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Marburg Kam es zur Vergewaltigung?
Marburg Kam es zur Vergewaltigung?
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16:08 25.11.2019
Ein 77-Jähriger muss sich im Berufungsprozess vor dem Landgericht in Marburg wegen Sexualdelikten verantworten.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Auch am zweiten Verhandlungstag machte der Angeklagte, der sich im Berufungsprozess vor dem Landgericht Marburg wegen einer Vergewaltigung sowie weiterer Sexualdelikte verantworten muss, einen sehr entspannten Eindruck. Schon beim Verhandlungsauftakt hatte der 77-jährige Physiotherapeut alle Vorwürfe gegen sich abgeschmettert und behauptet, dass das angebliche Vergewaltigungsopfer ihn lediglich „aus finanziellen Gründen“ vor Gericht gezerrt habe.

Sein Verteidiger Sascha Marks ließ nun Taten folgen. Der Rechtsanwalt stellte einen Beweisantrag. So soll der Frau, die sein Mandant vergewaltigt haben soll, auf den Zahn gefühlt werden. Die Frau tritt nicht nur als Zeugin, sondern auch als Nebenklägerin auf. Marks schlug eine Psychologin aus Bochum für die Aufgabe des psychologisch-psychiatrischen Gutachtens vor.

Da laut Antrag eine „Aussage-gegen-Aussage-Konstellation“ vorliegt, müsse externer Sachverstand hinzugezogen werden. So verlas Marks: „Die Nebenklägerin hat in zentralen, das Kerngeschehen betreffenden Punkten wechselhaft ausgesagt. Während die Nebenklägerin in ihrer polizeilichen Vernehmung noch angab, zur Tatzeit ‚oben ohne‘ gewesen zu sein, wechselt sie ihre Aussage sowohl im erstinstanzlichen wie im Berufungsverfahren.

Vorfall ereignete sich vor zwölf Jahren

Nunmehr will sie einen BH getragen haben und der Angeklagte habe mit der Hand ‚unter den Büstenhalter‘ gegriffen.“ Kurz darauf soll der Beschuldigte die Frau, mit der er in einer Praxis zusammenarbeitete, zum Oralverkehr gezwungen haben.

Ferner machte Marks in seinem Antrag auf das Aussageverhalten der Frau aufmerksam, dass „vollkommen frei von zu erwartenden Emotionen“ sei. Was die Nebenklägerin der Strafkammer unter dem Vorsitz von Gernot Christ bei ihrer Aussage am ersten Verhandlungstag mitgeteilt hatte, ist nur den Prozessbeteiligten bekannt, da für diesen Zeitraum die Öffentlichkeit ausgeschlossen wurde.

Laut Antrag des Verteidigers habe die Frau nach dem Vorfall, der sich bereits vor zwölf Jahren ereignet haben soll, niemandem von einer Vergewaltigung berichtet, um keinen „Ärger zu bekommen“. Zumal die Nebenklägerin am ersten Verhandlungstag angegeben habe, den Vorfall „längst verdrängt und vergessen“ und ihn „mit sich selbst verarbeitet“ zu haben. Die Kammer befand jetzt noch nicht über den Beweisantrag, sondern berät bis zum nächsten Verhandlungstermin.

Wäre keine sexuelle Belästigung zur Last gelegt worden, wäre der Vergewaltigungsvorwurf wohl nie Gegenstand einer Strafsache worden. Denn die Nebenklägerin hatte den Angeklagten nach der angeblichen Vergewaltigung nicht angezeigt. Erst über Umwege kam die Sache ins Rollen.
„Ich war total überrascht als sie mir das erzählt hat“, sagte die Polizistin, welche die Nebenklägerin vernahm.

Sie habe die Frau wegen des Vorwurfs einer sexuellen Belästigung, den eine Patientin gegen den Angeklagten erhoben hatte, vernommen und wollte von ihr wissen, ob ihr über mögliches Fehlverhalten ihres Kollegen etwas bekannt sei.

  • Fortsetzung: Montag, 2. Dezember, ab 9 Uhr.

      von Benjamin Kaiser