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Marburg Ein Weg für eine Handvoll Radfahrer?
Marburg Ein Weg für eine Handvoll Radfahrer?
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11:58 14.06.2021
Seit etwa einem halben Jahr gibt es bergauf und bergab Radstreifen auf der Großseelheimer Straße. Wer sie nutzt, ist laut Verkehrszählungs-Stichproben eher ein Exot.
Seit etwa einem halben Jahr gibt es bergauf und bergab Radstreifen auf der Großseelheimer Straße. Wer sie nutzt, ist laut Verkehrszählungs-Stichproben eher ein Exot. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Ein Mann beugt sich und stutzt das grüne Gestrüpp auf seinem Grundstück. Das Klacken der Gartenschere, die er in der rechten Hand hält, ist stets dann zu hören, wenn gerade mal kein Auto, kein Bus, kein Transporter vorbei fährt. Nur, wenn das Rauschen jeweils von mal zehn, mal 20 Sekunden Straßen-Stille unterbrochen ist, hört man Vögel zwitschern, Bienen summen und eben das Klicken der Schere.

Die Großseelheimer Straße ist das, was man eine Hauptverkehrsstraße nennt. Auf ihr rollen täglich, und nicht nur in Berufsverkehrs-Stoßzeiten viele Fahrzeuge zum Lahnberge-Klinikum, den Uni-Fachbereichen, der Klinik Sonnenblick oder ins Zentrum. Nach Angaben der Stadtverwaltung, die 2019 letztmals die Verkehrsmenge zählte, sind es unter der Woche 12.000, an Wochenenden 6.500 Fahrzeuge pro Tag. Der Hauptverkehr, das wird bei Beobachtungen schnell klar, hat vier Räder und wird von Motorkraft angetrieben. Verbrenner, Batterie – egal, der von ihnen benötigte, der eingenommene Platz bleibt gleich.

Fahrspur wurde deutlich verengt

Und doch hat die Stadt Marburg Ende 2020 in beide Richtungen Rad-Streifen markiert, die Fahrspur damit deutlich verengt. Die Raumaufteilung ist seitdem so: Auf den Seiten, mal berg-, mal talseitig gibt es an die Gehwege grenzende Parkplätze, es folgt auf beiden Seiten eine gestrichelte, 1,50 Meter breite Rad-Spur und in der Mitte verläuft eine 4,5 Meter schmale Auto- und Gegenverkehrs-Fahrbahn.

Weil sich die entgegenkommenden Fahrzeuge stets sehr nah kommen, nehmen fast alle Teile des Fahrradstreifens in Anspruch. Selbst die „Fahrradinitiative Lahnberge“ bemängelt, dass „Begegnungsverkehr für Autos knapp“ sei, auch der Sicherheitsabstand für Radfahrer so praktisch nicht existiere. Die Frage, die sich Berufspendler und Hansenhausviertel-Bewohner stellen, ist: Was bringen die Rad-Streifen eigentlich, wie oft werden sie täglich genutzt?

Anwohner beobachten „maximalen Leerlauf“

„Wenn es eine Handvoll Radfahrer ist, die hier langfährt, dann sind es viele“, sagt Gerhard Schmidt, der seit rund 25 Jahren im Gebiet rund um Großseelheimer-, Gerhard-Hauptmann- und Brüder-Grimm-Straße wohnt. Der 69-Jährige ist in den vergangenen Wochen zwischen Liebfrauenkirche und Tankstelle umher gelaufen und hat Liste geführt: Wie viele Radler nutzen die Strecke? Bis zum Vormittag etwas mehr als ein Dutzend, am Nachmittag und Abend nicht viel mehr – und zwischendrin „maximaler Leerlauf“, vier, fünf pro Stunde.

Nicht viele, wenn man von täglich mehr als 10.000 Lahnberge-Rauf- und Runterfahrern ausgeht, wie Schmidt sagt. OP-Stichproben an Werktagen im Mai und Juni – als nicht nur Corona-Lockerungen für mehr Betrieb in der Stadt sorgten, sondern auch das Wetter gut war – bestätigt Schmidts Eindruck: Pro Minute nutzen rund 30 Autos, Busse und Transporter die Großseelheimer Straße, während pro Stunde nur etwa ein halbes Dutzend Radler auf der Strecke fahren. Die einen treten dann sichtbar mit E-Unterstützung, die anderen eher sportlich, mancher eher umweltbewusst, symbolisch gar mit Klimalisten-Emblem am Gepäckträger montierten Flagge, in die Pedale.

Schu: „gefährliche“ Lösung

Dr. Ulrich Schu, einer der Rad-Gurus in Marburg, überrascht die Leere nicht. Er hält von der aktuellen Lösung wenig, bezeichnet sie sogar als gefährlich, spricht von „trügerischer Sicherheit“ sowohl für Radler als auch Autos etwa bei Überholabständen.

Auf der einen Seite der Großseelheimer Straße verlaufe der Alte Kirchhainer Weg zum Hansenhaus, auf der anderen Seite ein gepflasterter Weg zwischen Glaskopf und Richtsberg bis zum Rilkeweg – beides seien für Radfahrer trotz aller Mängel die besseren, sichereren Strecken. „Was soll ich auf der Großseelheimer mit dem Rad?“

Rad-Bürgerinitiative: Fehler vermeiden

Um das Radverkehrsaufkommen zu erhöhen, müssten Sicherheit und Komfort gesteigert werden. Seien es breitere, rote Streifen, wie es sie etwa „Auf den Lahnbergen“ oder Bahnhofstraße gibt, oder bessere Beschilderung von Alternativ-Routen wie etwa durch den Wald beim Alten Kirchhainer Weg.

„Große Bedenken“ hat auch Sara Müller von der BI Verkehrswende. Scheinbare Sicherheit, Zuparken der Wege: Man habe im Vorfeld auf die absehbaren und tatsächlich eingetretenen Probleme hingewiesen. Vor der Umsetzung gab es auch von Anwohnern Kritik, der grundsätzliche Sinn der Radspur-Einzeichnungen auf der Durchgangsstraße, speziell bergab wurde teilweise infrage gestellt.

Berg- und talseitige Rad-Spur

Eine Bergab-Route vom bestehenden, regulären Rot-Radweg bei der Aral-Tankstelle über den Kaffweg sieht die Stadt vor allem wegen dem Mix aus Gefälle, Laub und somit Rutschgefahr kritisch. Eine versuchsweise Öffnung wurde im Herbst 2020 eigentlich für dieses Jahr angekündigt.

Doch was auf dieser Seite des Marburger Bergs schon seit rund einem halben Jahr Realität ist – berg- und talseitige Rad-Spuren – soll nach dem Willen von SPD-Politikern wie Gerald Weidemann auf der anderen Seite schleunigst kommen: Vom Waldtal über die Panoramastraße oberhalb von Bauerbach bis zum Uni-Klinikum wäre das ein Lückenschluss für eine Art „Radfahr-Ring“ zu den Lahnbergen.

„Sicherheit und Akzeptanz“ im Verkehr

Der Magistrat soll sich für die Einzeichnung von Radspuren bei Hessen Mobil – der Landesbehörde, der die Straße gehört – stark machen. Eine „fahrradfreundliche Gestaltung“ solle dafür sorgen, dass sich für den Velo-Verkehr „Sicherheitsgefühl und Akzeptanz einstellen“, wie es in einem Parlamentsantrag heißt.

Müller will für die Panoramastraßen-Planungen die auf der anderen Bergseite bestehenden Mängel vermieden wissen: Es brauche wegen des Platzkonflikts mindestens sogenannte Breitstriche und mindestens zwei Meter Seitenstreifen. Und auch das sei nicht so gut, wie alternative Strecken, der Bau echter statt nur Strichel-Radwege.

Von Björn Wisker

14.06.2021