als Indiz dafür nehmen, dass alle 9700 Mitarbeiter überlastet sind.

„Es handelt sich hierbei zumeist um Momentaufnahmen, die wir natürlich ernst nehmen. Hintergründe für diese Anzeigen sind vielfältig.“In die Diskussion um das UKGM schalten sich nun auch Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann sowie die Uni-Präsidenten Katharina Krause aus Marburg und Joybrato Mukherjee aus Gießen ein.

„Wir sind in großer Sorge, dass die Forschung massiv beeinträchtigt wird, wenn die in der Presse kursierenden Personalabbaupläne umgesetzt werden“, teilen die beiden Uni-Präsidenten. Auch sehen sie in den bisherigen Berichten einen Vertrauensbruch: „Das Klinikum setzt sich in skandalöser Art und Weise über die vertragliche Verpflichtung zur frühzeitigen Information ihrer universitären Kooperationspartner hinweg“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung.

Dies sei auch im Lichte der öffentlichen Bekenntnisse zu einem vertrauensvollen und dialogorientierten Miteinander, die von UKGM vorgetragen wurden, eine herbe Enttäuschung.  „Wir werden alle vertraglichen Möglichkeiten ausschöpfen, um Schaden von der wissenschaftlichen Entwicklung der Hochschulmedizin in Marburg und Gießen abzuwenden. Dies wird die Nagelprobe für den bestehenden Kooperationsvertrag.“

Eva Kühne-Hörmann verlangt die Einberufung einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung. „Die Notwendigkeit der Einberufung ergibt sich aus den kurzfristig bekannt gewordenen Plänen zum Abbau einer erheblichen Anzahl von Stellen, die als Maßnahmen von grundlegender Bedeutung für die Gesellschaft einer dringenden Befassung durch die Gesellschafterversammlung bedürfen“, heißt es im Schreiben an UKGM-Geschäftsführerin Dr. Irmgard Stippler.

Wolfgang Pföhler, Aufsichtsratsvorsitzender des UKGM und Vorsitzender der Rhön-AG betont derweil: „Entscheidungen über einen Stellenabbau hat es bisher nicht gegeben. Insofern sind auch die in den Medien kolportierten Zahlen falsch.“ Gleichwohl soll aber abgebaut werden. „Wir müssen die Einnahmen- und Ausgabenentwicklung miteinander in Einklang bringen“, sagt Pföhler.

Auf betriebsbedingte Kündigungen wolle er verzichten, über die „natürliche Fluktuation und das Auslaufen befristeter Verträge“ solle die Verringerung erreicht werden. „Das passiert doch schon jetzt längst, hinter dem Rücken des Betriebsrates“, moniert Bettina Böttcher. Über die Zukunft von Angestellten, deren Verträge zum 29. Februar ausliefen, sei auch gestern selbst auf Nachfrage noch nicht klar gewesen, ob diese verlängert würden.

„So kann man nicht mit seinen Mitarbeitern, mit Menschen umgehen“, sagt Böttcher. „Alle haben Angst, bangen um ihre Existenz. Manager bekommen hohe Abfindungen. Hier droht eher Hartz IV.“

von Carsten Bergmann