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Marburg Ein kleines Festival am Franz-Tuczek-Weg
Marburg Ein kleines Festival am Franz-Tuczek-Weg
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20:39 16.08.2020
Damit der Abend perfekt wird, ist jede Menge Technik von „flashlight“ im Einsatz.
Damit der Abend perfekt wird, ist jede Menge Technik von „flashlight“ im Einsatz.
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Marburg

Kultur in Corona-Zeiten im Garten der OP und am Kamin: Gleich zwei Bühnen waren für die vierstündige Livestream-Veranstaltung aufgebaut, die die Oberhessische Presse gemeinsam mit „flashlight“ und „Vila Vita Hotel“ am Samstag präsentierte. In weiser Voraussicht hatten die Event-Macher im Garten am Teich eine überdachte Bühne aufgestellt. Und das war auch nötig: Denn kurz vor dem geplanten Start der Live-Übertragung gegen 17 Uhr öffnete der graue Himmel seine Schleusen, und es donnerte bedrohlich.

Fotos vom OP-Livestreamabend mit Christina Lux und Oliver George, Michael Sagmeister und Antonella D’Orio, dem Fast Forward Theatre, Dietrich Faber sowie London Ahead.

Doch die beiden Musiker, die das „Minifestival“ eröffneten, waren auf der Bühne ebenso wie ihr Equipment gut geschützt vor dem Regen. Für die melancholisch-tiefgründigen Songs der Songwriterin Christina Lux war das spezielle Klima, das einen für kurze Zeit in die „mittelhessischen Tropen“ versetzte, zudem fast perfekt geeignet. Mit ihrer glasklaren Stimme zwischen Hauchen, Flehen und Beschwören zauberte sie „Leise Bilder“ hervor. Den gleichnamigen Titelsong ihres letzten Songs trug sie ebenso vor wie das Lied „Was zählt für Dich“, das ihre andere Seite zeigte: den engagierten Einsatz gegen Verbohrtheit und Fremdenhass und für mehr Toleranz. Und dann ging es gedanklich ans Meer in dem Lied „Das Meer und das Land“: In dem sehnsuchtsvollen Liebeslied gelangen Christina Lux so schöne Zeilen wie „Ich wär da, um deine Seele zu fluten“. Ob sich bei vielen Zuschauern des Livestreams in diesen Momenten wohl eine Gänsehaut bildete?

Die Sängerin begleitete sich selbst an der Gitarre. Die sphärischen entspannt-lässig vorgetragenen Gitarrenharmonien oder dezent eingesetzte Schlagzeugtöne von Multi-Instrumentalist Oliver George ergänzten das Klangszenario der „Feelgood“-Musik perfekt. Für „Sir George“ war es ein Heimspiel: Denn neun Jahre lang hatte er einst in Marburg gelebt und in dieser Zeit bei der Band „Madam I’m Adam“ gespielt. Immer wenn er bei einer Rückkehr das Marburger Schloss wieder sieht, hat er ein großes Heimatgefühl, verriet er der Moderatorin des Abends, der OP-Videojournalistin Nadine Weigel.

Nach einer Stunde gab es dann einen Szenenwechsel: Am Kamin im „Kaminzimmer“ des OP-Gebäudes waren jetzt Jazz und italienische Folklore vom Feinsten angesagt. Doch wie haben sich der mittelhessische Jazzgitarrist Michael Sagmeister und seine Gesangspartnerin Antonella D’ Orio den Ruf bei den Kritikern erarbeitet, ein weltweites Traumpaar des Jazz zu sein? Das fragte Nadine Weigel bei Sagmeister vor dem Auftritt nach? Die lakonische Antwort des Saiten-Meisters kam prompt: Er habe viele Leute bestochen, sagte der Gitarrist. Dass das natürlich Unsinn ist, wurde schnell klar. Denn die beiden Musiker brannten ein musikalisches Feuerwerk ab, eine Mischung aus rasanter Fingerfertigkeit und atemberaubendem Gesangs-Temperament.

Draußen am Teich war mittlerweile wieder Sonne angesagt, was OP-Geschäftsführerin Ileri Meier und „flashlight“-Chef Arved Fischer freute. Es folgten zwei Kleinkunst-Perlen: Zunächst bewiesen die in Marburg seit Jahren bekannten „Impro-Schauspieler“ Tom Gerritz und Martin Esters vom „Fast Forward“-Theatre, dass ihre improvisierten Comedy-Szenen in Corona-Zeiten notfalls auch ganz ohne Publikum funktionieren. Anhand einiger vorab von OP-Lesern gesammelten und zufällig hereingegebenen fiktiven Buchtitel und über Facebook in Echtzeit vorgeschlagenen Namen von Orten und Personen spielten sie die zwerchfellerschütternde Geschichte vom Briefmarkensammler „Flohmarkt-Frieder“, der Herkules und das A-Team dazu bringt, die ganze Welt zu vereisen.

Ausnahmsweise durfte anschließend wieder im Kaminzimmer auch ein Gießener auf die Bühne in Marburg: Der Mittelhessen-Botschafter Dietrich Faber zeigte beim Vorlesen aus seinen Vogelsberg-Krimis, welches Comedy-Potenzial oberhessische Yoga-Kurse oder Grill-Freaks aus dem Vogelsberg zu bieten haben. Zudem malträtierte er als Oberhessen-Original „Manni Kreutzer“ betont schräg seine Gitarre und rollte in unnachahmlicher Art das „Rrrrr“.

Als Absacker des Vier-Stunden-Programms gab es „Outdoor“ noch gepflegt etwas auf die Ohren. Verantwortlich dafür war eine junge Band aus dem Hinterland, die sich den etwas härteren Tönen verschrieben hatte und sich „London ahead“ nennt. Verantwortlich für die Namenswahl war einst der London-Flug eines Bandmitglieds. In der britischen Hauptstadt haben sie noch nie gespielt. Aber dafür jetzt eindrucksvoll in Marburg.

Von Manfred Hitzeroth

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