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Marburg Vor extensiv kommt intensiv
Marburg Vor extensiv kommt intensiv
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13:58 26.06.2020
Eine Blühwiese in Haddamshausen. Quelle: privat
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Haddamshausen

Die Einwohner von Haddamshausen sind irritiert. Die Blühwiesen, die für den Hochwasserschutz im Jahr 2018 angelegt wurden, sollten eigentlich von Schafen abgeweidet werden. So jedenfalls war das Projekt damals im Bürgerhaus vorgestellt worden.

Die Stadt hatte dafür ehemalige Ackerflächen gekauft und diese vorbereiten lassen. 43.000 Euro sind aus dem Landesprogramm Gewässerentwicklung und Hochwasserschutz in das Projekt geflossen. Die Ackerflächen sind vorher aus städtischen Mitteln des Naturschutzes erworben worden.

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„Auf einem Teil der Flächen wurden 2018 die beiden Gewässer naturnah gestaltet und eine Reihe von Tümpeln angelegt, die als Amphibienlaichgewässer dienen sollen. Die restlichen ehemaligen Ackerflächen sollen in extensiv genutzte, artenreiche Wiesen entwickelt werden“, schrieb die Stadt auf OP-Anfrage.

Nach OP-Recherche wurden genau diese artenreichen Wiesen, ein Jahr nach der Aussaat, schon während der Brut- und Setzzeit gemäht. Der wilde Salbei oder die Margeriten hatten noch nicht einmal geblüht.

Stadt: Pächter suchte Fläche ab

Die Verwaltung erklärt das so: „Es ist zur Förderung der Wiesenarten naturschutzfachlich sinnvoll, dass die Flächen in den ersten Jahren häufiger als einmal gemäht werden, um die Flächen auszumagern und bestimmte dominante Ackerkräuter, wie beispielsweise die Distel, zurückzudrängen. Dies wird auch Schröpfschnitt genannt.“

Dabei zieht gerade die Distel viele Insekten und Schmetterlinge an. Auch der Distelfink beziehungsweise Stieglitz sucht bevorzugt nach der Pflanze. Die Stadt betont, dass „der jetzige Pächter die Flächen vor der Mahd nach Rehkitzen oder brütenden Vögeln abgesucht“ hatte. Dieses reicht aber laut einem Schreiben des Landkreises an die Landwirte, das der OP vorliegt, gar nicht aus.

Hohe Geldbußen möglich

Darin steht: „Geplante Mähvorhaben sind dem Jagdpächter rechtzeitig zu melden. Zum Schutz des Wildes und eigenen Geldbeutels. [...] Damit der Jagdpächter ausreichende Maßnahmen ergreifen kann, um den Schutz von Wildtieren, insbesondere Rehkitzen sicherzustellen, muss die Information spätestens am Tag der geplanten Mahd weitergegeben werden.“

Tut er das nicht, können hohe Geldbußen fällig werden. So wurde ein Landwirt aus Homberg aus dem Vogelsbergkreis von einem Gericht zu einer Strafe von 1.000 Euro verurteilt, weil er beim Mähen ein Kitz getötet hatte. Nach OP-Recherchen waren die Jagdpächter in Haddamshausen über das Mähen im Vorfeld nicht informiert worden. Beide waren sehr überrascht, als sie am Tag danach die kurzen Wiesen vorfanden.

„Ein Ziel ist bereits erreicht worden“

„Eine extensive Nutzung bedeutet, dass die Flächen nicht gedüngt und nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht werden. Für die Entwicklung einer artenreichen Wiese aus einer ehemaligen Ackerfläche bedarf es mindestens 10 bis 20 Jahre“, erfuhr die OP aus der Stadtverwaltung. Darüber seien die Haddamshäuser weder damals im Bürgerhaus, noch in diesem Jahr informiert worden.

Die OP erfuhr in Gesprächen vor Ort, dass von einer Beweidung durch Schafe die Rede war und nur einmal im Spätsommer gemäht werden sollte. Die Stadt stellte noch einmal klar: „Die Flächen werden, wie im Projekt vorgesehen, weiterhin so bewirtschaftet, dass sich in einigen Jahren artenreiche, extensiv genutzte Wiesen entwickeln können. Es gibt keine gravierende Nutzungsänderung oder Intensivierung der Flächen.“ Und noch etwas wurde festgestellt: „Ein Ziel des Naturschutzprojektes ist bereits erreicht worden. Die Tümpel wurden von den Amphibien als Laichgewässer angenommen.“

Von Katja Peters

26.06.2020
26.06.2020
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