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Marburg Vielen Bauern fehlt das Futter
Marburg Vielen Bauern fehlt das Futter
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19:56 22.01.2021
Die Heuernte 2020 ist regional sehr unterschiedlich ausgefallen. In manchen Regionen wird das Tierfutter knapp.
Die Heuernte 2020 ist regional sehr unterschiedlich ausgefallen. In manchen Regionen wird das Tierfutter knapp. Quelle: Lutz Benseler
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Marburg

Deutschland erlebte 2020 das dritte Trockenjahr in Folge. Während sich Urlauber in den Bergen oder an den Küsten über viel Sonnenschein und warme bis heiße Temperaturen freuten, kämpfen Deutschlands Landwirte und Waldbesitzer noch immer mit den Folgen der Dürre. Vor allem Heu und Silage-Futter ist mancherorts knapp.

Schon im Herbst 2020 schlugen Bauernvertreter Alarm. „Das Tierfutter ist knapp“, betonte Bernd Weber, Sprecher des Hessischen Bauernverbandes, im Oktober.

Stark betroffen waren die Landkreise Waldeck-Frankenberg, der Hochtaunus und der Odenwald. Dort sei das Grünland wegen Wassermangels sehr spärlich gewachsen. Die Landwirte müssten Futter zukaufen oder die Zahl ihrer Tiere reduzieren.

Doch wie sieht es im Landkreis Marburg-Biedenkopf aus? Der Bauernverband sprach im Oktober 2020 von regional sehr unterschiedlichen Niederschlägen im März und April, die für das Wachstum auf Wiesen von eminenter Bedeutung sind. Für die Landwirte, die mehrfach im Jahr mähen, habe bereits der erste Schnitt in vielen Regionen starke Einbußen gebracht. Gleiches gelte für den als Tierfutter verwendeten Silomais.

70 Prozent der üblichen Regenmenge

Schon 2019 mussten manche Bauern ihre Tierbestände verkleinern, weil sie nicht genug Futter hatten und Zukäufe einfach nicht rentabel waren – wenn man denn überhaupt Futter zukaufen konnte. Nach drei Trockenjahren in Folge sind die Reserven vielerorts aufgebraucht.

„Es wird schwieriger“, sagt Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands Marburg-Kirchhain-Biedenkopf mit Blick auf die drei Dürrejahre 2018 bis 2020. Nach dem Rekordsommer 2018 mit monatelanger Hitze und Dürre und einem ebenso heißen und trockenen Jahr 2019 fehlte in Deutschland in weiten Teilen des Landes Regen.

Das Jahr 2020 startete wieder mit einem zu trockenen Frühling – und auch der Sommer war insgesamt zu heiß und zu trocken. Ein klassischer Landregen blieb aus. Im Vergleich zum langjährigen Mittel fielen im Sommerhalbjahr 2018 laut wetter.de nur 63 Prozent des üblichen Regens, 2019 waren es 81 Prozent und in 2020 waren es gut 70 Prozent. Und die Regenmengen waren zudem sehr ungleich verteilt.

Erste beiden Grasschnitte waren noch okay

Die Folgen sind greifbar – insbesondere für Landwirte und Pferdehalter. Karin Lölkes betreibt einen Bauernhof in Simtshausen. Der erste und zweite Grasschnitt in diesem Jahr seien dort „anständig“ gewesen, danach sei kein Gras mehr gewachsen. Sie komme über die Runden, weil sie genügend Mais als Tierfutter anbaut. „Für Landwirte, die Futter zukaufen müssen, wird es problematisch“, meint sie. Sie wisse von Bauern, die wegen Grasmangel sogar Getreide ins Silo gefahren hätten.

Dabei gab es selbst im Landkreis Marburg-Biedenkopf erhebliche Unterschiede. Landwirte mit guten Böden etwa im Ebsdorfer Grund hätten sicherlich weniger Probleme als ihre Kollegen im Hinterland mit schwierigeren Böden, so Karin Lölkes. Sie hofft, dass es 2021 besser wird. Derzeit aber sieht es nicht danach aus: Bislang hat es im Winter zu wenig geregnet.

Kreislandwirt Frank Staubitz aus Caldern hat einen Mutterkuh-Betrieb, das heißt: Die Kälber wachsen bei den Muttertieren auf und werden von ihnen gesäugt, er produziert keine Milch für den Verkauf. „Bei uns ist im Sommer deutlich weniger Grünfutter gewachsen. Wir mussten alles daransetzen, dass wir im Sommer nicht schon das Winterfutter aufbrauchen“, sagte er der OP. Wegen des Futtermangels hat er für seine Tiere Zuckerrüben zurückgehalten, die er normalerweise an eine Zuckerfabrik geliefert hätte. Gut für die Tiere, schlecht für ihn.

Kaum Wasser, um Vorrat aufzufüllen

2020 war auch aus seiner Sicht ein schwieriges Jahr für die Landwirte. Statistisch gesehen ist die Ernte in Deutschland um 3 Prozent geringer ausgefallen, im Landkreis Marburg-Biedenkopf um 5 Prozent. Doch die Unterschiede waren enorm, selbst innerhalb weniger Kilometer Luftlinie: „Es gab Gegenden im Kreis mit Rekordernten und es gab Gegenden im Westen des Landkreises, da ist sie fast komplett ausgefallen.“

Normalerweise würden in den Monaten November, Dezember und Januar die Wasservorräte aufgefüllt – „aber da ist bis jetzt nicht viel gekommen“, sagt Staubitz. An der Zahl der in landwirtschaftlichen Betrieben gehaltenen Tiere kann die Futtermittelknappheit nicht liegen, meint Staubitz.

Habe es noch in den 50er- und 60er-Jahren in vielen Dörfern im Landkreis bis zu hundert kleine und kleinste Milchproduzenten und vor 30 Jahren noch mehr als 2.000 Milchviehhalter gegeben, so gebe es heute im Kreis gerade noch 80 Milchviehhalter mit allerdings deutlich größeren Beständen. Hinzu kämen etwa 400 Mutterkuhhalter.

Dennoch: „Es gibt im Landkreis so wenig Großvieh wie noch nie“, sagt der Kreislandwirt. „Heute kommen 0,5 Großvieheinheiten auf einen Hektar Land, vor 100 Jahren waren es 1,6.“ Trotzdem ist die Rinderhaltung laut dem Landesbetrieb Landwirtschaft die stärkste Einkommensquelle der hessischen Viehwirtschaft. Rund 417.000 Rinder werden in rund 7.800 Betrieben gehalten.

Futtermittelbörse 2018 gegründet

Neben der Trockenheit sieht Staubitz einen Grund für die Futtermittelknappheit im Flächenverbrauch: „In den letzten 40 Jahren sind allein im Kreis rund 10.000 Hektar Agrarflächen weggefallen“, sagt der Landwirt. Versiegelt für Straßen-, Wohnungs- und Gewerbebau.

Der Kreisbauernverband hat schon im Herbst 2018, nach dem ersten Dürrejahr, eine Futtermittelbörse eingerichtet, die gut nachgefragt sei, wie der Geschäftsführer Heinz-Hermann Nau-Bingel bestätigt. Der Verband vermittelt Anbieter an Futtermittel-Suchende. Nau-Bingel sagt, dass sich Landwirte in der Regel untereinander helfen. Doch das gehe eben nur, wenn noch Reserven da seien.

Kreislandwirt Frank Staubitz hat sich bei Kollegen im Kreis umgehört. „Es wurde Heu in Ostdeutschland und zum Teil Silage in Polen gekauft. Aber es wurden nicht in großem Stile Kühe oder Rinder verkauft", sagte er der OP. Und manche Bauern verfüttern Stroh an die Tiere, das mit Getreide angereichert werde, um den Verkauf von Tieren zu vermeiden.

Von Uwe Badouin

22.01.2021
23.01.2021