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Marburg Für und Wider der Nordstadt-Regelung
Marburg Für und Wider der Nordstadt-Regelung
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00:18 13.05.2019
Seit Herbst 2015 ist die Einbahnstraßen-Regelung in der Robert-Koch-Straße aufgehoben. Unternehmer wie Hassan Sorany kritisieren die Verkehrsführung seit Jahren – und befürworten eine Rückkehr zur Alt-Regelung und weitere Schritte. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Christian Großmann wundert sich. „Warum erst jetzt?“, fragt sich der Vorsitzende des Werbekreises Nordstadt. Seit Jahren werde heftig über den Verkehr in der Nordstadt diskutiert.

„Mit Vorschlägen früher zu kommen, wäre besser gewesen“, sagt er angesichts des Vorstoßes der CDU, die Robert-Koch-Straße wieder zu einer Einbahnstraße zu machen.

Von der Rückabwicklung des einstig als Verkehrsversuch bezeichneten Vorhabens hält er jedoch nichts. „Wir wissen ja gar nicht, wie es wird, wenn die Weidenhäuser Brücke wieder auf ist“, sagt er.

Großmann: Spurenanzahl schafft Probleme

Die jetzige Regelung habe Potenzial. Insbesondere, wenn eine Fahrradspur in der Bahnhofstraße kommen sollte. Dann, mutmaßt Großmann, werde die Möglichkeit stadteinwärts in die Robert-Koch-Straße zu fahren, auch mehr genutzt werden.

Durch die unterschiedliche Anzahl der Spuren innerhalb der Bahnhofstraße entstünden erst die Probleme, da Autofahrer während des zweispurigen Teils vor der Elisabethstraße unnötig beschleunigen könnten. Wenn ihnen diese Möglichkeit genommen werde, so Großmann, entspanne sich die Situation in diesem Gebiet.

Hassan Sorany, Chef des gleichnamigen Taxi-Unternehmens, begrüßt hingegen den CDU-Vorschlag. Aber: „Das reicht noch nicht.“ Sorany wünscht sich auch eine Neuregelung für Rechtsabbieger aus der Bahnhof- in die Rosenstraße.

Taxi-Unternehmer fordert grünen Pfeil

Da die Grünphase der Abbieger mit der für Fußgänger gekoppelt sei, würde der Verkehr ausgebremst. Steht ein Rechtsabbieger ganz vorne und Fußgänger wollen die Straße passieren, käme der komplette Verkehr zum Erliegen. Sorany fordert deshalb einen grünen Pfeil für Rechtsabbieger und einen Zebrastreifen statt einer Ampel für Fußgänger. Dies habe er Bürgermeister Wieland Stötzel­ (CDU) bei einem Treffen vor ­etwa einem Dreivierteljahr vorgeschlagen.

„Diese Verkehrsführung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt“, sagt Frank Wilser, Uferstraßen-Bewohner. Dass sich nun in Regierungskreisen eine Abkehr von der Regelung, die von Magistrat und Stadtverwaltung lange als Verkehrsversuch betitelt wurde, abzeichnen könnte, begrüßt er im OP-Gespräch.

„Es wird allerhöchste Zeit, dass sich an dieser künstlich herbeigeführten Situation etwas ändert – im Sinne der ­Anwohner und der Autofahrer.“ Eine Haltung, die vor allem die Regierungsparteien CDU und BfM sowie die oppositionelle FDP teilen (die OP berichtete).

„Nach Chaos wirkt alles wie Verbesserung“

Die Zustände wurden bereits vor Jahren, schon vor der Sperrung der Weidenhäuser Brücke, auch von anderen kritisiert. In der Bahnhofstraße ansässige Unternehmer wie Ralf Wagner von Optik Wagner sprach etwa von „einer Katastrophe, jeden Tag, jede Stunde aufs Neue.“ Man habe aus „einem unbefriedigenden einen unerträglichen Zustand gemacht“, sagte Lydia­ Homberger, Inhaberin des gleichnamigen Herrenausstatters in der Bahnhofstraße.

Auch die Einschätzungen aus anderen Büro- und Geschäftsgebäuden in der Nordstadt klingen anders als die Pro-Verkehrsversuch-Aussagen des Werbekreis-Vorsitzenden Großmann. „Von der Brücke wird derzeit alles abhängig gemacht. Klar: Gewöhnt man die Menschen erst mal an das Chaos, fühlt sich auch eine Krisensituation wie eine Verbesserung an“, sagt ein Geschäftsmann in der Bahnhofstraße, der im OP-Gespräch anonym bleiben will.

Robert-Koch-Straßen-Abzweig wenig genutzt

Auch die OP-Leser Stefanie Preising und Andreas Strauß halten einen „besseren Verkehrsfluss“ über eine Rückkehr zur Zweispurigkeit rund um das Nordstadt-Nadelöhr für möglich – gerade im Sinne der Tausenden Berufspendler aus den Umland-Gemeinden.

Die Wirksamkeit der Neu-­Regelung wird ohnehin beharrlich bezweifelt. So ergaben OP-Verkehrszählungen aus den Vor-Brückensperrungs-Jahren 2016 und 2017 eine Linksabbieger-Quote von rund 13 Prozent. Heißt: Von 100 Autos, die an der Bahnhofstraßen-Kreuzung stehen, nutzten in dieser Zeit durchschnittlich nur 13 den neuen Weg über die Robert-Koch-Straße.

Vorwurf: Politiker sind contra Auto

Eine Größenordnung, die von der Straßenverkehrsbehörde damals bestätigt wurde – die aber weit hinter den städtischen Erwartungen von 30 bis 50 Prozent zurückblieb. Trotzdem: Insgesamt, so die Stadtverwaltung würden seit der Neuregelung täglich 2.500 Fahrzeuge weniger durch die Elisabethstraße, die es zu entlasten gelte, fahren.

„Solange der ganze Verkehr am Zollamt vorbei muss, kann es nicht besser werden“, sagt OP-Leser Dirk Lepper zur von der CDU vorgeschlagenen, aber von allen anderen Parteien abgelehnten Vorschlag ­einer Bahnhofsvorplatz-Teilöffnung. „Politiker sind für alles zu begeistern was Contra-Autoverkehr ist“, sagt Birgit Ackermann-Marchi, die laut eigener Aussage Ende der 1990er-Jahren bei der Anwohner-Beteiligung in der Nordstadt mitwirkte und Vorplatz-Umgestaltung und Co. ablehnend gegenüberstand.

von Björn Wisker 
und Tobias Kunz